«In der Schweiz brauche ich keine Machete»

Der kanadische Country-Pop-Superstar Shania Twain (52) lebt am Genfersee. Sie spricht über ihre erste CD nach 15 Jahren und die Bewältigung ihrer grossen privaten und gesundheitlichen Probleme.

Mit den Alben «Come On Over» und «Up!» verschmolz die Sängerin und Songschreiberin Shania Twain (52) um die Jahrtausendwende Country und Pop. Die 85 Millionen verkauften Alben und Singles wie «That Don’t Impress Me Much» oder «I’m Gonna Getcha Good» brachen diverse Chart-Rekorde. Als sie jedoch 2008 herausfand, dass Ehemann und Kreativpartner Robert John «Mutt» Lange sie jahrelang mit ihrer Mitarbeiterin und besten Freundin betrogen hatte, stürzte sie in eine tiefe Lebenskrise. Aufgrund der folgenden Funktionsstörung an ihrem Kehlkopf schien ihre Karriere gefährdet. Doch dann fand sie im Schweizer Nestlé-Manager Frédéric Thiébaud (dem Ex-Ehemann ihrer Freundin) ein neues Glück. Die stimmliche Blockade löste sich. In London gewährte sie der Coopzeitung ein Exklusiv-Interview.

Wie fühlen Sie sich nach der Geburt Ihres Babys?
Äh … Baby? (Lacht.) Er ist kürzlich immerhin schon 16 Jahre alt geworden.

Ich meine nicht Ihren Sohn, sondern Ihr erstes Albums seit 15 Jahren ...
… ach so! Aber Sie haben schon recht: Wenn das Album, an dem man so lange gearbeitet hat, endlich herauskommt, ist das eine grosse Erleichterung und fühlt sich tatsächlich an wie eine Art Geburt. Ehrlich gesagt: Ich bin begeistert!

Die Songs sind vielfältig und sehr persönlich.
Das Album entstand in einer Zeit meines Lebens, in der ich den Drang spürte, eine intimere Seite von mir zu zeigen. Ich drücke mich am
besten aus, wenn ich das, was ich fühle, denke oder erlebe, in Lieder einfliessen lasse. Der Songwriting-Prozess ist dann sozusagen ein Download meiner Erfahrungen in ein Drei-Minuten-Format. Zuerst entstehen die Worte, und der Text inspiriert mich zur Musik.

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Welchen Teil dieses Prozesses mögen Sie mehr?
Letzteres ist der unterhaltsamere Teil, der mir mehr Spass macht und auch mehr Raum für Experimente lässt. Aber ich schreibe ja eigentlich immer, das ist ein kontinuierlicher Prozess.

Warum hat es dann so lange gedauert, bis «Now» herauskam?
Tatsächlich habe ich viele Jahre an diesem Album gearbeitet. «Now» aufzunehmen und zu produzieren machte mir Angst, da ich seit vielen Jahren nicht mehr alleine geschrieben hatte. Ausserdem hatte ich grosse Probleme mit meiner Stimme, die ich einfach nicht mehr kontrollieren konnte. Lange dachte ich, dass ich nie wieder singen oder eine professionelle Karriere als Sängerin haben könnte. Diese unbekannten Grössen schreckten mich ab. Ich war unsicher, ob ich ein Comeback riskieren sollte.

Jetzt haben Sie’s gemacht.
Ja, aber ich musste mich förmlich dazu zwingen; ich wusste, dass es unangenehm werden könnte. Jetzt, wo es geschafft ist, bin ich sehr erleichtert und freue mich, das Album mit der Welt zu teilen.

Woher kamen Ihre Stimmprobleme?
Die Ärzte fanden zuerst keine befriedigende Antwort, sie standen vor einem Rätsel. Ich versuchte bereits zu akzeptieren, dass ich nie wieder richtig würde singen können. Als ich nach vier Jahren voller Tests und Untersuchungen endlich die richtige Diagnose erhielt, Dysphonie, wich die Ohnmacht, Optimismus kehrte zurück.

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Wie wichtig war dabei Ihre neue Liebe?
Mein Ehemann Frédéric überzeugte mich davon, nicht aufzugeben! Das war sehr wichtig!

Dysphonie, was muss man sich darunter vorstellen?
Es ist eine Funktionsstörung des Kehlkopfs. Meine Stimme funktionierte nicht mehr so, wie ich das wollte; sie war sehr unzuverlässig. Ich mache einen Vergleich: Wenn du einen Wasserhahn aufdrehst, sollte Wasser herauskommen. Durch die Dysphonie blieb er jedoch trocken, es kam kein Wasser. Deshalb konnte ich die Töne nicht wie gewohnt bilden. Die Genesung verlief nur langsam, da die Störung nicht operativ behoben werden kann und die Physiotherapie viel Zeit braucht. Meine Krankheit wird immer ein Problem bleiben, aber ich habe gelernt, mit ihr umzugehen.

Was bedeutet Ihnen das Singen?
Singen ist für mich ein Genuss – auch, wenn mir niemand zuhört. Früher war ich sogar sehr scheu, wenn es um das Singen in der Öffentlichkeit ging.

Wie sehr haben Sie es vermisst während Ihrer Krankheit?
Zu Hause zu singen, Songs zu schreiben, meinem Kind vorzusingen – das war eine Freude. Ich musste also nicht unbedingt auf der Bühne stehen. Die Freude dieses alltäglichen Singens ist das, was ich während meiner Krankheit am meisten vermisst habe. Das war schrecklich. Hätte mir jemand gesagt, dass ich nie mehr professionell würde singen können, wäre das weniger schlimm gewesen.

Sie sind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Hat Ihnen das Singen damals geholfen?
Ich liebte es bereits als Dreijährige. Meine Mutter begann sehr früh, mich auftreten zu lassen. Das Singen war für mich in den schwierigen Zeiten meiner Kindheit immer auch eine Flucht, eine Art Therapie. Ausserdem verdanke ich den Songs, in denen ich später teilweise eigene Erfahrungen verarbeitet habe, meine Karriere.

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Das Singen war für mich in schwierigen Zeiten immer auch eine Art Therapie.»

Fühlen Sie sich nach der Trennung von Ihrem ersten Ehemann «Mutt» Lange, mit dem Sie Ihre grössten Hits schrieben, wieder unabhängig?
Als ich Mutt kennengelernt hatte, genoss ich es sehr, erstmals mit jemand zusammen Songs zu schreiben. Wir hatten eine sehr kreative, musikalische Verbindung, und ich war glücklich, während all diesen Jahren seine Co-Autorin zu sein. Ich habe viel gelernt, fühlte mich aber nie
abhängig, obwohl es beim gemeinsamen Schreiben Einschränkungen gab.

Einschränkungen?
Ja, man fühlt sich irgendwie verpflichtet, Kompromisse einzugehen. Man nimmt aufeinander Rücksicht. Es ist eine Ehe der Ideen.

Und wie war es nach Ihrer Scheidung?
Die Arbeit war anders. Es war erfrischend, aber am Anfang auch Furcht einflössend, da ich lange keine Songs mehr alleine geschrieben hatte. Als ich meine Balance wieder gefunden hatte, blühte ich jedoch total auf. Mir gefallen beide Konzepte – allein und zu zweit zu komponieren –, aber dieses persönliche Album musste ich als eigenständige Denkerin und Schöpferin produzieren – ohne Feedback und Einfluss von aussen.

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Viele Schweizer träumen vom Auswandern nach Kanada, Sie sind von Kanada in die Schweiz ausgewandert. Was gefällt Ihnen an unserem Land?
Es gibt so vieles, was man an der Schweiz lieben kann. Sie ist wunderschön, noch hübscher, als ich sie mir vorgestellt hatte. Das Land ist so sauber, sogar die Natur ist gepflegt. Kanada ist viel unaufgeräumter und struppiger. In den Schweizer Wäldern kann man Pilze pflücken und braucht keine Machete mitzunehmen! Die Berge sind unglaublich – ich gehe oft wandern. Die Qualität des Essens und die Sorgfalt, mit der es zubereitet wird, sind ausgezeichnet. Ironischerweise habe ich erst am Genfersee gelernt, fliessend Französisch zu sprechen, obwohl ich aus einem zweisprachigen Land komme.

Können Sie als Star in der Romandie ein normales Leben führen?
Ja, die Schweiz ist für mich ein wunderbarer Rückzugsort. Die Menschen hier respektieren meine Privatsphäre. Ich kann mit meiner Familie unbehelligt leben. Wenn ich in der Schweiz von jemandem angesprochen werde, dann sind es meistens Ausländer.

Shania Twain wurde am 28. August 1965 in Ontario (Kanada) geboren. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater auf und erlebte häusliche Gewalt. Als beide bei einem Unfall ums Leben kamen, kümmerte sie sich primär um ihre jüngeren Geschwister. Deshalb erschien ihr Debütalbum erst 1993.

Es weckte die Aufmerksamkeit von Produzent «Mutt» Lange (Bryan Adams, Foreigner), der mit ihr die CD «The Woman In Me» aufnahm und sie heiratete. Auf ihrem rasanten, mit «Come On Over», «Up!» und fünf Grammys gekrönten Aufstieg und der Geburt ihres Sohnes folgte 2008 die Trennung des Paares. Auf dem sechsten Album «Now» hat sie ihre Achterbahn der Gefühle zu Songs verarbeitet. Die Single «Life’s About To Get Good» bringt ihren wiedergefundenen Optimismus zum Ausdruck.

  
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