Manush Cameron und die UNO-Vollversammlung im Hintergrund: «Dieser Schwiizertüütsch-Kurs ist eine Herzenssache für mich.»

«Prelaaggi!» Dialekt klingt besser

«Schwiizertüütsch»-Lehrerin Manush Cameron verhindert Missverständnisse und Ehekrisen. Ein Augen- und Ohrenschein im Klassenzimmer.

Der Kontakt mit den bayerischen Verwandten basiert auf grenzüberschreitender Herzlichkeit – es sei denn, es geht um Fussball. Doch manchmal trüben selbst abseits vom Rasen Missverständnisse die Eintracht: Als ich der Tochter des Cousins in helvetischer Naivität sagte, sie sei eine «Schüüchi», kassierte ich vom Vater einen verächtlichen Blick. «Schiach» bedeutet in Bayern «hässlich». Und als ich – um die Wogen zu glätten – zum Nachtessen einlud, stiess ich auf bares Unverständnis. Nördlich des Bodensees isst man zu Abend.

Manush Cameron (42) hat den Ernst der Lage erkannt. In Meilen ZH erteilt die ausgebildete Sekundarlehrerin Unterricht in «Schwiizertüütsch» – in einer Sprache, die «nur» ein Dialekt ist und für die es keine verbindlichen Regeln gibt. «Dieser Kurs ist für mich eine Herzensangelegenheit: Er erinnert mich an meine Kindheit.» Als Tochter eines Armeniers und einer Schweizerin war die Sprachenvielfalt bei ihr früh allgegenwärtig. «Aber unser Vater sprach nur wenig Armenisch mit uns. Er befürchtete, dass wir sonst das Deutsch vernachlässigen und als Ausländer wahrgenommen werden.»

So spricht Manush heute bloss ein paar Brocken Armenisch, dafür waschechtes Züritüütsch – und ertappt sich immer wieder, dass sie es mit der eigenen Sprache bisweilen nicht genau nimmt: «Wer sagt heute schon noch Bölle für Zwiebel – oder Anke für Butter? Alte Dialektausdrücke gehen mehr und mehr verloren», stellt sie fest. Dem tritt sie mit Überzeugungskraft entgegen – und empfängt eine Kundschaft, die an eine UNO-Vollversammlung erinnert: Agnes aus Kamerun, Viviana aus Ecuador, Nadine aus Deutschland, Samantha aus Grossbritannien sowie Victoria und Tatiana aus Russland. Als Lehrmittel dient das Sprachbuch «Züritüütsch verstaa – Züritüütsch rede» von Renate Egli-Wildi aus Küsnacht ZH.

Agnes ist zum ersten Mal dabei. Sie geht die Sache mit afrikanischer Leidenschaft an und kommt der Aufforderung der Lehrerin, zu sprechen, wie ihr «de Schnabel gwachse isch», enthusiastisch nach. Ihre Vorstellung dauert fast bis zur ersten Pause. Sie hat das Büechli «Chuchichäschtli» mitgebracht: «Ich bin schon lange in der Schweiz, habe Hochdeutsch gelernt und will endlich auch die Sprache der Einheimischen sprechen.» Mit ihren Hochdeutschkenntnissen entspricht Agnes der idealen Kursteilnehmerin: «Die Basis, um Schweizerdeutsch zu lernen, ist das Schriftdeutsch», sagt Cameron. Ausgerechnet ihr aus Neuseeland stammender Gatte David Cameron  will dies allerdings nicht wahrhaben: «Er spricht lieber Schweizerdeutsch – und das führt dann oft zu einem Mix mit dem Englischen», erzählt die Lehrerin.

Im Klassenzimmer in Meilen ist die Disziplin grösser. Viviana begrüsst die Kolleginnen mit einem herzlichen «Grüezi mitenand». Ihr Interesse an der Schweizer Sprache hat einen gesellschaftlichen Hintergrund: «Nur wenn man die Sprache der Menschen versteht, kann man auch das Land erleben.»

«Ich will mich so besser einleben»

Zuhören ist für viele Ausländer wichtiger als reden – zumindest, wenn es um den Dialekt geht: «Vor allem die Deutschen wollen im Schweizerdeutsch-Kurs nicht unbedingt sprechen lernen – sondern vor allem verstehen», sagt Cameron. Dies bestätigt Nadine: «Ich käme problemlos mit Hochdeutsch durchs Leben. Aber ich möchte beim Bäcker oder Metzger nicht, dass sie sich mir anpassen müssen.» Sie denkt, dass das Verständnis für die Sprache die Integration fördert: «Ich hoffe, mich so besser einzuleben.» Schon bald wird Nadine beim Becker das «Münz» zurückerhalten oder zu Hause das Brot «abenand schniide».

Tatiana spricht lieber Hochdeutsch als Schweizerdeutsch – auch mit ihrem Ehemann. Doch die Kinder tragen das Schwiizertüütsch automatisch in die Stube: «Das ist die Sprache der Gesellschaft – und unserer Familie. Deshalb muss ich schauen, dass ich den Anschluss nicht verliere.» Ihr Akzent führte hier schon zu Verwechslungen: «Oft wurde ich gefragt, ob ich aus Bayern stamme.» Victoria, die zweite Russin im Kurs, hatte einen trivialen Anlass, um die Schulbank zu drücken: «Ich wollte wissen, was mein Mann am Telefon sagt», erzählt sie, «und ich wollte mit den Nachbarn sprechen.»

Um die Schweizer Sprache praxisnah zu vermitteln, spielt Cameron Globi-CDs vor: «Globi spricht schönes Züritüütsch.» So lernen die Schülerinnen heute Wörter wie «Gspänli», «Garette» oder «Durenand». Agnes ist begeistert: «Ich habe zu Hause eine zusammenklappbare Garette», ruft sie in die Runde.

Doch mit einer Schubkarre allein umkurvt man nicht alle Schwierigkeiten. Für andere Lebenslagen hat Manush Cameron schärfere Ausdrücke parat – unter dem Kapitel «Schimpfwörter»: Dort kommt der «Prelaaggi» (Schwätzer) ebenso vor wie die «Pfundbusle» (dicke Frau). Der helvetische Zuhörer lächelt amüsiert und hegt einen grossen Wunsch – dass die eigenen Kinder das Fluchen im Schwiizertüütsch-Kurs lernen. Da tönen selbst böse Wörter «ganz härzig».

Kurse in Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch.

Kosten: ab vier Teilnehmern pro Semester 250 Franken (etwas weniger bei mehr Teilnehmern). Der Einstieg mit einer Gratis-Schnupperstunde ist jederzeit möglich.

Voraussetzung für den Schweizerdeutsch-Kurs ist mindestens B1-Niveau Hochdeutsch.

Kontakt: Franziska Tanner, Weidächerstr. 52, 8706 Meilen (Tel.: 077 417 42 66, Mail: sprachschule@fvmeilen.ch).

www.fvmeilen.ch/sprachschule

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