(Sch)eis(s)kalt!

Schreiber: Wir schweben im Morgenlicht auf den Chäserrugg, unter uns in den Felsen Gämsen, bereits flauschig im Winterpelz. In der Seilbahnkabine drängen sich Ausflügler, alle mit Windjacke und Pullover, einige mit Mützen. Schneider steht neben mir im T-Shirt und Bermudas.
«Schon blöd, dass du deine Jacke vergessen hast», sage ich.
«Ich habe sie nicht vergessen.»
«Mein Vater sagte immer: Nie ohne Jacke in die Berge.»

«

Blöd, dass er seine Jacke vergessen hat.»

«Dein Vater wäre auch nicht mit der Bahn raufgefahren, sondern hochgewandert.»
Stimmt. Die Schiebetüren öffnen sich, eisiger Wind pfeift um das neue Berghaus. Ich zurre den Reissverschluss hoch bis unters Kinn, und Schneider spurtet los. Die Sonne strahlt, aber sie wärmt nicht auf knapp 2300 Metern. Ich ziehe mein Stirnband über. Dann drehe ich in der Eiseskälte eine Runde. Mein Gott, ist dieser Blick schön! Die Welt zu meinen Füssen! Fantastisch! Doch wo ist Schneider? Ich will mein Glück mit ihm teilen, aber der steht fünfzig Meter weiter unten bei den Wanderwegweisern und hüpft von einem Bein aufs andere. Er weist hektisch hinunter ins Tal. Ins Tal? Wer will bei dieser Rundsicht ins Tal? Ich jedenfalls nicht. Ich winke Schneider zu und denke: Mein Vater hatte eben doch recht.

Schneider: Was macht Schreiber bloss dort oben? Ich bin hier, um zu wandern, und nicht, um angewurzelt auf einer windumtosten Bergkuppe zu stehen. Sie knipst rundum die Berge ab, dann fängt sie an, Selfies zu schiessen.
Meine Arme sehen aus wie gerupfte Hühnerschenkel. Klar ist das Panorama hier oben prächtig, das wollte ich ihr ja auch zeigen – aber irgendwann hat man es gesehen und es wird auch nicht besser, wenn man noch länger hinschaut. Wir wollten doch wandern!

«

Was macht Schreiber bloss dort oben?»

Ich reibe mit den Händen meine Oberarme und, als niemand herschaut, auch Waden und Oberschenkel. Scheisskalt ist es hier oben. Darum will ich runter. Wacker marschieren, Toggenburg und Rheintal vor Augen, dann rauscht das Blut durch den Körper und man kriegt warm. So ist das immer, und darum umhülle ich mich auch nicht mit vier bis fünf Textilschichten wie Schreiber, denn die muss ja doch wieder alles ausziehen, sobald sie unterwegs ist.
«Lass uns wandern», schreie ich in den Wind. Sie winkt fröhlich. Und macht keinen Wank. Ich weiss jetzt schon, was sie in einer Stunde sagen wird, wenn ich längst zur Eisskulptur geworden bin: «Super, dass du niemals kalt hast. Trotzdem darfst du eines meiner Jäckchen haben …»

 (Coopzeitung Nr. 42/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 17.10.2016, 17:00 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Annette Lefevre antwortet vor einem Tag
Sextest
Liebe Schreiber und Schneider, ... 
Oli Skyler antwortet vor zwei Tagen
Fan und forsch
Habe Ihre Kolummne heute in de ... 
Veronica antwortet vor 2 Wochen
Die Velotortour
Besser Butterschnitte statt da ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?