Slow Food: Heimat fördern - Heimat geniessen

Text: Daniele Pini
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Der Bäcker Ernst Schmid und Dora Meier, die «Mutter» des neuen Slow Food-Förderkreises, freuen sich mit Ständerat Claude Janiak.
Dick Marty schüttet die gerösteten Maiskörner in die Mühle, wo sie zur Farina bona gemahlen werden.
Im Museum von Loco im Onsernonetal, von links: Müller Marco Morgantini, Ständerat Dick Marty und Ilario Garbani, «Vater» der Farina bona.
Die fünf von Coop mitinitiierten Slow Food-Förderkreise.
Pietro Sardo,Präsident Slow Food-Stiftung für biologische Vielfalt.

Die Ständeräte Claude Janiak und Dick Marty besuchten die Präsentation «ihrer» neuen Slow Food-Förderkreise in der Schweiz: im Baselbiet und im Tessin. 
 
Die Ständeräte Claude Janiak und Dick Marty sind ihrer Re-gion tief verbunden, lieben regionale, saisonale Produkte und unterstützen kleine Projekte in Randgebieten. Es ist daher kein Zufall, dass Janiak und Marty die Schirmherrschaft für die zwei neuen, auf massgebliches Betreiben von Coop gegründeten Slow-Food-Förderkreise übernommen haben: die Zwetschgen aus dem Baselbiet und die Farina bona aus dem Tessin.
 
Die Prinzipien des Slow Food-Gründers Carlin Petrini «gut, sauber und gerecht» haben Dora Meier veranlasst, sich für den Schutz der Zwetschgenbäume im Baselbiet und somit für den Landschaftsschutz zu engagieren. Zusammen mit Claude Janiak treffen wir Dora Meier in der Bäckerei Schmid in Zunzgen im Kanton Baselland.
 
Hier werden die getrockneten Zwetschgen zu einer Paste verarbeitet, die dann Torten und Törtchen versüsst. Janiak ist vom Geschmack überwältigt: «Hier erlebt man noch den echten, intensiven, aromatischen Zwetschgengeschmack». Noch mehr begeistert den Nationalratspräsidenten von 2006, dass der neue Förderkreis neue Arbeitsmöglichkeiten für die Bauern der Region schafft. «Wir zahlen den Produzenten für ein Kilo frische Zwetschgen einen Franken. Bis anhin erhielten sie für ein Kilo Zwetschgen zur Schnapsherstellung gerade mal 23 Rappen», erklärt Dora Meier. «Zudem bieten das Entkernen von Hand und das Trocknen der Früchte vor allem den Bäuerinnen ein zusätzliches Einkommen.»
 
Natürlich hat dies seinen Preis, das Produkt scheint auf den ersten Blick teuer zu sein. «Das eigentliche Problem ist jedoch, dass wir immer weniger für unsere Ernährung ausgeben», wirft Claude Janiak ein. «Vielleicht sollten wir einen Teil unserer Haushaltsausgaben von den Natels abzweigen und in die Ernährung investieren. So könnten wir denen, die solche Produkte herstellen, einen angemessenen Preis zahlen.»
 
An einem kalten Wintermorgen fahren wir mit Ständerat Dick Marty am Steuer über eine verschneite Strasse hinauf nach Loco im Onsernone-Tal. «Als ich Staatsrat war, haben wir jedes Jahr Gel-der für die Reparatur der Strassen in abgelegenen Gegenden wie dieser bereitgestellt. Das Ergebnis sieht man jetzt.» In eine ähnliche Richtung verläuft auch das Gespräch mit Ilario Garbani, Lehrer in Cavigliano und Gründer des Förderkreises für die Farina bona: «Eine fast zufällig entstandene Forschungsarbeit für meine Schule hat dazu geführt, dass wir jetzt im Tal einige alte Mühlen restaurieren und den Wiederanbau von Mais auf den hiesigen, steilen Hängen vorantreiben. So möchten wir in dieser abgelegenen Region Arbeitsplätze schaffen.»

Nach der Ankunft im Museum von Loco, in dem die Mühle zum Mahlen der Farina bona steht, lauscht Dick Marty den Erklärungen des «Müllers» Marco Morgantini. Und überhäuft ihn dann mit Fragen zur Technik der Mühle und zur Wasserbeschaffung für den Betrieb des grossen Mühlrads: «Der Energieverbrauch dieser alten, neu belebten Technologie liegt bei null, da sie nur mit der Kraft des Niederschlags arbeitet. Ein kleines Beispiel für Nachhaltigkeit, das jedoch als Vorbild dienen könnte», sagt er voll Bewunderung. Auch die Tatsache, dass die Farina bona, obwohl sie aus einem althergebrachten Produkt (geröstetem und gemahlenem Mais) hergestellt wird, der Fantasie der Köche freien Lauf lässt und auf mannigfaltigste Art zubereitet werden kann, beeindruckt den Politiker Marty: «Dieser Förderkreis ist nicht Nostalgie, sondern spiegelt das Leben und die Kreativität.»

Ernährung ist ein politischer Faktor - auch daran sollen uns die beiden neuen Slow Food-Förderkreise erinnern.


Zwetschgen aus dem Baselbiet 
Majestätische Zwetschgenbäume prägen die Hügellandschaft des Baselbiets. Immer häufiger ziehen die Bauern jedoch den Anbau von Niederstammbäumen vor, die leichter zu bewirtschaften sind und grössere Früchte tragen. Der Absatz der sehr aromatischen, aber kleinen Hochstammfrüchte geht zurück, die Hochstammbäume verschwinden.
 
Dora Meier, Geschäftsführerin von «Erlebnisraum Tafeljura», engagiert sich seit 2005 mit Erfolg für den Erhalt der Zwetschgenbaumlandschaft und vermarktet Produkte aus alten Sorten: «Wenn die Nachfrage steigt, wird die Pflege der Bäume für die Landwirte wieder attraktiv.» Mittlerweile werden die Zwetschgen von Bauern aus der Region geerntet und gedörrt und dann in der Bäckerei in Zunzgen verarbeitet. Die Produkte laufen unter dem geschützten Namen «Posamenter» und würdigen damit eine Epoche, als die Bauernfamilien Selbstversorger waren, in Heimarbeit Seidenbändel woben und die Hochstammbäume noch nutzten.
 
http://www.erlebnisraum-tafeljura.ch

 
Förderkreis zugunsten der Farina bona
Anfang des 19. Jahrhunderts hielt der Mais im Onsernone-Tal Einzug. Wie der Roggen wurde er zu feinem Mehl gemahlen. So auch von der als Nunzia bekannten Annunciata Terribilini. Im Unterschied zu allen anderen röstete Nunzia die Maiskörner jedoch vor dem Mahlen und liess sie wie Popcorn aufplatzen. Die gerösteten Körner mahlte sie dann zu feinem Mehl, der «Farina bona».
 
Von der Leidenschaft getrieben, machte sich Ilario Garbani, Lehrer in Cavigliano, im Jahr 2005 mit seiner Schulklasse daran, die Farina bona zu erforschen. Er unternahm den Versuch, den Mais selbst in einem Ofen zu rösten und die aufgeplatzten Maiskörner in einer Kaffeemühle zu mahlen. Heute wird dieses Mehl mit seinem ganz besonderen Aroma in kleinen Mengen in Loco, im Museo Onsernonese, hergestellt.
 
Vor einigen Monaten wurde der Farina bona dank der Unterstützung von Coop ein Slow-Food-Förderkreis gewidmet. Ziel ist es, dieses einheimische Erzeugnis und alle auf ihm basierenden Produkte und Rezepte zu fördern. So soll der Maisanbau im Tal vorangetrieben, die Restaurierung einiger alter Mühlen in Vergeletto ermöglicht werden. Damit werden auch die Wirtschaft und der Fremdenverkehr in einer der ärmsten Regionen des Tessins gefördert. Informationen und Rezepttipps:
 
http://www.farinabona.ch
 

Lokal und trotzdem europäisch
Coopzeitung: Wenn Sie Schweiz hören, woran denken Sie gastronomisch?
Pietro Sardo:
Schokolade? Allerdings wurde dieser für die Schweiz typische Begriff in den letzten Jahren zunehmend von anderen Ländern besetzt. Heute denke ich als Gourmet vor allem an Käse.
 
In der Schweiz gibt es sieben Slow Food-Förderkreise. Welches sind deren Besonderheiten?
Einerseits sind die Produkte stark alpin geprägt, typisch und regional verankert, andererseits sind sie ein Überblick der traditionellen mitteleuropäischen Gastronomie.
 
Wird das Ganze nicht als eine Art «gastronomische Nostalgie-Oper» wahrgenommen?
Es geht nicht nur um den ursprünglichen Geschmack. Die Entwicklung und Förderung lokaler, regionaler Produkte hat keinen musealen Charakter. Ein solches Projekt bedeutet Unterstützung der kleinen, vor Ort ansässigen Gewerbebetriebe, die Aufwertung ihrer Arbeit und das Er-obern von Marktnischen.
Die industrielle Landwirtschaft hat ihre Ziele verfehlt, sie treibt Raubbau, schadet der Umwelt und zapft kostbare Wasserreserven an. Die Antwort kann nur sein: zurück zur Natur, zum kleinen, lokalen Produzenten.
 
Spielen da Slow Food Schweiz und Coop eine Pionierrolle?
Dank dieser Zusammenarbeit stehen die Tore zum Markt offen und die Produkte finden breiteren Absatz. Je mehr über die Philosophie von Slow Food und die damit verbundenen Nahrungsmittel informiert wird, desto mehr kann sich die Bewegung entwickeln. Wichtig ist allerdings, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden und die Nachhaltigkeit sowie die Qualität immer an erster Stelle stehen. 
 
http://www.slowfood.ch

http://www.coop.ch/slowfood
 

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