Eine Lebensschule: das Singen im Chor. |
Eberhard Rex, Chorleiter und einer der führenden Musikpädagogen der Schweiz. |
Lernen, auf andere – und auf sich selbst – zu hören: Die Kinder und Jugendlichen der Luzerner Kantorei. |
Kinder, die singen, lernen zuzuhören. Das fördert die Konzentration – und verbessert die Schulleistung. Eine besondere Musikalität braucht es nicht: Jedes Kind kann singen. Das zeigt der Chor der Luzerner Kantorei.
Es klingt fantastisch, wenn die über 140 Kinder und Jugendlichen der Luzerner Kantorei singen. Kein Zweifel: Das sind alles hochmusikalische Kinder. Oder? Eberhard Rex, der musikalische Leiter der Luzerner Kantorei, schüttelt den Kopf: «Jedes Kind kann singen lernen.»
Er stelle immer wieder fest: «Musikalische Spiele können Kinder fast immer machen. Es sind also eigentlich alle Kinder mit einer Eigenschaft ausgestattet, die man als Musikalität bezeichnen könnte.» Die Musikalität eines Kindes äussere sich nicht primär darin, dass es von sich aus singen könne oder begabt sei für ein Instrument. «Die Grundbedingung für Musikalität ist ein Gefühl für Rhythmus», erklärt Rex.
Wenn ein Kind partout den richtigen Ton nicht trifft und fern jeder Melodie vor sich hinbrummelt, hat das laut Eberhard Rex nichts damit zu tun, dass das Kind nicht singen, sondern damit, dass es nicht zuhören kann. «Diese Kinder haben nicht gelernt, andere und sich selbst zu hören. Das ist oft verbunden mit einer Konzentrationsschwäche.» Singen lernen und zuhören lernen sei eng miteinander verbunden. «Wenn ein Kind singen lernt, dann kann es sich mit der Zeit auch besser konzentrieren.»
In der Luzerner Kantorei lernen die Kinder deshalb nicht nur singen, sondern auch still zu sein, zuzu-hören und sich zurück-zunehmen – nicht gerade Dinge, die heute populär sind. Eberhard Rex ist das klar: «Im Zeitalter von Music Star ist ein Kinderchor eine eher konservativ scheinende Einrichtung. Aber die Fähigkeit zur Stille und ein gewisser Teamgeist sind Stärken, die auch ein Music Star besitzen muss, um überhaupt die Spitze zu erreichen.»
Rex lässt die Kinder in der Kantorei erleben, dass Erfolg durch Training und harte Arbeit erzielt wird. «Kinder brauchen Erfolg, und da, wo sie Erfolg haben, werden sie stark», ist Rex überzeugt. Ist diese Leistungsorientierung kindergerecht? «Die Kinder haben in der Regel kein Problem mit hohen Anforderungen – schon eher die Eltern.» Kinder seien oft viel leistungsorientierter, als ihre Eltern glauben. «Wir geben den Kindern die Möglichkeit, die Leistung erbringen zu können, die sie erbringen wollen.»
Eine Leistung, die den Kindern nicht nur im Chor etwas bringt. Die Stimme, mit der die Kinder singen, ist das persönlichste Ins-trument, das es gibt. Wer seine Stimme zu beherrschen lernt, der lernt auch, seine Persönlichkeit auszudrücken. Oder wie Rex es sagt:«Stimmbildung ist Persönlichkeitsbildung. Wer öffentlich singen kann, der ist auch in der Lage, hinzustehen und öffentlich seine Meinung zu sagen.»
Das kling alles gut. Doch weshalb singen immer weniger Kinder? «Musik ist heute total verfügbar, immer und überall, und verdrängt dadurch das eigene Singen», erklärt Eberhard Rex. Dazu komme: «Die Welt ist so lärmig, dass Musik leicht überhört wird.» Für die Musik sei das fatal.» Vor einem Konzert gibts bei uns im Chor zehn Minuten Silentium: Da wird nichts mehr gesungen, nichts geredet, jeder horcht in sich hinein. Es ist die Stille, die es braucht, damit Musik entstehenkann.»?
Interview mit Eberhard Rex
Künstlerischer Leiter der Luzerner Kantorei
Seit August 2000 ist Eberhard Rex künstlerischer Leiter der Luzerner Kantorei. Kinder aus seinen Chören sind in der Schweiz als Sänger gefragt und singen zum Beispiel immer wieder in Opern-aufführungen oder im Fernsehen. Rex gilt deshalb in der Schweiz als einer der führenden Kindermusikpädagogen. In der Luzerner Kantorei singen über 100 Kinder aus der ganzen Innerschweiz. Die Kantorei ist nicht als gemischter Chor organisiert: Buben und Mädchen üben getrennt in einem Knaben- und einem Mädchenchor.
In der Kantorei singen bestimmt nur ganz musikalische Kinder.
Das kann man so nicht sagen. Sicher: Die Kinder brauchen von sich aus einen Zugang zur Musik. Die Frage ist aber: Was bedeutet "musikalisch"? Musikalität äussert sich nicht im Singen-Können oder Begabt-Sein für ein Instrument. Die Grundbedingung für Musikalität ist ein Gefühl für Rhythmus. Wenn ein Kind ein gewisses Gefühl für Rhythmus hat, dann ist es musikalisch. Ich stelle das immer wieder fest bei Kindern: So gut wie jedes Kind ist in der Lage, musikalische Spiele zu spielen. Es sind also eigentlich alle Kinder mit der Eigenschaft ausgestattet, die man als "Musikalität" bezeichnen könnte.
Es kommt aber immer wieder vor, dass in einer singenden Kindergruppe ein paar Buben weit ab von der Melodie etwas vor sich hinbrummeln, das mit dem Lied nicht viel zu tun hat.
Ja, das gibt es. Das ist aber weniger ein Defizit im Singen-Können als ein Defizit im Hören-Können, vor allem im Zuhören-Können. Die Kinder haben nicht gelernt, andere und sich selbst zu hören. Das ist oft verbunden mit einer Konzentrationsschwäche. Wenn man es schafft, die Kinder dazu zu bringen, zuzuhören und sich selbst zu hören, dann lernen sie auch singen. Umgekehrt kann man es auch nutzen: Wenn ein Kind singen lernt, dann kann es sich mit der Zeit auch besser konzentrieren.
Das heisst: Wenn Kinder nur brummeln, dann fehlt ihnen nichts ausser der Übung?
Ja, es fehlt nur die Übung, die Gewöhnung daran. Ob Kinder singen, merkt man ihnen sofort an. Es ist ein riesiger Unterschied in Schulklassen. Wir besuchen um Umkreis von Luzern jetzt gerade viele Schulklassen. Man merkt es schon, wenn man in die Klasse hineinkommt, ob in der Klasse gesungen wird oder nicht. Und zwar nicht daran, ob sie einen mit einem Lied begrüssen, sondern daran, wie aufmerksam sie sind. Eine aufmerksame Klasse singt viel. Die Kinder sitzen dann auch gespannt und erwartungsvoll da. Kinder sind eigentlich von Natur aus gespannt und erwartungsvoll. Diese Aufnahmefähigkeit lässt sich unglaublich trainieren und steigern.
Die Aufnahmefähigkeit ist da, aber verstopft - zum Beispiel durch Medien?
Überall da, wo nur einseitig kommuniziert wird, wo man sich nur berieseln lässt, wo man kein reales, sondern nur ein virtuelles Gegenüber hat, stumpft dieses Vermögen ab, ja. Übrigens nicht nur die Aufnahmefähigkeit, auch andere Fähigkeiten. Viele Kinder sind ja heute nicht einmal mehr in der Lage, einen Purzelbaum zu machen.
Wie lässt sich die Aufnahmefähigkeit wiederherstellen?
Das ist das, was wir im Chor trainieren, wenn die Kinder zu uns kommen. Wir trainieren die Konzentration auf einen Punkt. Zum Beispiel müssen die Kinder lernen, still zu sitzen. Das ist heute gar nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder über einen längeren Zeitraum, etwa eine Viertelstunde, still sitzen und sich konzentrieren können. Wir waren früher 35 oder 40 Kinder in einer Klasse, da hatte es schon auch mal einen, der nicht still sitzen konnte - aber nur einen. So verbreitet wie das heute ist, war das früher nie. ADHS und ähnliche Phänomene kannte man namentlich noch nicht. Ganz ehrlich - wir hatten es zu unserer Kinderzeit aber auch viel leichter als die Kinder heute. Multimediale Dauerberieselung, bildschirmorientiertes, egozentrisches Spielzeug, virtuelle Bewegungsräume anstatt Spielen im Wald belasten die psychische Entwicklung permanent . Heute müssen Kinder es richtiggehend üben, sich zu konzentrieren und sich von den vielfältigen attraktiven visuellen und auditiven Eindrücken abzugrenzen. Wir erwarten von den Kindern im Chor, dass sie während eines Konzerts still stehen und sich konzentrieren können. Wenn sie dazu in der Lage sind, dann können sie meist auch zuhören und schön singen.
Woher kommt das, dass Kinder sich nicht mehr zurücknehmen und zuhören können?
Sie werden ungewollt dazu erzogen. Kinder bekommen heute vielfach in die Wiege gelegt, dass sie immer und überall Mittelpunkt der Welt sind. Die Vermittlung dieses Empfindens wird oft gleichgesetzt oder damit verwechselt, dem Kind zu zeigen, dass es geliebt wird. Keine Frage: Kinder müssen uns wichtig sein. Wenn sie dabei aber nicht lernen, dass es Ebenen gibt, auf denen sie nicht der Mittelpunkt sind oder auch nur für einen kurzen Moment warten müssen, haben sie später Mühe, sich mass- und respektvoll mit ihren Mitmenschen auseinanderzusetzen. Ich habe gerade ein sehr spannendes Buch gelesen, das dieser Frage nachgeht: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden", des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff. Er hat jahrelang die Entwicklung von Kindern in seiner Praxis beobachtet und stellt fest, dass immer mehr Kinder keine Gelegenheit haben, ihre Psyche altersgemäss auszubilden. Ein schwergewichtiges Thema ist dabei die Partnerschaftlichkeit in der Erziehung: Kinder werden früh in Entscheidungsprozesse von Erwachsenen einbezogen. Zum Beispiel ist es für ein sechsjähriges Kind unmöglich zu entscheiden, ob es in einen Chor gehen soll oder nicht. Das kann ein Kind einfach nicht beurteilen, weil es im Moment lebt. Die Eltern fragen aber die Kinder immer wieder, ob sie im Chor singen möchten. Die Eltern wissen: Das wäre ja gut fürs Kind, aber das Kind sagt: Ich möchte jetzt grad nicht.
Die Laune des Kindes dominiert also die Entscheidung?
Genau: Kinder leben im Jetzt und leben nach der Laune. Dieser Laune wird oft zu schnell nachgegeben. Kinder sind nicht in der Lage, eine Entscheidung zu fällen, die möglicherweise Konsequenzen hat für viele Jahre.
Wie gehen Sie damit in der Kantorei um?
Zunächst versuchen wir natürlich die Laune, also die Motivation der Kinder für uns zu gewinnen und machen uns dabei deren Begeisterungsfähigkeit zunutze. Aber immer unter der Prämisse: Kein Chaos in der Probe, immer hat der Chorleiter absolut das Sagen, kein Kind ist wichtiger als das andere, und individualistisches Hervortun Einzelner wird nicht unterstützt. Ziemlich konservativ möchte man meinen, im Zeitalter von Music Star. Aber unsere Kinder akzeptieren das problemlos von Anfang an und diejenigen, die längere Zeit im Chor sind, haben erstaunlicherweise mit Musicstar kaum mehr was am Hut. Verstehen sie mich recht: Music Star brauchts auch. Kinder brauchen Helden, vor allem solche, die zeigen, dass Erfolge durch Training und harte Arbeit erzielt werden. Ich nutze aber dann eher Beispiele aus dem Sport, da sind die Zusammenhänge von Engagement und Erfolg deutlicher. Kinder brauchen Erfolg, und da, wo sie Erfolg haben, werden sie stark. Wir versuchen den Kindern, Erfolg zu vermitteln, aber einen Erfolg, den sie selbst erarbeitet haben. Das ist manchmal hart und benötigt viel Einsatz, es geht manchmal auch an die Grenze, aber nur an dieser Grenze stellt sich auch Befriedigung und Entwicklung ein. Da sind die Kinder dann auch zu Recht stolz. Man könnte deshalb auch sagen: Musikalität ist der Schnittpunkt von verschiedenen Eigenschaften und gehört zur Persönlichkeit.
Sie sprechen von hartem Training - woran arbeiten Sie genau?
Auf der rein technischen Ebene erarbeiten wir gemeinsam ein bestimmtes Programm. Da geht es also darum, dass jedes Kind zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Noten singt. Es geht aber um mehr als das. Wir versuchen in jeder Probe auch zu vermitteln, dass man sich persönlich für die Musik einsetzen muss und dass es jeden braucht. Wenn einer nur mitsingt und sich vom Kollektiv mitschleppen lässt, schmälert er die Teamleistung. Jeder muss die Verantwortung für das Ganze übernehmen. Das führt dann zu einer nicht geahnten Entwicklung. Wir haben schon auch die hochmusikalischen Kinder, wir haben aber auch viele ganz normale Kinder. Wenn jeder seine persönliche Begabung in den Chor einbringt, dann wächst das Ganze in unglaublicher Weise.
Jetzt singen Sie aber nicht Rock und Pop, sondern klassische Musik. Finden das nicht viele Kinder schrecklich uncool?
Ein Kind würde von sich aus diese Frage nicht stellen, es unterscheidet nicht zwischen Klassik und Pop, nur zwischen gefallen und nicht gefallen. Wenn wir heute eine Bach-Motette singen, kommt das für Kinder schon ein bisschen elitär daher. Klassische Musik wird heute oft als nicht kindgerecht bezeichnet und verrät doch nur ein gestörtes Verhältnis der Erwachsenen-Gesellschaft zur Kunst. Die Frage nach dem Kindgerechten hat mit Klassik nichts zu tun. Kindgerecht ist: Lernen wollen, Leistung bringen wollen. Wir geben den Kindern die Möglichkeit, die Leistung erbringen zu können, die sie erbringen wollen. Deshalb definieren wir die musikalische Palette, die wir den Kindern anbieten nicht über das Label „Klassik", sondern es ist die Musik, die sie authentisch mit ihren Stimmen darstellen können, das heisst, die nicht im Studio technisch zu dem gemacht ist, wonach sie auf der CD klingt. Unter diesem Aspekt ist auch eine Bach-Motette extrem cool.
Überfordert das die Kinder?
Was ist Überforderung? Man hat mir zu Beginn gesagt: Wenn du so viel verlangst, springen dir die Kinder ab. Das ist nicht passiert, im Gegenteil: Die Kinder merken, wenn etwas authentisch ist. Die Kinder haben kein Problem mit hohen Anforderungen. Dinge, zu denen Kinder jahrhundertelang selbstverständlich in der Lage waren, können doch eigentlich heute in unserer aufgeklärten Gesellschaft keine Überforderung sein. Sollen wir denn Kinder vor ihren eigenen Fähigkeiten verschonen? Eher sind es die Eltern, die sich gelegentlich nicht vorstellen können, zu welchen musikalischen Leistungen ihre Kinder fähig sind. Diese Eltern reden dann gerne von der Überforderung der Kinder und meinen dabei unbewusst ihren eigenen fehlenden Zugang zur Klassik. Ich kann mich daran erinnern, dass auch meine Eltern damals diesen Zugang erst durch mein Musizieren gefunden haben. Sich gemeinsam auf das Abenteuer Musik einzulassen, das schweisst zusammen, das gibt eine Art Geheimbund. Wir sind eine eingeschworene Truppe und gehen miteinander durchs Feuer. "Keine Lust" ist keine Option.
Die Kinder singen nicht nur im Chor, sie haben auch Stimmbildung.
In der Stimmbildung lernt das Kind die technischen Fertigkeiten, die es benötigt, um im Chor mithalten zu können. Die Stimme ist das Instrument - das Kind muss lernen, sein Instrument, also seine Stimme, zu beherrschen. Die Stimme ist das persönlichste Instrument, das es gibt. Man lernt deshalb in der Stimmbildung auch, seine Persönlichkeit auszudrücken. Stimmbildung ist deshalb auch Persönlichkeitsbildung.
Wie drückt sich das aus?
Wer öffentlich singen kann, der ist auch in der Lage, hinzustehen und öffentlich seine Meinung zu sagen. Als wir 2005 anlässlich des Jubiläums der Schweizergarde in Rom auftraten, sangen unsere Kinder und Jugendlichen die Soli selbst: Der Sopransolist war 12 Jahre alt, der Tenorsolist war 14, der Basssolist war 16 Jahre alt. In der Kirche sassen 2500 Personen. Welcher Erwachsene wäre da einfach hingestanden und hätte gesungen? Sich da zu trauen, zu singen und sich damit zu äussern, das lernt man in der Stimmbilung. Ein "Gloria in excelsis deo" zu singen, das ist ein Bekenntnis. Nicht unbedingt religiöses, aber ein musikalisches Bekenntnis - und ein Bekenntnis zu seiner Person. Es sind nicht alle zum Solisten geboren, aber die, die fähig sind, ein Solo zu singen, erarbeiten sich in der Stimmbildung die nötigen Werkzeuge dazu.
...wenn sie die nötige Musikalität mitbringen.
Wenn wir nur Kinder aus Musikerfamilien hätten, könnten wir nicht überleben. Ich erinnere mich an einen Buben, der konnte keine zwei Töne unterscheiden. Nach drei Jahren Arbeit sang er an der Oper einen der Knaben in der "Zauberflöte". Einfach deshalb, weil sich der Bub darauf eingelassen hat. Wir haben immer wieder Kinder, denen es nicht leicht fällt. Es gibt auch manchmal Tränen. Wenn die Kinder sich aber auf die Arbeit einlassen, dann haben sie auch Erfolg.
Jetzt können und wollen nicht alle Kinder gleich in eine Kantorei eintreten. Wie kommen alle anderen Kinder wieder zum Singen?
Früher hat die Mutter mit den Kindern gesungen. Das war der einfachste Weg. Das kann beim Einschlafen sein, am Tisch, im Familienkreis. An diesem Punkt kommen die Erwachsenen ins Spiel: Die empfinden das Singen oft als peinlich - Kinder nie. Wenn Kinder heute nicht mehr singen, liegt das an den Erwachsenen. Die heutige Elterngeneration ist vielfach geprägt durch eine Kinderzeit im Einfluss der 68er-Revolte. Im Bruch mit den Traditionen der Vorfahren verschwand auch das Singen aus den Kinderstuben. Aber ausgehend von Schulen und Kindergärten ist langsam wieder ein Umkehren der Entwicklung zu spüren. Vielleicht müssen die Erwachsenen das Singen wieder von den Kindern lernen.
Liegt es vielleicht auch daran, dass einem, angesichts von CDs, DVDs, Fernsehen und Internet das eigene Singen arg kümmerlich vorkommt?
Das ist das eine: Man traut sich kaum, gegen die Perfektion anzutreten. Das andere ist: Die Medienpräsenz ist heute so hoch, dass man gar nicht mehr zu singen braucht. Musik ist total verfügbar, immer und überall, und verdrängt dadurch das eigene Singen. Die Welt ist so lärmig, dass das Singen „unplugged" allzu leicht überhört wird. Die Menschen heute brauchen anscheinend den Dauerlärm, haben Angst vor dem Nichts, haben Angst, in der Stille irgend etwas zu verpassen. Für die Musik ist das fatal. Bei uns im Chor gibt's darum zehn Minuten vor einem Konzert ein Silentium: Da wird nichts mehr gesungen nichts geredet, jeder horcht in sich hinein. Es ist die Stille, die es braucht, damit Musik entstehen kann.
Singen
Von Kindern lernen
Der Tipp von Eberhard Rex: «Lassen Sie sich von den Kindern vorsingen, was sie im Kindergarten oder in der Schule lernen, und lassen Sie sich von den Kindern die Lieder lehren.» Eltern bringen das Singen also am besten nicht einfach ihren Kindern bei, sondern lernen umgekehrt das Singen mit und von ihren Kindern. «Dadurch, dass wir Eltern ihnen zuhören und das Singen von ihnen lernen möchten, geben wir ihnen das Gefühl, dass Singen wichtig ist.»








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