«Wir müssen uns Asien öffnen»

Text: Pablo Davila | Fotos: Charly Rappo/Arkive.ch
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Uli Sigg
«Die marxistische Ideologie hinterliess eine grosse spirituelle Leere in China.»

Uli Sigg, Geschäftsmann, passionierter Sammler zeitgenössischer chinesischer Kunst und ehemaliger Schweizer Botschafter in Peking, ist als «Generalkommissär» für die Schweiz an der Expo 2010 in Shanghai zuständig. Er empfängt uns in seinem Schloss in Mauensee LU.

Coopzeitung: Wie erklären Sie sich das Gefühl der Unsicherheit, das der Westen und manchmal die Schweiz gegenüber China empfinden?

Uli Sigg: Die erste Erklärung ist, dass wir im Verhältnis zu China Zwerge sind. China ist ein Kontinent. Es leben dort insgesamt 50 verschiedene Völker. Die Unsicherheit des Westens kommt aber auch aus einem Mangel an Informationen. In den letzten zehn Jahren ist es nur wenigen Journalisten gelungen, Berichte über China in unseren Medien zu publizieren. Und wenn, gab es vor allem Artikel über Menschenrechte, den Panda oder den Dalai Lama. Heute verändert sich dies zunehmend. Dazu kommt das enorme Wirtschaftswachstum in China, das ebenfalls Angst macht.

Experten sagen, um mit den Chinesen in einen Dialog zu treten, müsse man deren Mentalität verstehen. Ist denn China seinerseits bestrebt, unsere zu verstehen?
In unseren Umfragen hat sich gezeigt, dass die Schweiz in der chinesischen Öffentlichkeit einen ausgezeichneten Ruf geniesst. Im Vergleich zu China sind wir ein Zwerg, und doch hat wohl jeder Chinese schon einmal von uns gehört. Das Schweiz-Bild ist oftmals klischeebehaftet, wir sind das «Land der Uhren» oder werden als «grüne Oase» wahrgenommen. Es gibt auch die Vorstellung vom «leeren Land», denn wenn ein Chinese unser Land besucht, fragt er sich zwangsläufig, wo bloss die Schweizer geblieben sind. In den höheren Bildungsschichten kennt man uns weit besser, insbesondere aufgrund der in Genf domizilierten internationalen Organisationen.

Wirkt sich die Neutralität der Schweiz günstig auf unser Bild in China aus?
Sagen wir, sie ist kein Nachteil. Ausschlaggebend ist aber vor allem, dass wir nie eine Kolonialmacht waren. Die Zeiten der kolonialen Eroberungen sind in der Erinnerung der Chinesen mit Leid und Schmerz verbunden. Die Schweiz war das erste Land, das das «neue China» offiziell anerkannt hat. Das ist nun 60 Jahre her.

Ist es eher die traditionelle oder die zeitgenössische Kunst, die uns hilft, das Wesen des Reichs der Mitte besser zu verstehen?
Schwierige Frage. Die chinesische Kunst blickt auf eine mehrere Tausend Jahre alte Tradition zurück. Diese traditionelle Kunst gibt uns Aufschluss über die Wurzeln der chinesischen Mentalität. Aber sie reicht als Erklärungsansatz für die Mentalität im heutigen China nicht ganz aus, denn es gab gewal-tige Brüche. Den ersten verursachten die kolonialen Eroberer mit ihrer Einmischung in eine Welt, die sich bis dahin vollkommen selbst genügte. Den zweiten Bruch brachte der Marxismus unter Mao mit sich. Das heutige China ist das Produkt all dieser Einflüsse.

Verstellt denn die noch aus kommunistischen Zeiten stammende Ideologie nicht den Blick auf die wahre Identität Chinas?
Was auffällt, ist der Wille – der gute Wille –, sich den Veränderungen zu stellen und das von aussen Kommende anzunehmen, um diese Neuerungen anschliessend der chinesischen Identität anzupassen. Auf der einen Seite gibt es also diese alte Tradition und auf der anderen ein Land, das sich rasch verändert und Neues mit solch einer Energie und solch einem Mut annimmt, wie man es sonst kaum findet.

Ist das Mut oder beugt man sich vor der Autorität?
Sich dem Durchschnitt anzupassen, ist in China eine Überlebensstrategie. Man muss versuchen, diese Haltung zu verstehen. Über Tausende von Jahren haben die Chinesen gelernt, «sich dem Wind anzupassen». Als Individuum ist der Chinese einer von 1,3 Milliarden, was die Vorstellung von Individualität erheblich relativiert. Viele Chinesen leiden unter diesem Umstand, das lässt sich nicht leugnen.

Was ist aus dem Taoismus geworden?
Teil der Hinterlassenschaft des Marxismus in China ist eine grosse spirituelle Leere. Und der Materialismus konnte auch nicht alle Bedürfnisse der Chinesen befriedigen, deshalb richtetder Staat heute überall konfuzianische Zentren ein. Konfuzius ist wieder Natio-nalheiliger, und die Ausübung von Taoismus und Buddhismus ist nicht mehr verboten.

Wie ist die Unnachgiebigkeit in der Tibet-Frage zu deuten?
In der öffentlichen Meinung in China gilt Tibet als «primitive Provinz, die endlich in den Genuss der Errungenschaften der Zivilisation kommen soll». Den hartnäckigen Widerstand gegen diesen Fortschritt verstehen die Chinesen nicht. Die politischen Führer sehen den Dalai Lama als «Separatisten», auch wenn dieser schon hundert Mal beteuert hat, dass sein Anliegen ein ganz anderes sei. In den Augen der Regierung ist Tenzin Gyatso «nicht ehrlich».

Bewegt sich das geopolitische Gewicht der Welt in Richtung Pazifik?
Ja, vor allem, wenn man sich auch Indien anschaut. China wurde das Land mit dem grössten Rohstoffverbrauch und gehört zu den Ländern mit dem höchsten Energieverbrauch. Darüber hinaus ist es das grösste Erzeugerland weltweit. Wir stehen vor einer Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Unheil oder Segen?
Dass der Schwerpunkt sich verlagert, bedeutet ja nicht, dass wir die Existenzberechtigung verlieren. Es liegt an uns, unsere Rolle in den neuen Kräfteverhältnissen zu definieren. Es ist in unserem Interesse, dass wir uns gegenüber Asien öffnen.

Wie ist das starke Engagement der Schweiz in Bezug auf die Expo zu verstehen?
Abgesehen von den wirtschaftlichen Fragen möchte die Schweiz China an ihren Lösungen im Umweltschutz teilhaben lassen. Die politische Führung oder selbst der einfache Mann weiss, welche Probleme mit der rasanten Entwicklung in China verbunden sind. Was wirklich dringend benötigt wird, sind gangbare Lösungen und die dafür erforderlichen Geldsummen. Das gilt besonders für die Wasserversorgung und die Abfallentsorgung in den chinesischen Megalopolen. Die Schweiz hat nicht nur aktuell in Shanghai, sondern auch in Zukunft eine Rolle zu spielen.

Leser-Kommentare (9).

Rogi, 17. Februar 2010, \ 21:01 Uhr Objektive Berichterstattung Vielen Dank der Coopzeitungsredaktion für die objektive Berichterstattung über China. Leider wird sonst in den westlichen Medien sehr einseitig über China berichtet, und die grossen Fortschritte des Landes was Wirtschaftskraft und Lebensstandard betrifft werden weitgehend ausser acht gelassen. Ich war im letzten Jahr mehrere Wochen in China und habe ein Land kennen gelernt, das nichts mit dem von den Medien verbreiteten und ideologisch stark von den USA beeinflussten Bild zu tun hat. Schön, dass es auch anders geht.
Nano, 10. Februar 2010, \ 07:52 Uhr Chinaeuphorie Sobald die Chinesen erwachen und auch nicht mehr bereit sind, für eine Handvoll Reis zu malochen, wird die Schnäppchenjäger-Industrie sich auf die Suche nach einem neuen Billiglohnland machen. Ansonsten kann ich mich nur den Kommentaren von Jolanda Steffen und Priska Lanz anschliessen.
Jolanda Steffen, 10. Februar 2010, \ 07:29 Uhr Umweltschutz China hat momentan ein grosses Wirtschaftswachstum. Leider bleibt dabei der Umweltschutz (sauberes Wasser, saubere Luft) auf der Strecke. Chinas Wertschätzung von anderen Kulturen (Tibet) und Tieren ist nicht überwältigend.
Niederer Michael, 9. Februar 2010, \ 18:30 Uhr Rentner China vor 25 Jahren. Ich zitiere aus meinerm Tagebuch meiner Chinareise vom Oktober 1985. "Im Flugzeug von Hong Kong nach Tiensing bittet man mich, drei Formulare auszufüllen. Visum habe ich noch keines , und ich erwarte ein langwieriges Prozedere am Flughafen. Es wird alles anders. Nach der Landung ein buchstäblicher Durchmarsch durch die Zollkontrolle, hin zu meinem Empfangskomité. Kein Koffer wird geöffnet, die Formulare von den Zollbeamten überflogen, und in China war ich. In den drei Wochen, welche ich in Tiensing. Peking und Shanghai verbracht habe, sind mir weitere Erlebnisse solcher Flexibilität und Freimütigkeit begegnet. Vorfälle, wie sie weder in der Schweiz, noch in einem anderen europäischen Land oder gar im damaligen Ostblock möglich gewesen wären. Ich schrieb, dass ich fest davon übeyrzeugt sei, dass China den ganzen Ostblock wirtschaftlich sehr rasch überholen werde. So viel Flexibilität ist doch der gerade Weg zum Ziel.. Ich denke, wir müssen dieses Land sehr ernst nehmen und einiges von China lernen. Wir müssen aber auch den Mut haben, dieses Land auf seine zivilisatorischen Defizite hinweisen.
Fischer Urs, 9. Februar 2010, \ 16:41 Uhr Wertschätzung Ich muss vorausschicken, dass ich mit einer Chinesin verheiratet bin. Vor der Olympiade in Peking haben wir viele Zeitungsartikel über China gesammelt, die mehrheitlich negativ waren. Im Gegensatz dazu erlebe ich immer wieder, wie hoch die Wertschätzung der Chinesen gegenüber uns Schweizern ist. Alles, was aus der Schweiz kommt, wird bewundert und gelobt. Ich gehe sehr gern nach China und fühle mich da sehr wohl und geschätzt. Auch unser Weg vom Beginn der Industrialisierung bis heute ist sehr dornenreich. Bevor wir schlecht reden über ein anderes Land, sollten wir uns zuerst mit unserer eigenen Geschichte befassen.
Nussbaumer Pierre, 9. Februar 2010, \ 16:19 Uhr China nicht nur für uns, besonders für Europa ist die Zukunft im Osten. Fangen wir an mit gutem Willen zu versuchen diese Kultur besser zu verstehen und unseren Beitrag dazu zu leisten, gemeinsam ein besseres Zusammenleben aufbauen, unter freien Staaten, weg vom Machtstreben+zerstörung der USA.
Johann Huber, 9. Februar 2010, \ 15:26 Uhr China Die Schweiz sollte sich viel mehr um gute Beziehungen mit China bemühen. Aber ja nicht als Lehrmeister auftreten wollen. China hat ein riesiges Potential und wird sich laufend ändern und entwickeln. Besser als z.B. EU oder USA! Auch als Ferienland sehr zu empfehlen.
Priska Lanz, 9. Februar 2010, \ 13:59 Uhr Grossmacht China Unheil oder Segen Für alle Tiere ein sehr grosses Unheil. Solange Welpen bei lebendigem Leibe gehäutet werden, lebende Hunde mit Angelhaken durch die Nase gebohrt als Fischköder misbraucht werden, Hunde, Katzen und Meersäuli in viel zu kleinen Gitterkäfigen ein qualvolles Dasein fristen müssen, und so weiter und so fort, die Liste ist endlos, glaube ich, die Grossmacht China ist ein Riesenübel!
Beat aus Hinwil, 8. Februar 2010, \ 15:01 Uhr Lauf der Zeit Ob Pharaonen, Phönizier, Griechen, Römer, Germanen, Portugiesen, Spanier, Engländer, Sowjetunion, USA oder jetzt die Chinesen: Es ist einfach der Lauf der Zeit, dass sich Grossmächte eine Zeit lang halten und dann wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken. Was soll daran so schlimm sein, dass das Zeitalter der Asiaten nun anbricht? Als Europäer müssen wir das lernen zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Denn in solchen Situationen kann man auch in einer Nische gut überleben. Nur müssen wir uns halt von unserem hohen Ross herabschwingen - wozu wir schon seit einigen Jahrzehnten den Grund hätten.
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Rogi, 17. Februar 2010, \ 21:01 Uhr Objektive Berichterstattung Vielen Dank der Coopzeitungsredaktion für die objektive Berichterstattung über China.[...] mehr
Nano, 10. Februar 2010, \ 07:52 Uhr Chinaeuphorie Sobald die Chinesen erwachen und auch nicht mehr bereit sind, für eine Handvoll Reis zu[...] mehr
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