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Am Sonntag hat Langläuferin Seraina Boner in Schweden beim 90 Kilometer langen Wasalauf den 2. Platz errungen ...

... das ist eine Sensation für eine Nicht-Skandinavierin. Wir haben sie für ein Fotoshooting in ihrer Heimat Davos getroffen ...

... und sie unter anderem danach gefragt, was ihr durch den Kopf geht ...

... wenn sie für 42 Kilometer (wie beim Engadin Ski Marathon) oder 90 Kilometer (wie beim Wasalauf) in der Loipe ist.

Lesen Sie auch, was für ein Buch momentan auf ihrem Nachttisch liegt oder was sie gerne kocht unter dem Punkt «Nachgefragt».

Seraina Boner: «Nur nicht zu viel überlegen!»

Am Sonntag hat Langläuferin Seraina Boner beim 90 Kilometer langen Wasalauf den 2. Platz errungen. Eine Sensation für eine Nicht-Skandinavierin. Was ihr bei so langen Rennen durch den Kopf geht.

Coopzeitung: Nach dem Vasalauf über 90 Kilometer am letzten Wochenende müssen Ihnen die 42 Kilometer beim Engadiner wie ein Sprint vorkommen.

Seraina Boner: Ehrlich gesagt: Ich bin froh, dass der Engadiner ziemlich kurz ist.

Kurz? Für Otto-Normallangläufer ist er aber eine rechte Herausforderung.
Für mich auch: Am Engadiner bin ich eineinhalb bis zwei Stunden unterwegs, am Vasalauf vier bis viereinhalb. Und wenn die Strecke kürzer ist, muss ich schneller und in einem fast schon maximalen Intensitätsbereich laufen. Das liegt mir weniger. Ich bin trainiert für Rennen in einem hohen, aber nicht maximalen Bereich; das kann ich dafür über Stunden beibehalten und mich zum Ende hin noch ein wenig steigern. Zudem laufen wir beim Engadiner in der Skating-Technik, die meisten andern Rennen laufe ich im klassischen Stil.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie vier Stunden unterwegs sind?
Ich mache mir vor allem im Vorfeld viele Gedanken. Für eine positive Vorbereitung müssten dies ja positive Gedanken sein. Aber da kommen dann manchmal schon Zweifel auf. Zum Beispiel, wenn ich zum Flughafen fahre und merke, dass ich die Strecke von Sargans zum Flughafen, was in etwa den 90 Kilometern des Vasalaufs entspricht, auf Langlaufskis bewältigen muss – unvorstellbar! Deshalb ist es für mich besser, wenn ich im Vorfeld nicht zu viel überlege.

Und während des Rennens?
Da kommt man oft gar nicht mehr zum Denken, weil man extrem konzentriert ist. Mal muss man die Spur wechseln, dann denkt man an einen technischen Ablauf oder es kommt eine schwierige Abfahrt. Da lebt man völlig im Moment, ist auf die nächste Aktion fokussiert. Oft kann ich nach dem Rennen nicht mehr sagen, was zum Beispiel zwischen Kilometer 30 und 50 passiert.

Jahrelang liefen Sie im Weltcup ohne grosse Erfolge, bei den Langdistanzrennen sind Sie nun eine Macht. Tummeln sich hier vor allem gescheiterte Weltcup-Athletinnen und -Athleten?
Der Stellenwert der Ski Classics nimmt im Moment ex- trem zu. Darum starten auch immer mehr Weltcupläufer. Beim König-Ludwig-Lauf, den ich anfangs Februar gewann, wurde Riita-Liisa Roponen, die im Weltcup aufs Podest laufen kann, Vierte. Peter Northug kam beim Marcialonga nicht unter die ersten Zehn. Beantwortet das Ihre Frage?

Sie haben neben Ihrer Langlaufkarriere das Sportlehrerinnenstudium absolviert. Bereuen Sie es rückblickend, nicht ganz auf die Karte Sport gesetzt zu haben?
Manchmal frage ich mich schon, ob ich es nicht hätte riskieren sollen. Aber nur Sport – das wäre mir eben doch zu wenig gewesen. Wenns dann nicht läuft, dreht sich alles nur noch darum. Wenn man studiert oder arbeitet, hat man noch etwas Abwechslung. Und im Weltcup war der Druck halt schon riesengross. Ich wollte wohl immer mehr, als ich konnte, und da kommt man in eine Spirale, aus der man nicht mehr herauskommt. Aber auch ohne Studium wäre ich wohl nie Weltspitze geworden.

 

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Gut, vielleicht bin ich dann am Montag nach einem Rennen nicht ganz so fit.»

Lange Läufe bedingen eine gute Grundlagenausdauer und diese wiederum lange Trainingseinheiten. Wie bringen Sie dies mit Ihrem Job unter einen Hut?
Ich arbeite Montag und Dienstag, die übrige Zeit bin ich Langläuferin.

Dann laufen Sie am Sonntag in Schweden und am Montag stehen Sie in der Turnhalle?
Tja  ... meistens. Gut, vielleicht bin ich dann am Montag nicht ganz so fit ... Ab und zu brauche ich auch eine Stellvertretung, aber es geht.

Und das Privatleben?
Mein Freund Toni Livers ist auch Langläufer und oft unterwegs. Er hat Verständnis.

Treffen Sie sich ab und zu?
Gut, es kann schon sein, dass er eine Woche Trainingslager hat und dann ich und dann wieder er – aber länger als zwei, drei Wochen verpassen wir uns in der Regel nicht. Und ab und zu sind wir am gleichen Ort an einem Wettkampf.

Hobbys haben Sie keine?
Langlauf war für mich immer ein Hobby, nie ein Beruf. Aber ich lese zum Beispiel gerne. Und jetzt, da ich für ein schwedisches Team laufe, lerne ich intensiv Schwedisch – jetzt kann ich es dann langsam. Aber Sie haben recht, manchmal vermisse ich eine zusätzliche geistige Herausforderung ein bisschen. Gerne würde ich noch etwas weiter studieren. Aber das wäre dann definitiv zu viel.

Ganz auf die Karte Langlauf möchten Sie jetzt nicht mehr setzen?
Wenn ich es mir finanziell leisten könnte ... Ich bin aber schon froh um die finanzielle Basis, die ich durch die Arbeit habe. Klar, wenn es, wie jetzt, im Winter gut läuft, kommt schon etwas an Preisgeld rein. Aber da-rauf darf ich nicht zählen.

Seraina Boner

Geboren: 11. April 1982
Zivilstand: ledig, liiert mit dem Schweizer Spitzenlangläufer Toni Livers
Wohnort: Davos
Beruf: Langläuferin und Sportlehrerin; seit 2011 bestreitet sie in einem von Coop Norwegen gesponserten Team die Ski Classics.
Grösste Erfolge:
2011:

1. Gesamtwertung Ski Classics (1. Marcialonga, Birkebeinerrennet, Norefjellrennet, 2. König-Ludwig-Lauf, Jizerska Padesatka),
3. Engadiner.
2012:
3. Gesamtwertung Ski Classics (1. Birkebeiner, 2. Dolomitenlauf, 3. Wasalauf, König-Ludwig-Lauf, Tartu Marathon),
2. Engadiner,
3. Wasalauf («Vasaloppet»).
2013:
1. Marcialonga, König-Ludwig-Lauf,
2. Jizerska Padesatka. Schweizer Meistertitel: 5 km und 10 km (2013), 30 km (2011),
2. Wasalauf.
Aktuell: Engadin Skimarathon (10. März, nach Redaktionsschluss, Ergebnis unter www.engadinskimarathon.ch abrufbar).

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
«Invictus: Nelson Mandela and the Game That Made a Nation» von John Carlin

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Früher war’s Pippi Langstrumpf – und vielleicht ist sie’s noch immer.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Menschen, die sich für eine gute Sache engagieren.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
«Wie im Himmel» – ich versuche, Schwedisch zu lernen.

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
«Finding Neverland»

Ihr Lieblings-Filmheld?
Russell Crowe in «Gladiator»

Was für Musik hören Sie gerade?
Kent – wieder fürs Schwedisch Lernen

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Einen vor etwa 10 Jahren erstellten und eben wiederentdeckten Remix

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Mit Amy McDonald.

Was kochen Sie selbst?
Fast alles, oft und gerne

Ihre Lieblingsspeise?
Gemüse und Maroni

Ihr Lieblingsgetränk?
Wasser

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meinem Freund und meiner Familie

Und wo essen Sie am liebsten?
Zuhause oder im Restaurant Bünda in Davos

Mac oder PC?
PC

Auto oder Zug?
Eigentlich Zug, doch oft bin ich mit zu viel Gepäck für den Zug unterwegs.

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Eher Pasta, doch nach einer Zeit mit vielen Wettkämpfen und Carboloading brauche ich jeweils eine Pasta-Pause.

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Berge

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Fast, als ich nach dem Sieg am Marcialonga auf dem Podium stand und für mich die Nationalhymne gespielt wurde.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit gutem Humor

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein Steinbock oder eben eine Steingeiss

Wovon träumen Sie?
Vom perfekten Rennen am Wasalauf

Was ist für Sie das grösste Glück?
Zu lachen und mich zu bewegen

Homepage von Seraina Boner
Homepage von Skiclassics

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Freitag 08.03.2013, 09:30 Uhr

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