«Dass eine Kasse effizienter ist als viele, zeigt das Beispiel der Suva.»

Franco Cavalli: «Die Fortschritte sind enorm»

Franco Cavalli ist überzeugt, dass Krebs bald ganz entschlüsselt ist. Und trotzdem könnten wir in der Bekämpfung dieser gefürchteten Krankheit scheitern. Der Arzt über seine Lösungsansätze – etwa die Verstaatlichung der Pharmaindustrie.

Coopzeitung: Was tun Sie als renommierter Krebsspezialist persönlich zur Krebsvorsorge?
Franco Cavalli: Ich achte auf einen gesunden Lebenswandel, rauche nicht, trinke höchstens ein, zwei Gläser Wein pro Tag, esse wenig Fleisch und kaufe, wenn
möglich, biologisches Obst und Gemüse. Zudem meide ich die pralle Sonne und halte mein Gewicht.

Krebs lässt sich auch mit gesundem Lebenswandel nicht verhindern. In der Schweiz sterben jährlich 16 000 Menschen an Krebs. Werden wir die Krankheit je besiegen?
In den letzten 50 Jahren haben wir in der Behandlung einiger Krebsarten enorme Fortschritte erzielt. Etwa beim Brustkrebs, wo wir einst nur knapp ein Viertel der Frauen heilen konnten. Heute sind es fast drei Viertel. Bei anderen Krebsarten sind wir noch nicht viel weiter gekommen, etwa bei Bauchspeichel-, Gallenwege- und Lungenkrebsarten.

Grosse Hoffnungen ruhen auf den neusten Medikamenten, die gezielt kranke Zellen zerstören und die gesunden verschonen.
Die sogenannte personalisierte Medizin wirkt gegen bestimmte Krebsarten ausgezeichnet, etwa gegen die chronisch myeloische Leukämie, die durch eine einzige genetische Abnormalität hervorgerufen wird. Da die meisten Krebsarten aber auf Dutzenden von genetischen Defekten basieren, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen.

In Ihrem Buch über Krebs schreiben Sie, dass wir den Kampf gegen die Krankheit wissenschaftlich gewinnen, aber wirtschaftlich verlieren werden.
Der Tag, an dem wir das Phänomen Krebs wissen-schaftlich entschlüsselt haben, ist nicht mehr fern. Doch global-gesellschaftlich betrachtet, können wir uns die Therapie bald nicht mehr leisten. Allein in den letzten 20 Jahren sind die Kosten der medikamentösen Krebstherapie bis um das Fünfzigfache gestiegen. Die neuste Generation der intelligenten Medikamente etwa kostet pro Patient bis zu 170 000 Franken jährlich. Das heisst, selbst für die reichen Länder sind diese Medikamente bald unbezahlbar. Von den Ländern der Dritten Welt, wo die Gesundheitsausgaben pro Jahr und Person um die 100 Franken betragen, ganz zu schweigen.

Krebs zu bekämpfen können sich nur die reichen Länder leisten?
Ja. Obwohl mit der McDonaldisierung und Verwestlichung des Lebensstils die Krebsrate in Entwicklungsländern zunimmt, gibt es kaum Ressourcen für die Früherfassung geschweige denn für die Behandlung. Über 95 Prozent der Krebsmittel werden in Europa, den USA und Japan verwendet. Für den Rest der Welt, wo fast 75 Prozent der Krebsfälle entstehen, können weniger als 5 Prozent der Krebsmittel eingesetzt werden.

Sind die durch die Pharmaindustrie künstlich hochgehaltenen Medikamentenpreise Teil des Problems?
Ja, deshalb möchte ich die Verstaatlichung der Pharmaindustrie als Maximalforderung zur Debatte stellen. Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stieglitz hat kürzlich eine mildere Variante vorgeschlagen: Patente ab-schaffen und die Pharma stattdessen für ihre For-schung mit öffentlichen Geldern belohnen. Heute kann die Pharmaindustrie die Preise dank Patentschutz nach freiem Ermessen setzen. Als börsenkotierte Unternehmen stecken die Pharma-Firmen in einer Negativspirale, aus der sie gar nicht rauskommen, selbst wenn sie es wollten. Die CEOs müssen den Börsenwert steigern, weil sonst die Gelder in andere Märkte fliessen. Damit wird Profitmaximierung zum einzigen Ziel.

Profit- statt Gesundheitsmaximierung?
Heute wird tatsächlich alles aufgrund des Marktwertes beurteilt, Menschen inklusive. Gegen solche Mechanismen müssen wir an-
kämpfen. Künftig muss wieder der Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht sein Marktwert.

Ist die Einheitskrankenkasse ein Mittel, die Kosten in den Griff zu bekommen?
Dass eine Kasse effizienter ist als viele, zeigt das Beispiel der Suva, der grössten Unfallversicherung. Ihre Prämien sinken seit sechs Jahren. Krankenkassenprämien sollten aber auch einkommens- und vermögensabhängig werden, damit reiche Leute verhältnismässig stärker zur Finanzierung beitragen.

Wenn Ihnen eine Fee drei Wünsche erfüllte, was würden Sie sich wünschen?
Dass die Reichtumsschere auf der Welt und auch in der Schweiz nicht noch weiter auseinandergeht, sondern sich verkleinert. Das würde sehr viele Probleme lösen. Dann, dass wir eine humanere Medizin haben, die aber auch bezahlbar bleibt. Und der dritte Wunsch ist, dass es allen meinen sieben Kindern und sechs Enkelkindern gut geht und sie ein gutes Leben führen können.

Franco Cavalli

Alter: 70
Wohnort: Ascona
Zivilstand: verheiratet, sieben Kinder
Beruf: Direktor der Klinik für Onkologie in Bellinzona und Professor an den Universitäten Bern und Varese. Seit 2006 Präsident der Internationalen Krebs-Union (UICC).
Politik: Alt Nationalrat und ehemaliger Fraktionschef der SP Schweiz.
Hobbys: Bergtouren, Radfahren, Lesen (Soziologie, Philosophie, Wirtschaft, Belletristik sowie News in mehreren Tageszeitungen).
Engagement: Mitbegründer der Organisation für Medizinische Hilfe für Zentralamerika, wo er mehrere Projekte in Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Kuba und Mexiko initiiert hat.
Aktuell: Franco Cavalli: «Krebs, die grosse Herausforderung», mit einem Vorwort von Ruth Dreifuss, 200 Seiten, erhältlich
im Handel oder für Fr. 32.50 plus Fr. 5.– Versandkosten bei: www.coopzeitung.ch/shop

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Text: Daniela A. Schwegler

Foto:
Annick Romanski
Veröffentlicht:
Montag 15.10.2012, 14:17 Uhr

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