Aus der Chefperspektive: In seinem neuen Bühnenprogramm «vestolis» geht Simon Enzler den dubiosen Geschäften nach, die meist nur hinter vorgehaltener Hand ablaufen.

Simon Enzler: «Auf Augenhöhe mit den Leuten»

Persönlich. Simon Enzler ist ein ganz Grosser im Schweizer Kabarett. Obwohl er aus dem Appenzellerland kommt. Oder just darum? An den Oltner Kabarett-Tagen wird er mit dem Schweizer Kabarett-Preis Cornichon ausgezeichnet.

Coopzeitung: Erst einmal die Gratulation! Was bedeutet Ihnen der Cornichon-Preis?
Simon Enzler: Wenn man sieht, wer alles das Cornichon bekommen hat – das ist die Garde der deutschsprachigen Kabarettisten! Sich in diese Reihe stellen zu dürfen, das macht einen schon stolz und freudig.

Wie hat das bei Ihnen mit dem Kabarett angefangen?
Der Grossvater mütterlicherseits hat Volkstheater geschrieben und Regie geführt. Er konnte aus dem kleinsten Ding etwas hoch Dramatisches machen, Geschichten spannend und schön erzählen. Andererseits hat mein Vater ein komisches Talent. Er konnte schon als kleiner Bub die Nachbarn perfekt imitieren. Beim Witzeerzählen hat er das Gefühl für Timing, sodass die Pointe wirklich wirkt.

Sie bringen Ihr Publikum zum Lachen ebenso wie zum Nachdenken. Warum?
Meine erste bewusste Wahrnehmung von Kabarett hatte ich als Elfjähriger. Ich hörte Emil auf Kassette und fand das wahnsinnig schön, wie er die Leute zum Lachen brachte. Und dann sah ich Gerhard Polt im Fernsehen mit einer unglaublich boshaften Nummer, «Die Verteidigung der Gummibären». Ich merkte: Da lacht man, und gleichzeitig tut es weh. Und es ist wahr. Wichtig ist eben die Wahrheit.

Wann entstanden die ersten eigenen Kabarett-Texte?
Ich hatte als Schüler Auftritte bei Firmen- und Familienfesten, aber auch da schon mit dem Anspruch, Geschichten zu erzählen, in denen ich ein Missverhältnis persifliere und zeige, wie ich die Leute sehe. Die Texte habe ich immer selbst geschrieben, ausser mit 15 bei einem Gymi-Vortrag über Kabarett, als ich einen Emil-Sketch vorgeführt habe. Autor zu sein ist für mich wichtig. Ich bin kein Schauspieler. Ich kann nur das glaubhaft darstellen, was mich selbst betrifft.

Und was motiviert Sie zum Schreiben, die menschliche Dummheit?
Aus der Warte des Besserwissenden ist es schwierig, lustig zu sein. Das gibt nur einen intellektuellen Witz. Wenn ich privat ins Theater gehe, möchte ich das Gefühl haben, dass der da oben auf der Bühne am falschen Ort ist, dass er ins Publikum gehört. Jeder macht sich Gedanken über den Tod. Und wenn das auf der Bühne geschieht, wie in meinem neuen Programm, dann ist das keine theoretische Abhandlung, sondern es sind persönliche Gedanken, mit denen man sich identifizieren kann. Die Augenhöhe mit den Leuten ist mir wichtig. Auch wenn ich mir viel mehr Gedanken über den Text gemacht habe als jemand, der ihn zum ersten Mal hört. Ein Kabarettist sollte keine Antworten geben, sondern Fragen stellen. Der Pfarrer gibt Antworten. Und ich bin kein Pfarrer.

Ist es im Kabarett nicht ganz ähnlich wie auf der Kanzel: Man erreicht nur solche, die immer kommen?
Nein. Wenn ich bei unseren Auftritten ins Publikum schaue, dann hockt jeder da – alt und jung, schön angezogen und leger, elegant und schlufrig, Bauer und Geschäftsmann, Arzt und Arbeitsloser. Ich weiss nicht, ob es alle gleich verstehen, aber das ist nicht mein Problem.

Sie treten stets mit dem Bassisten Daniel Ziegler auf. Was bedeutet Ihnen Musik?
Ich mag sie sehr, und was Dani mit seinem Instrument macht, ist für mich ein Traum. Zum anderen ist die Figur, die Dani auf der Bühne darstellt, auch ein wichtiger Gegenpart. Das erzeugt Reibung, eine latente Spannung. Da entstehen unausgesprochene kleine Konflikte. Und es ist auch schöner fürs Publikum, wenn auf der Bühne nicht immer nur geschwätzt wird. Man kann sich zwischendurch zurücklehnen und überlegen: Was hat der jetzt gesagt?

Beruf und Privates trennen Sie sehr klar. Dennoch die Frage: Was ist für Sie Glück?
Zeit zu haben und selber darüber zu bestimmen! Als mein Sohn vor etwas mehr als einem Jahr auf die Welt kam, habe ich ein neues Programm geschrieben und war in den ersten Monaten extrem viel daheim mit der jungen Familie. Die Generation meiner Eltern konnte das nicht. Die haben gearbeitet und gemacht, und irgendwann waren dann die Kinder in der Schule. Ich habe mir gesagt: Wenn ich die Möglichkeit dazu habe, mache ich das anders. Und diesen grossen Luxus weiss ich zu schätzen. In einem anderen Job wäre es nicht gut möglich, sich als Mann so einen Vaterschaftsurlaub zu gönnen. Das kann jeder Bauarbeiter vergessen, und auch in Büros ist das nicht sehr weit verbreitet. Ich bin froh und glücklich, kann ich das machen.

Simon Enzler

Beruf: Kabarettist
Geburtsdatum: 10. März 1976
Werdegang: Erste Auftritte schon als Schüler. Nach der Matura vorübergehend Philosophiestudent. Erster öffentlicher Auftritt 1999 zusammen mit Daniel Ziegler, der ihn bis heute am Bass begleitet. Neben seinen Bühnenprogrammen ist Simon Enzler regelmässig zu Gast in Radio (DRS-«Zytlupe») und Fernsehen («Konsumenzler» im SF-«Kassensturz»). Er ist zudem Mitorganisator der Appenzeller Kabarett-Tage.
Auszeichnungen: Salzburger Stier (2007), Prix Walo (2008), Schweizer Kabarett-Preis Cornichon (2012).
Aktuell: In Simon Enzlers neuem Programm «vestolis» geht es um all das, was ganz «verstohlen» hinter vorgehaltener Hand abgemacht wird, von heimlichen Aktienkäufen bis zur Beichte. Premiere ist am 14. März im Casinotheater Winterthur.
Link: www.simonenzler.ch



Weitere Antworten von Simon Enzler

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?

Keines.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?

Ich lese keine Romane.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?

Keine.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

Tatort

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?

Nächsten Sonntag kommt ja schon wieder einer...

Ihr Lieblings-Filmheld?

Hab ich auch nicht.

Was für Musik hören Sie gerade?

Was grad so im Radio gespielt wird.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?

Keine, denn da hats bestimmt keinen Strom.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?

Ich trinke regelmässig einen mit meinem Lieblingsmusiker Daniel Ziegler.

Was kochen Sie selbst?

Alles ausser Büchsenravioli und Fertigpizza.

Ihre Lieblingsspeise?

Hm, einfacher wäre es gewesen, wenn sie mich gefragt hätten, was ich nicht gern habe...

Ihr Lieblingsgetränk?

Das kommt auf den Durst drauf an.

Mit wem essen Sie am liebsten?

Mit viel Hunger und mit meiner Familie.

Und wo essen Sie am liebsten?

Zuhause und bei Freunden.

Mac oder PC?

Beides.

Auto oder Zug?

Auto.

Wein oder Bier?

Beides.

Pasta oder Fondue?

Beides.

Joggen oder Walken?

Weder noch.

Berge oder Meer?

Beides.

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Beim letzten Tatort? Weiss nicht mehr.

Wie bringt man Sie zum Lachen?

Mit solchen Fragebögen.

Welches Tier wären Sie am liebsten?

Ein Vogel.

Wovon träumen Sie?

Vom Fliegen

Was ist für Sie das grösste Glück?

Zeit zu haben... aber das stand ja schon im Interview ;-)

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Martin Winkel

Redaktor



Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Montag 12.03.2012, 13:10 Uhr

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