«Kein Klavier ist wie das andere, man muss das Potential herausspüren.»: Hélène Grimaud über die «besondere Beziehung» zum Instrument, das sie meisterlich beherrscht.

Hélène Grimaud: «Limiten gibt es nur im Kopf»

Die französische Starpianistin Hélène Grimaud lebt heute in der Schweiz – ohne Wölfe. Für ihre aussergewöhnlich facettenreiche Persönlichkeit ist die Musik ein lebenswichtiges Medium. Jetzt tritt sie beim Lucernefestival 2012 auf.

Kennt man Sie eher als Pianistin oder als die mit den Wölfen spielt?

Hélène Grimaud: Diese Beschreibung ist eine romantisierende Vision, die die Medien geschaffen haben. Ich spiele nicht mit Wölfen. Ich habe das Wolfsreservat  aufgebaut um sie zu schützen und zu informieren.

Warum?
Die Menschen haben Angst vor Wölfen, weil sie nicht genug über sie wissen, das ist die grösste Bedrohung der Tiere. Bevor sich das nicht ändert, wird es für die Wölfe keine sichere Zukunft geben. Mein Ziel ist die Erhaltung der Wölfe. Der Mensch hat über Jahrhunderte so viele falsche Mythen um den Wolf geschaffen, er hat sich als Konkurrenz zum Wolf verstanden. Aber Wölfe greifen Menschen nicht grundlos an, sie sind nicht besser oder schlechter als andere wilde Tiere auch. Unser Wolfcenter ist inzwischen das grösste Amerikas, darüber bin ich sehr stolz.

Seitdem Sie das erste Mal die überraschend vertrauensvolle Reaktion eines Wolfes erleben durften, sind jetzt rund 15 Jahre vergangen. Wie erklären Sie sich Ihre besondere Beziehung zu den Wölfen?
Das wirklich ungewöhnliche an dieser Reaktion damals war, dass es sich um ein erwachsenes Tier handelte, das noch nicht einmal richtig sozialisiert war. Aber wenn man einen Wolf von Geburt an aufzieht, bekommt man automatisch ein anderes Vertrauensverhältnis zu ihm. Dafür braucht es keine besonderen Fähigkeiten oder Eigenschaften, das würde auch jedem anderen so gehen.

Aber auf Sie haben die Tiere anders reagiert als auf ihren eigentlichen Betreuer!
Ja, aber ich selbst sehe mich nicht so. Ich habe einfach seit meiner frühesten Kindheit ein besonders intensives Verhältnis zu Tieren.

Doch Sie waren ebenfalls sehr berührt ...
Das stimmt, da war eine Resonanz in mir, etwas ganz Neues. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns diese spezielle Ader in sich hat, nur ist sie den wenigsten bewusst.

Was fasziniert Sie an Wölfen?
Bei meinem Studium über diese Tiere ich habe entdeckt, dass diese Spezie eine der kontroversesten und komplexesten Tierarten überhaupt ist. Vielleicht liegt es genau an ihrer unglaublichen Intelligenz, dass sich der Mensch von ihnen bedroht fühlte. Gleichzeitig kann es auch Zufall gewesen sein. Der Zufall führt Dich zu neuen Ereignissen, wenn Deine Intuition wach ist. Wenn ich in dem Moment einem Bären begegnet wäre, hätte ich heute vielleicht ein Zentrum für Bären.

Einmal wurden Sie von einem Wolf angegriffen und verletzt.
Das hätte noch sehr viel schlimmer ausgehen können. Das Tier, das mich angriff, war nicht aus meinem Gehege und wurde unter nicht artgerechten Bedingungen gehalten. Wenn etwas passiert, ist es immer der Fehler der Menschen. Wölfe, die in einem Gehege aufgewachsen sind, erkennen Menschen eigentlich als soziale Partner an. Ich war am Ende noch dankbar um dieses Ereignis, es hat mich gelehrt, meinen Kontakt mit diesen Tieren nicht für selbstverständlich zu halten. Man muss ununterbrochen daran arbeiten. Mit der Musik ist es genauso.

Wie lange können Sie ohne Wölfe leben?
Oh, lange. Seitdem ich New York Juli 2005 verlassen habe, sehe ich sie nur noch sporadisch, leider. Ich habe mich seither ausschliesslich auf meine Musik konzentriert.

Ist der Wunsch nach Kontakt zu diesen Tieren also nicht mehr so stark wie am Anfang?
Wenn man Kontakt zu wilden Tieren haben kann, ist das ein unglaublich bereicherndes Privileg und hat eine ganz eigene Kraft. Sicherlich würde ich die Wölfe gerne regelmässiger sehen. Doch ist dieser Wunsch nicht so romantisch, wie vielleicht manche glauben. Es kann bei der Beziehung zwischen Menschen und wilden Tieren nicht darum gehen, was sich der Mensch vorstellt, sondern die Tiere geben kompromisslos die Bedingungen vor unter denen ein solcher Kontakt überhaupt stattfinden kann. 2005 als ich das Wolfscenter verlassen habe, stand die Infrastruktur auf eigenen Füssen, das Personal wusste Bescheid, ich konnte mich zurückziehen. Ich mag in manchen Dingen egoistisch sein, aber in Bezug auf Tiere bin ich es nicht. Doch die Mission des Centers liegt mir immer noch sehr am Herzen. Ich unterstütze es nach wie vor, zum Beispiel mit Benefizkonzerten. Es ist mir sehr wichtig, dass die Botschaft vor allem die Kinder erreicht, denn sie sind es, die in Zukunft ein differenziertes Bewusstsein für diese Tiere in die Welt tragen werden.

Wie lange halten Sie es ohne Klavier aus?
Zwei Wochen.

Ist das Klavier Ihr Freund?
Ja, unbedingt. Es ist mehr als ein Freund, das Verhältnis ist intimer. Das Klavier ist meine Extension. Ich kann es nicht erklären, aber immer wenn ein Klavier in der Nähe ist, fühle ich mich besser.

Beschreiben Sie uns die besondere Beziehung zwischen Pianist und Instrument!
Das ist ein besonderes Verhältnis. Pianisten stehen vor einer ganz anderen Situation als alle anderen Musiker! Wir können unser Instrument nie mit uns herumtragen und zum Beispiel auf Konzerten auf unserem eigenen Instrument spielen. Wir sind jedes Mal mit einem völlig neuen Partner konfrontiert und stellen mit ihm diese besondere Osmose her. Man muss das Potenzial des unbekannten Instruments herausspüren und, glauben Sie mir, kein Klavier ist wie das andere und extrem fragil. Nicht nur die Werkstatt aus der ein Klavier kommt, machen sie verschieden, auch die ganz konkreten Umstände unter denen sie gehalten werden, wie die Raumtemperatur und -feuchtigkeit zum Beispiel. Im Gegensatz zu anderen Musikern bringt dieser Umstand eine besondere Dimension in das Leben eines Pianisten und führt manchmal zu wirklich verrückten Situationen. Natürlich trifft man nach mehreren Jahren Konzerttätigkeit auch auf alte Bekannte – aber manchmal werden auch diese gegen neue ausgetauscht. Die Frage, welches Klavier ich spiele werde, ist meistens ein  Abenteuer.

Haben Sie auch schon abgelehnt, ein Klavier zu spielen?
Ich treffe ab und zu auf Klaviere, die nicht in einem optimalen Zustand sind. Aber ich habe bisher nur einmal abgelehnt.  

Kämpft man als Pianistin auch manchmal gegen die musikalischen Limits eines Klaviers an?
Nein, Limits existieren meist nur im Kopf des Musikers. Der spezifische Klang, den man produzieren möchte,  entsteht zu allererst in der mentalen Imagination.

Also theoretisch kann das Klavier alles spielen?
Wenn wir auf einem sehr hohen professionellen Niveau diskutieren, dann wird diese Frage immer mehr zu einer Frage nach den persönlichen Präferenzen des Pianisten. Manche lieben mehr das Warme, andere wiederum die Weite oder das Wilde.

Über Glenn Gould haben Sie geschrieben, er spiele sich selbst. In Ihrer Autobiographie „Wolfsonate“ nimmt die Frage des Verhältnisses von Persönlichkeit des Musikers und Werk  viel Raum ein. Welche Rolle spielt das Originalwerk in dem Moment der Interpretation?
Das ist schwierig zu erklären.   

Anders gefragt: Versuchen Sie so nah wie möglich an das eigentliche Werk heran zu kommen oder ist der Moment des Spielens selbst ein Schöpfungsakt?
Es ist eher letzteres. Aber um dieses überhaupt möglich machen zu können, muss ich alles über das Werk verstanden haben, was es zu verstehen gibt, jedes Detail der Partitur kennen, seine Substanz, seine ganze Architektur, die Phrasierungen, alles. Nur wenn ich all das in mir habe, kann ich möglicherweise den Level der Freiheit erreichen. Während des Konzerts muss man frei und flexibel sein, offen für das, was in dem Moment vielleicht geschieht, das bedingt Respekt und Vertrauen in das Stück. Dabei gibt meine innere Welt dem Stück neues Leben. Es ist bei jedem Vortrag eine Art Versöhnung von Gegensätzen. Wenn man während des Konzerts alles reproduziert, was man 150 Mal gemacht hat, dann verpasst man das Wesentliche. Man akzeptiert, die Kontrolle zu verlieren. Das ist eine ganz, ganz schmale Gratwanderung, sich einfach gehen zu lassen ohne das Stück zu verlieren, dort zu sein und gleichzeitig auch nicht. Wenn dieser Moment fehlt, braucht es keine Lifeperformance mehr. Dann kann man auch zuhause seine Lieblings-CD hören.

Gibt es während dieser Geburt auch ein Versagen?
Ich habe versagt, wenn ich mich während des Konzerts nur innerhalb meiner komfortablen Zone bewegt habe und nicht den Mut hatte, diese zu verlassen.

Stellen Sie sich jemals vor, dass Mozart, Chopin, Brahms Ihnen zuhören?
Nein. Ich spüre manchmal, dass sie da sind. Nicht sehr oft, aber in den besten Momenten spüre ich, dass der Geist des Komponisten anwesend ist. Er ist um mich, im Instrument, im Zentrum der Noten.

Wäre es nicht eine weitere, logische Konsequenz auch selbst zu komponieren?
Das könnte es unter bestimmten Bedingungen sein. Aber ich habe diese Gene nicht.

In Ihrem Buch „Wolfsonate“ haben Sie beschrieben, dass Ihre Kindheit nicht immer einfach war. Simon Rattle hat sich als Kind wie „the strange duck“ (Red.: „die seltsame Ente“) gefühlt. Erst die Musik habe ihm eine neue Dimension gezeigt. Ist es Ihnen ähnlich gegangen?
Ja, ich kenne das Gefühl, nicht dazu zugehören. Wobei die Ironie im Grunde ja ist, dass sich die meisten Kinder als Aussenseiter fühlen. Nachdem ich die Musik entdeckt habe, hatte ich aber nicht das Gefühl, dass ich nun dazu gehörte, sondern im Gegenteil, sie bewies mir, dass ich anders war. Nur hat es mich dann nicht mehr gestört, ich fühlte mich befreit.

Wie schauen Sie heute auf Ihre Kindheit?
Mir ist bewusst, wie privilegiert meine Kindheit war. Ich hatte phantastische, sehr gebildete Eltern, die mir viele Türen geöffnet haben. Ich hatte nichts worüber ich mich beklagen könnte, ich war nur sehr in meiner eigenen Welt von Gefühlen, Experimenten, dem Wunsch, die Limits immer wieder zu brechen. Es war oft quälend, aber sehr schöpferisch.

Haben Sie inzwischen weitere „strange ducks“ angetroffen?
Jeder meiner Kollegen ist eine!  Unser Beruf verlangt dies auch, jedes Mal wenn man auf der Bühne steht, muss das Ego gross genug sein, diese Situation zu meistern. Das kann gut und schlecht sein.

Neben dem Klavier spielen lesen Sie auch sehr viel. Wie viele Bücher lesen Sie im Monat?
Oh, als Kind habe ich sehr viel mehr gelesen, als Klavier gespielt. Bücher waren meine ersten Freunde. Und das war wahrscheinlich oft eine ungewöhnliche Lektüre für ein Kind.

Und wo haben Sie schreiben gelernt?
Ich habe es nicht gelernt. Wahrscheinlich ist vom Lesen etwas hängen geblieben.


Seit fünf Jahren leben Sie in der Schweiz. Wie geht es Ihnen hier?
Ich liebe dieses Land, es ist eigen. Ich habe den grössten Respekt vor der Tatsache, dass es wahrscheinlich die einzig echte Demokratie in der Welt ist.

Interessieren Sie sich für Politik?
Nicht mehr als der Durchschnitt. Aber ich realisiere, dass sie hier wichtig ist und ich bewundere das. Ich liebe die Schweizer Natur und Landschaft. Leider komme ich zu selten dazu, sie zu geniessen. Ich bin nur höchstens fünf Tage im Monat im Schnitt in der Schweiz und den Rest der Zeit auf Tour.

Das muss aber auch physisch unglaublich anstrengend sein?
Ja, manchmal schon. Man bekommt auch viel Energie zurück, wenn man spielt. Und es ist eine Übungssache, mit diesem permanten Situationswechsel klar zu kommen. Man muss dafür geschaffen sein, sonst geht es nicht. Ich habe die tollsten Künstler getroffen, aber sie hatten nicht alle dieses spezielle psychologische Make-up, was es für diesen Energieeinsatz auf Abruf braucht.

Warum spielen Sie am Lucernefestival das 1. Klavierkonzert von Brahms?
Es ist eines der wichtigsten Stücke innerhalb des gesamten Klavierrepertoires, das ich kenne. Ich spiele es seit meiner Kindheit. Brahms hat es sehr früh geschrieben. Die ersten Teile sind sehr stark von Robert Schumanns erstem Selbstmordversuch beeinflusst, es wirkt wie ein Requiem. Der zweite Teile ist wie ein intensives Gebet, abgesehen von Bach, der beste musikalische, religiöse Ausdruck, den ich kenne.
Der dritte Teil hat die Kraft einer Wiederauferstehung, eine Urkraft der Erde. Das Klavier hat starke Momente, aber letztlich ist das erste Klavierkonzert sehr symphonisch, das Klavier ist eins mit dem Orchester.

Sind Sie schon mal mit dem Dirigenten James Gaffigan aufgetreten?
Wir haben schon einmal vor vier Jahren in München ein gemeinsames Konzert gegeben. Seither warte ich darauf, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten. Er ist ein phantastischer, talentierter Musiker, er hat sehr viel Energie, eine grosse Fähigkeit zu kommunizieren. Das macht sich auch in der Zusammenarbeit mit dem Orchester bemerkbar.

Wie bereiten Sie das Konzert in Luzern vor?
Einen Tag vor dem ersten Konzert wird eine gemeinsame Probe angesetzt. Dabei konzentriert man sich entweder auf bestimmte Passagen oder man spielt einmal das ganze Stück durch und entscheidet, welche Stellen man genauer unter die Lupe nehmen möchte. Dann gibt es eine Generalprobe des gesamten Werkes. Manche Fragen zum Tempo oder die Übergänge beispielsweise klärt man manchmal mit dem Dirigenten in einem Gespräch.

Das sind ja wahnsinnig wenig Proben!
Das ist nicht viel, aber professionelle Musiker sind gewohnt sehr schnell zu adaptieren.
Opern proben mehr. Die Dringlichkeit und Notwendigkeit, das Adrenalin unterstützen diesen Lernprozess.

Sind Sie aufgeregt?
Ja, ich bin vor jedem Konzert aufgeregt. Aber gleichzeitig kann ich nicht erwarten, dass es losgeht.

Gibt es Stücke, die Sie gerne noch spielen würden?
Oh ja, es gibt viele. Das ist das Wunderbare für Pianisten, es gibt so viele Stücke, das Leben wird garantiert nie langweilig.

Hélène Grimaud

Wer ihre spannend geschriebenen Autobiographien «Wolfsonate» und «Lektionen des Lebens» gelesen hat, beginnt zu ahnen, dass die Persönlichkeit eines professionellen Musikers keine durchschnittliche sein kann. Als Kind litt Hélène Grimaud (geboren 1970 in Aix-en-Provence) unter einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, galt als unberechenbar und eigenwillig. Mit 12 Jahren wird sie an das Pariser Konservatorium aufgenommen, mit 13 Jahren nimmt sie ihre erste CD auf. 1991 trifft sie in Amerika während eines Nachtspaziergangs auf eine Wölfin in Begleitung eines Nachbarn. Eine ungewöhnliche Leidenschaft für diese Tierart beginnt und Grimaud errichtet in USA ein Reservat für Wölfe. Die Pianistin tritt am 20. August 2012 im Rahmen des Lucernefestivals auf.

www.nywolf.org
www.lucernefestival.ch

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Bettina Ullmann

Redaktorin

Foto:
Christoph Kaminsky
Veröffentlicht:
Donnerstag 02.08.2012, 14:42 Uhr

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