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Steve Guerdat: «Ich lasse mich vom Leben überraschen»

Steve Guerdat ist einer von zwei Schweizer Olympia-Siegern von London 2012. Wie der Profi-Springreiter sein Leben dem Pferdesport unterordnet und wie seine Pläne für die Zukunft aussehen.

Coopzeitung: Steve ist nicht unbedingt ein typischer jurassischer Vorname ...?

Steve Guerdat: Stimmt. Ich muss gestehen, ich hab mich noch nie darüber gewundert. Darüber müssten Sie mit meinen Eltern sprechen ...

Woher kommt Ihr Interesse für Pferde?
Mein Vater war ja schon Springreiter. Wir hatten Pferde quasi im Garten. Schon ganz früh, als kleiner Junge, habe ich mich mit dem Reiter-Virus infiziert.

PWas macht einen erfolgreichen Springreiter aus?
Als allererstes muss man Pferde lieben. Ohne das geht nichts. Dann muss man seiner Passion fast alles andere unterordnen können.

Wie meinen Sie das?
Ein Ross ist kein Fussball, den man am Nachmittag wegpacken kann. Das Tier ist ein Athlet, das sich selbst nicht trainieren kann, das können nur wir. Und dazu braucht es viel Zeit, Geduld und Vertrauensarbeit. Jedes Ross muss über Jahre hinweg erzogen, trainiert und betreut werden – tagein, tagaus. Egal, ob Weihnachten oder Ostern, ob es stürmt oder schneit, ob unter der Woche oder am Wochenende, ob man selbst krank ist oder gesund ...

Das tönt nach wenig Freizeit?
Ich investiere viel Energie und Zeit in meine Pferde: Morgens um sieben stehe ich schon im Stall. Bis 13 Uhr geht die erste Trainingseinheit, dann ist eine Stunde Mittag. Und danach geht es noch mal bis 17 Uhr weiter.

Und dann ist Feierabend.
Nein, dann kommt der ganze Papierkram. Ich organisiere die Turnierauftritte selbst, das heisst, ich muss Flüge und Hotels buchen, organisiere den Transport der Pferde zu den Turnierorten, kümmere mich um Versicherungen, Registrierungen und vieles mehr.

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Ich muss immer an die Pferde denken. Diese zwei Tage werden die einzigen pferdefreien Tage in diesem Jahr bleiben. »

Machen Sie nie Ferien?
Ich habe mir vor Kurzem zwei Tage Skiferien gegönnt. Das waren zwei Tage ohne Pferde, die mir einerseits Spass gemacht haben, aber andererseits schwerfielen: Ich musste immer an die Tiere denken. Diese zwei Tage werden die einzigen pferdefreien dieses Jahr bleiben.

Kaum Zeit für Freunde?
Das stimmt. Ich habe wenige, dafür sehr gute Freunde, für die ich alles tun würde – und umgekehrt.

Hat sich seit Ihrem Olympiasieg etwas geändert?
Ja, plötzlich wollten alle mit mir Freundschaften schliessen. Wenn ich aber ehrlich bin: Die Leute, die mir schon vorher nahe standen, sind meine besten Freunde geblieben. Die anderen sind unwichtig.

Gibt es in Ihrem Leben keinen Ausgleich zum Pferdesport?
Ich habe früher regelmässig Tennis gespielt, aber seit Olympia bin ich erst einmal dazu gekommen. Vor zwei Jahren habe ich aber das Töfffahren entdeckt.

Was fasziniert Sie dabei?
Ganz ehrlich: Die Geschwindigkeit und die Power, die hinter einem Motor steckt.

Und was ist der Unterschied zwischen dem Sattel eines Motorrads und dem Rücken eines Pferds?
Beim Motorrad tritt man rechts und links aufs Pedal und es geschieht genau das, was man will. Das ist beim Pferd manchmal nicht so ... Wenn ich eine Familie hätte, würde ich das Töfffahren wegen des Risikos sofort beenden.

Haben Sie schon mal an die Gründung einer Familie gedacht?
Aus Zeitmangel steht das momentan nicht auf meinem Plan. Vielleicht später. Wenn es einmal passen sollte, dann bin ich dabei.

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Wenn die Gesundheit es zulässt, kann man mit 60 Jahren noch reiten – und Erfolg haben. Warum nicht?»

Wie lange wollen Sie den Pferden noch den Vorzug geben?
Ich reite für mein Leben gerne und möchte das noch lange tun. Wenn die Gesundheit es zulässt, kann man mit 60 Jahren noch reiten – und Erfolg haben. Warum nicht?

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
So weit geht meine Planung nicht. Ich lasse mich gerne vom Leben überraschen. Das kann sich so schnell ändern, dann muss man alle Pläne über den Haufen werfen und umdisponieren.

Haben Sie eine Alternative?
Ich hoffe natürlich nicht, dass mir etwas passiert. Das Schöne am Pferdesport ist, dass man immer etwas mit «Stallgeruch» machen kann, wenn man nicht mehr reiten kann, sei es als Trainer, Reitlehrer oder Turnierorganisator arbeiten.

Sind Sie des Reitens nie überdrüssig?
Ich? Nie! Mein Leben ist das Reiten und sind die Pferde. Ich könnte mir gar nichts anderes vorstellen. Für mich ist der Umgang mit den Rössern keine Arbeit, sondern macht einfach viel Spass. Ich reite so gerne, ich muss mich nie zwingen. Lieber bin ich eine Stunde länger auf dem Pferderücken als dass ich mit Freunden einen Kaffee trinke.

Wie halten Sie sich körperlich fit?
Wenn man jeden Tag über neun Stunden mit Pferden trainiert, braucht man ehrlich gesagt kein körperliches Training mehr. Dennoch gehe ich einmal pro Woche ins Fitness, um vor allem meinen Rücken zu stärken, der bei unserem Sport besonders beansprucht wird.

Und mental?
Auch wenn ich nach aussen scheinbar ruhig wirke, brodelt es vor Wettkämpfen sehr in mir. Da bin ich extrem nervös. Ich bin nicht unbedingt der selbstbewusste Typ. Sobald ich aber auf dem Parcours bin, kehrt eine innere Ruhe ein und ich kann mich extrem gut konzentrieren. Daher habe ich keinen Mentaltrainer, wie das vielleicht andere Springreiter benötigen.

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Das ist sehr schwierig. Zum Glück haben wir so viele Wettkämpfe, dass man sich nicht allzu lange damit aufhalten kann. Meistens geht es ja am nächsten Wochenende schon wieder weiter – da bleibt wenig Zeit zum Zweifeln.

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Zum Glück haben wir so viele Wettkämpfe, dass man sich nicht allzu lange mit Niederlagen aufhalten kann. »

Warum ist das Reiten eine Randsportart?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es liegt daran, dass es bei uns keine absoluten Stars geben kann. Man kann nicht jede Woche gewinnen, weil man nicht jede Woche das gleiche Pferd reiten kann. Ich zum Beispiel möchte unerfahrene Rösser langsam ans Wettkampfleben heranführen. Dann fragen sich die Leute draussen schon manchmal, warum der Guerdat nur Zehnter geworden ist. Und wenn es keine Stars gibt, dann kann sich niemand mit einer Sportart identifizieren.

Welches waren die wichtigsten Pferde in Ihrer Karriere?
Herausheben möchte ich eigentlich keins, denn mir sind alle lieb und teuer. Oder vielleicht doch: Mit Tresor hatte ich meine ersten Erfolge, mit Jalisca habe ich bei den Europameisterschaften Gold geholt (in der Mannschaft) und – klar – mit Nino des Buissonnets die Einzel-Goldmedaille letztes Jahr.

Was passiert mit den Pferden, wenn sie sich nicht mehr für den Turniersport eignen?
Leider gehören mir die Rösser meist nicht selbst. Dennoch könnte ich mich nie trennen von einem Pferd. Tresor zum Beispiel habe ich später dem Besitzer abgekauft. Er lebt nun in Südfrankreich, darf auf die Weide und wird ab und zu zur Zucht verwendet. Ich besuche Tresor regelmässig, drei-, viermal im Jahr.

Wie lange kann man eigentlich ein Pferd bei Turnieren einsetzen?
Das ist unterschiedlich – je nach Charakter. Gibt es keine Verletzungen, kann man ein Pferd in der Regel reiten, bis es 14 Jahre alt ist. Aber es gibt durchaus auch Turnierpferde, die 17 Jahre auf dem Buckel haben. Zum Beispiel ist Jalisca mit ihren 16 Jahren noch sehr springfreudig, bei ihr spüre ich immer noch das Feuer, die Lust. Bei Tresor habe ich genau gemerkt, als er keine Lust mehr hatte.

Inwieweit unterscheiden sich die Charakteren der Pferde?
Jedes Pferd hat einen eigenen Kopf – wie die Menschen. Jalisca zum Beispiel ist ein durch und durch verschmustes Ross, es ist fast schon eine Art Kuscheltier und liebt es, gestreichelt zu werden. Nino dagegen ist ein grosses Schlitzohr. Er ist frech und liebt es, kleine Streiche zu spielen. Beiden gemeinsam ist aber, dass sie Kämpfer sind.

Haben Sie schon mal etwas bereut?
Kleine Dinge schon – schliesslich kann man ja auch aus Fehlern lernen. Im Grossen und Ganzen bin ich aber zufrieden und glücklich mit mir.

Steve Guerdat

Geburtsdatum: 10. Juni 1982

Zivilstand: lebt mit seinen 15 Pferden als Single in Herrliberg ZH

Karriere: Bereits 2003 erreichte Steve Guerdat in seiner Altersklasse bei den Europameisterschaften der Springreiter den 6. Platz. Gemeinsam mit der Mannschaft schaffte er Bronze. Erste Olympia-Teilnahme im Jahr 2004. Bei den Olympischen Spielen 2008 holte er mit der Mannschaft Bronze, bei den Europameisterschaften 2005 Silber und 2009 Gold. Den Höhepunkt seiner Karriere feierte der Springreiter bei Olympia 2012 mit dem Gewinn der Einzel-Goldmedaille.

Die Ziele: Bei den nächsten Turnieren wie zum Beispiel dem CSI Zürich (25.-27. Januar) möchte Guerdat ganz vorne dabei sein – auch um sich fürs Weltcup-Finale in Göteborg zu qualifizieren. Ausserdem fehlt ihm noch ein Podestplatz bei Weltmeisterschaften. Mehr dazu auf Steve Guerdats persönlicher Homepage (momentan nur französisch und englisch; deutsche Webseite in Vorbereitung)

steveguerdat.com

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
«Rafa. Mein Weg an die Spitze» von Rafael Nadal.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
-

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
John Whitaker (britischer Springreiter) im Sport. Und Thomas Fuchs (ehemaliger Schweizer Springreiter) auf privater Ebene.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Lincoln (2012)

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Right To Kill (1985)

Ihr Lieblings-Filmheld?
-

Was für Musik hören Sie gerade?
Johnny Cash und Eminem

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Johnny Cash: 100 Greatest Hits

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Wenn er noch leben würde: Johnny Cash

Was kochen Sie selbst?
Gschnetzeltes

Ihre Lieblingsspeise?
Curry

Ihr Lieblingsgetränk?
Wasser. Mit oder ohne Kohlensäure

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meinen Freunden

Und wo essen Sie am liebsten?
Bei meiner Mutter

Mac oder PC?
Mac

Auto oder Zug?
Auto, natürlich ein Honda! ;-)

Wein oder Bier?
50/50: Bis vor drei Jahren hat mich Wein nicht interessiert. Mittlerweile trinke ich ab und zu ein gutes Glas. Zu einem Barbecue gehört natürlich ein kaltes Bier.

Pasta oder Fondue?
Fondue

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Berge

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Als ich mir kürzlich die Filmaufnahmen von den Olympischen Spielen und meinem Siegesritt angeschaut habe. Da habe ich vor Freude ein paar Tränen verdrückt.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit kleinen Albernheiten oder einem guten Witz

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein grosser Vogel, zum Beispiel ein Adler

Wovon träumen Sie?
Dass mein Leben in den derzeitigen Bahnen weitergeht, ich und meine Familie und Freunde gesund bleiben.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Wenn man gesund bleibt, hat man alles, was man braucht.

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Markus Kohler

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Mittwoch 16.01.2013, 17:48 Uhr

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