Mit Fäusten und Füssen gewandt umgehen muss Kickboxerin Janina Hofer nur im Training und im Kampf. Im Klassenzimmer hingegen zählen für die Religionslehrerin Worte.

Janina Hofer: «Religion hilft mir nicht beim Sport»

Janina Hofer (26) ist Religionslehrerein – und die amtierende Europameisterin im Leichtkontakt-Kickboxen. Zwei Welten, die sie streng trennt, weil das eine «wirklich nichts» mit dem anderen zu tun hat.

Coopzeitung: Als Kickbox-Europameisterin sind Sie wahrscheinlich die einzige Religionslehrerin ohne Autoritätsprobleme?

Janina Hofer:
 (lacht) Das eine hat mit dem anderen wohl wenig zu tun. Eine gute Persönlichkeit und das Auftreten helfen zwar an beiden Orten, aber einen Kampf im Ring gewinnt man mit anderen Mitteln als eine Auseinandersetzung mit Schülern. Mit Fäusten und Füssen gewandt zu sein, bedeutet ja noch lange nicht, dass man es auch mit dem Mund ist. Und meinen Schülern kann ich schlecht mit Fäusten drohen.

Auf den ersten Blick scheint eine kickboxende Religionslehrerin total unpassend. Dabei haben Religion und Gewalt eigentlich schon immer zusammengehört.
Genau, Christen sind keine besseren Menschen. Die verprügeln genauso andere! (lacht) Wie wir miteinan-
der umgehen, ist wichtig. Aber das ist es auch losgelöst vom Glauben. Religion hat für mich nicht in erster Linie eine ethische Funktion. Gewalt stand historisch gesehen immer in Verbindung mit der Religion, weil es einfach gäbig ist, zu sagen: Tut nicht so, sonst kommt Gott und schiesst Blitze!

Die Medien sprechen mehr auf die ungewöhnliche Kombination von Religion und Kampfsport an als auf Ihre sportlichen Topleistungen. Nervt das?
Ja, schon, da meine Arbeit wirklich nichts mit dem Sport zu tun hat. Aber wenn es hilft, wenigstens ein klein wenig Aufmerksamkeit für unsere Sportart zu wecken, ist es trotzdem viel wert.

Umgekehrt könnten Sie via Sport Werbung für den Glauben machen. Im Fussball ist es ja sehr verbreitet, dass Spieler mit T-Shirt-Aufschriften für ihren Gott werben.
Das gibt es auch im Kickboxen. Aber das geht so was von gar nicht. Nie im Leben würde ich das tun! Sport und Religion sind für mich zwei Welten. Religion hilft mir nicht beim Sport. Das Bild von: Ich gewinne, weil Gott das will – wuäh! Das ist mir völlig fremd! Ist Gott parteiisch, ist er nicht mein Gott.

«

Das Bild von: Ich gewinne, weil Gott das will – wuäh! Das ist mir völlig fremd.»

Dann machen Sie vor dem Kampf auch kein Gebet, um nochmals in sich zu gehen?
Nein, gar nicht. Wenn Gott für jemanden Partei ergreift, schafft er automatisch auch Verlierer. Wäre es so, müsste er mir das mal erklären. Das finde ich hoffentlich nach dem Tod raus. Gott hat für mich eine Funktion, das ganze Leid in der Welt zu erklären. Warum gibt es Schlechtes und Gutes? Warum gibt es Verlierer? Ich will nicht, dass Gott entscheidet, ob ich gewinne oder verliere.

Mit Kampfsport und Kirche bewegen Sie sich in sehr wertkonservativen Welten. Sind Sie mit Ihrem bunten Auftreten und Ihrer offenen Art eine Rebellin?
Ich hab nicht ungern Reibung und es liegt mir auch nicht fern, in ein Streitgespräch einzusteigen. Das ist schon so. Aber erst kommen bei mir meine Interessen. Dann muss ich mich mit der Gruppe, die meine Interessen teilt, irgendwie anfreunden. Eine Aussenseiterrolle habe ich dabei überall: im Kampfsport, in der Kirche und als Religionslehrerin. Wenn ich da nicht ein klein wenig Rebellin wäre, die nie gross darauf achtet, was andere von mir halten oder wie ich ankomme, würde ich wohl überall aufgeben, weil es schon auch anstrengend ist.

Klingt mehr nach Punk als nach Pfarrerin.

Wenn man unter Pfarrer jemanden versteht, der andern Leuten erzählt, wie sie leben sollen: definitiv mehr Punk. Wenn der Pfarrer aber jemand ist, der Leute unterstützt, auf ihrem Lebensweg begleitet, dann wiederum nicht. Denn ich bin ja für Offenheit und Vielfalt. Ich unterstütze Leute, die machen, was ihnen gefällt.

Pflegen Sie spezielle Adventsrituale?
Ich mag die Adventszeit. Ich versuche mir dann mehr Zeit für meinen Mann, meine Familie und Freunde zu nehmen. Besinnlichkeit und Feierlichkeiten rücken in den Vordergrund.

Und nächstes Jahr rückt der WM-Titel in den Fokus?
Nein, nächstes Jahr will ich auf Weltreise gehen. Das war schon vor dem Titel fix geplant und die WM findet leider statt, wenn ich schon weg bin. Ich will ein Jahr lang die Orte bereisen, wo die Religionen zu finden sind, über die ich unterrichte. Ich werde unter anderem nach Asien reisen, wo viele Muslime, Hindus und Buddhisten leben.

Das werden viele Sportler kaum verstehen.
Kickboxen ist in der Schweiz  nicht weit entwickelt. Das heisst, man bekommt keine Fördergelder und kaum Sponsoring, weshalb ich für das alles selbst aufkommen muss. Dadurch bin ich aber auch niemandem verpflichtet und kann alleine entscheiden, was ich will.

Janina Hofer

Geburtstag: 17. August 1986
Zivilstand: verheiratet
Wohnort: Köniz BE
Werdegang: Kickboxen: Anfang November erkämpfte sich Janina Marisa Hofer im türkischen Ankara bei den Europameisterschaften im Leichtkontakt-Kickboxen die Goldmedaille. Davor zierten die Bronzemedaille der WM 2009 und unzählige Gold- und Silbermedaillen von Schweizermeisterschaften den Hals der Bernerin. Seit letztem Jahr trägt sie ausserdem den akademischen Titel «Master of Arts in Religious Studies» (interreligiöse Studien) und unterrichtet an einem Berner Gymnasium.

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
Keines

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Ich lese nicht gerne…

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Auf diese Frage wusste ich noch nie eine Antwort.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Transamerica

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Filme schaue ich mir nur in der Schule (als Unterrichtsmaterial) zweimal an, sonst langweilt es mich.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Robin Hood

Was für Musik hören Sie gerade?
Bonaparte

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Siehe oben

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Ich mag Musiker vor allem wenn sie Musik machen…

Was kochen Sie selbst?
Alles was kein Fleisch enthält und nicht länger dauert als eine Stunde.

Ihre Lieblingsspeise?
Couscous mit Gemüseeintopf oder Sushi

Ihr Lieblingsgetränk?
Grapefruitsaft

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meinem Mann.

Und wo essen Sie am liebsten?
In einem mir unbekannten Restaurant

Mac oder PC?
PC

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Beides

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Vor ein paar Monaten

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit dem Erzählen von absurden Witzen

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Taucherli (es kann fliegen, laufen und lange unter Wasser sein)

Wovon träumen Sie?
Von meiner Weltreise

Was ist für Sie das grösste Glück?
Nach körperlicher Arbeit oder hartem Training sich in trauter Zweisamkeit ausruhen.

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Text:
Oliver Joliat
Foto:
Peter Mosimann
Veröffentlicht:
Sonntag 23.12.2012, 16:00 Uhr

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