Stéphanie Vuadens: Die Imkerin wuchs in Frankreich auf und zog 2003 zu ihrem heutigen Ehemann in die Schweiz. Ihre Bienen nennt die zweifache Mutter liebevoll «Mädels».

Die Königin: Herrscherin über 250 Völker

In der Region Genf kümmert sich die Imkerin Stéphanie Vuadens um ihre 10 Millionen «Mädels». Seit gut zwei Jahren tut sie dies als Profi-Imkerin.

In der Nähe von La Croix-de-Rozon GE stoppt Stéphanie Vuadens (42) ihren Jeep, um einen Getreidebauern bei der Arbeit zu grüssen. «Das ist Stéphanie, die Dame mit den Bienen!», sagt der stämmige Landwirt zu seinem Mitarbeiter. Mehr als ein Dutzend Bekanntschaften dieser Art pflegt die Imkerin in der Region Genf, denn da, wo sie ihre Bienenstöcke aufstellt, sind die Bauern betroffen. Wenn sie an ihre ersten Kontakte zurückdenkt, muss sie lachen. Nun ja, eine hübsche Blonde mit lackierten Nägeln, die darum bittet, Bienenstöcke aufstellen zu dürfen, trifft man eben nicht allzu häufig. Doch die Powerfrau hatte schnell selbst die grössten Skeptiker überzeugt. Im Dezember 2014 hängte sie ihren Vollzeitjob in der Pharmaindustrie an den Nagel, um hauptberufliche Imkerin zu werden. Heute besitzt sie 250 Bienenstöcke, verteilt auf den ganzen Kanton, und verkauft ihren «Genfer Honig» bei Coop Genf. Zu Beginn der Frühlingsernte nimmt sie uns ein Stückchen mit in ihre Welt.

Um ihr Alter zu bestimmen, ist die Königin mit einem Farbtupfer markiert.

Um ihr Alter zu bestimmen, ist die Königin mit einem Farbtupfer markiert.
http://www.coopzeitung.ch/Die+Koenigin_+Herrscherin+ueber+250+Voelker Um ihr Alter zu bestimmen, ist die Königin mit einem Farbtupfer markiert.

Ein Bienenstaat im Garten

In der Schweiz besitzen nur 70 Imker mehr als 80 Bienenstöcke, und nur etwa 15 betreiben die Imkerei als Vollzeitjob. Stéphanie Vuadens ist also eine grosse Ausnahme, zumal sie in diesem Frühjahr sogar noch einen Vollzeitmitarbeiter eingestellt hat. In ihrer Imkerei in Meyrin warten weitere 120 nagelneue Bienenstöcke, die sie im letzten Winter selbst gebaut hat, auf ihren Einsatz. Dieses Jahr will sie auch mit der Königinnenzucht beginnen und hat sich dafür Begattungskästchen zugelegt.

Doch wie kam Stéphanie Vuadens auf die Biene? Im April 2013 lässt sich in ihrem Garten ein Bienenstaat nieder. Sie ist beeindruckt. «Wir bauten gerade einen kleinen Geräteschuppen. Die Königin schlüpfte in ein Loch, und dann folgte ihr eine Biene nach der anderen.» Die Familie ruft einen Imker herbei, und der schlägt ihr vor, im Garten einen Bienenstock aufzustellen. «Ich sagte zuerst Nein, doch mein Mann hörte nicht auf mich.»

Mit dem Smoker hält die Imkerin Bienen fern.

Mit dem Smoker hält die Imkerin Bienen fern.
http://www.coopzeitung.ch/Die+Koenigin_+Herrscherin+ueber+250+Voelker Mit dem Smoker hält die Imkerin Bienen fern.

Als sie sich das erste Mal um den Stock kümmern muss, denkt sie, das schaffe sie niemals. Verständlich! Ein Bienenvolk besteht gut und gerne aus 40 000 Bienen. Doch es funktioniert. Und jedes Mal, wenn sie sich fortan um ihre Bienen kümmert, sind das Momente, die nur ihr gehören. «Ich war ganz für mich allein vor diesen kleinen Kreaturen, die die Blumen bestäuben, aus denen später Himbeeren in meinem Garten und Kirschen beim Nachbarn wachsen! Und bei der ersten Honiggewinnung hatte ich leuchtende Augen.» 

Einmal im «Passionsmodus», gibt Stéphanie Vuadens alles. Sie belegt Kurse bei der Société Romande d'Apiculture und erhöht ihren Bestand auf fünf Bienenstöcke. 2014 übernimmt sie noch weitere 50, gibt ihren Job auf und erhöht den Bestand 2015 auf 100 Stöcke. Sie liest sich durch die Fachliteratur und lässt sich von erfahrenen Imkern beraten. Letztes Jahr stockte sie auf 200 Bienenstöcke auf, heute sind es insgesamt bereits 250, verteilt auf zwanzig Standorte in der Region Genf, an der Nord- und Südseite des Genfersees und an der Rhone. «Wenn es gut läuft, werde ich bis Ende Jahr rund 300 Bienenstöcke haben», verkündet sie.

In Bardonnex GE hat Stéphanie Vuadens in einer mehrere Hektaren grossen Buntbrache 15 Bienenstöcke aufgestellt.

In Bardonnex GE hat Stéphanie Vuadens in einer mehrere Hektaren grossen Buntbrache 15 Bienenstöcke aufgestellt.
http://www.coopzeitung.ch/Die+Koenigin_+Herrscherin+ueber+250+Voelker In Bardonnex GE hat Stéphanie Vuadens in einer mehrere Hektaren grossen Buntbrache 15 Bienenstöcke aufgestellt.

Von wegen Feinschmecker

Die Bienenzüchterin wählt die Standorte für ihre Völker mit Bedacht aus. «Neben fast allen meinen Bienenständen gibt es eine Wasserstelle.» In Bardonnex hat ein Bio-Bauer eine mehrere Hektar grosse Buntbrache angelegt, in der sie 15 Bienenstöcke zwischen zwei hundertjährigen Eichen aufgestellt hat. Ein paar Kilometer davon entfernt testet sie mit sechs Bienenvölkern ein neues Grundstück neben einer Lindenallee. Immer auf der Suche nach neuen Standorten, wird sie demnächst auch einen Bienenstand neben einem Apfelhain aufstellen. Anderer Stellplatz, anderer Honig mit anderer Farbe und anderem Geschmack. «Mein Ziel ist, praktisch aus jedem Dorf einen eigenen Honig anzubieten.» Auf den Gläsern, die sie verkauft, ist der genaue Herkunftsort angegeben. Auch das macht ihren Honig so einzigartig. 

Heute schmunzelt Stéphanie Vuadens über die falschen Vorstellungen, die sie sich früher von Honig gemacht hat. «Wie viele war ich überzeugt, dass man Honig aus den Pollen gewinnt, nicht aus dem Blütennektar, also dem zuckerhaltigen Blütensaft.» Natürlich ernähre sich die Biene auch von Pollen, das sei ihre Proteinquelle. Vor allem vermischt sie die Pollen aber mit dem Nektar und forme daraus kleine Ballen, die Pollenhöschen, mit denen sie die Bienenlarven füttert. «Die eigentliche Bestäubung passiert völlig unabsichtlich», sagt Vuadens und bezeichnet dies als «eine der wunderbarsten Eigenarten der Natur: Gutes tun, ohne es zu wollen». In der Tat, Bienen sind für 80 Prozent der Bestäubung von Pflanzen und Blumen verantwortlich, und damit für das Obst und das Gemüse, das wir essen.

Die Bienenstöcke in Vessy GE grenzen an Rapsfelder.

Die Bienenstöcke in Vessy GE grenzen an Rapsfelder.
http://www.coopzeitung.ch/Die+Koenigin_+Herrscherin+ueber+250+Voelker Die Bienenstöcke in Vessy GE grenzen an Rapsfelder.

Gefährten in Gefahr

Die Honigbiene ist seit zwei Jahrzehnten von einem Massensterben betroffen (Interview Seite 16). Die Varroamilbe wütet in den Bienenvölkern. «Wie eine Zecke setzt sie sich auf die Biene. Das geht so weit, dass sie deren Flügel verkümmern lässt.» Stéphanie Vuadens bekämpft die Milbe auf rein biologische Art mit Ameisensäure. Während viele Imker im letzten Winter zahlreiche Völker verloren haben, sind in ihren Bienenstöcken nicht viele Bienen gestorben. Die Genferin klopft auf Holz.

Die Rückkehr des Winters Ende April hat auch die Bienen in den Stöcken nicht verschont. «Frost ist für uns alle sehr problematisch. Die Bienen sammeln weniger Honig als üblich und müssen von ihren Reserven im Bienenstock leben.»

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Auf das Wetter kommt es an

Die Imkerin macht ihre Frühlingsernte von der Entwicklung des Wetters abhängig, damit die Bienenvölker sich in der warmen Jahreszeit gut entwickeln können. Beim Besuch des Bienenhauses in Bardonnex am frühen Morgen ist es nur 8 Grad. Bei diesen Bedingungen bleibt der Bienenstock geschlossen. Ein paar Tiere krabbeln trotzdem nach draussen und verharren dann in einer ungewöhnlichen Position. Stéphanie Vuadens zeigt mit dem Finger auf eine Arbeiterin und erklärt: «Wenn sie den Hintern in die Luft strecken, dann ist ihnen kalt!» Jetzt im Mai, wenn das Thermometer endlich auf 14 bis 16 Grad gestiegen und es nicht nass ist, kann die Imkerin mit der Frühlingsernte beginnen. Sie hat ihren gesamten Bestand kontrolliert und entschieden, nur aus etwas mehr als 200 Bienenstöcken Honig zu gewinnen. «Wenn alles gut läuft, ernte ich dreimal im Jahr: im Mai, im Juni und im Juli. Den Rest lasse ich den Bienen, damit sie den Winter gut überstehen.» 2016 war der Juni wettermässig sehr schlecht. «Hätte ich dann an allen Bienenstöcken Honig geerntet, wären meine Bienen verhungert. Daher hatte ich letztes Jahr nur zwei grosse Honigernten.» 

Wenn sie von ihren Bienen spricht, kommt ihre mütterliche Seite zum Vorschein. Sie nennt sie liebevoll ihre «Mädels». Ein reich mit verschiedenen Blumen bestücktes Stück Land, auf dem ein Bienenstock steht, reicht, um ihr das Herz zu öffnen: «Los, Mädels, dann sucht euch mal was Leckeres aus!»

Imkerei in der Schweiz

Anzahl Imker 17'503 - Anzahl Völker 165'290 - Völker pro Imker 9.4 - Imker mit mehr als 40 Völkern 2 Prozent - Imker mit mehr als 80 Völker 0.4 Prozent - Honigernte pro Jahr 3420 Tonnen - Honigertrag pro Volk und Jahr 22.6 Kilogramm - Honigimport 7686 Tonnen - Honigexport 632 Tonnen - Konsum pro Kopf 1.3 Kilogramm

Quelle: Agrarforschung Schweiz / Infografik: Caroline Koella

Entwicklung der Anzahl Imker in der Schweiz seit 1876 

Coop engagiert sich: Alles für die Bienen

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Unterstützung des Imkernachwuchses und Einsatz für das Überleben der Wildbienen: Das will Coop mit zehn Lernprojekten für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Erwachsene erreichen. Dafür arbeitet Coop zusammen mit Biotta, Ramseier, Weleda und A. Vogel. So finden kostenlose Imkerkurse statt, die für alle zugänglich sind. Auf Anfrage werden zudem bis Anfang Juli Kurse für Schulklassen organisiert.

Die Coop Patenschaft für Berggebiete hat langfristige Projekte zum Schutz der Bienen lanciert. Das Ziel: die Bergbauern zu motivieren, sich als Imker zu betätigen. «Es ist gut, dass die Bienenzucht in den Berggebieten unterstützt wird, denn sie ist nur selten rentabel», erklärt Jean-Daniel Charrière vom Zentrum für Bienenforschung. «Die Blütezeiten sind nicht sehr lang und die Honigernte ist klein.» Wenn Sie diese Aktion unterstützen möchten, können Sie für 80 Franken pro Jahr Gotte oder Götti eines Bienenvolks werden. Das Geld fliesst vollumfänglich in bestehende und künftige Bienenzuchtprojekte.

Mit einer Pflanzaktion hat Coop 2016 in den Schulen ein grosses Projekt zur Unterstützung der Wildbienen lanciert, die oft von spezifischen Wildblumen und -pflanzen leben. Denn gemäss der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur sind 9,2 Prozent der in Europa untersuchten Wildbienenarten vom Aussterben bedroht, 40 Prozent der 615 in der Schweiz lebenden Arten sind gefährdet. Dieses Jahr legen über 27 500 Schülerinnen und Schüler in 1600 Klassen in der ganzen Schweiz Gärten, Biotope und Nistplätze rund um die Schulen an. Dazu verwenden sie die von Coop sowie Bio Suisse offerierten Bio-Kräutersetzlinge und Bio-Samen.

www.probienen.ch
www.coop.ch/bienenpatenschaft

Jean-Daniel Charrière, Leiter des Schweizer Zentrums für Bienenforschung von Agroscope.

Jean-Daniel Charrière, Leiter des Schweizer Zentrums für Bienenforschung von Agroscope.
http://www.coopzeitung.ch/Die+Koenigin_+Herrscherin+ueber+250+Voelker Jean-Daniel Charrière, Leiter des Schweizer Zentrums für Bienenforschung von Agroscope.

Bienensterben Menschliche Einflüsse spielen sicher eine Rolle. Und sonst? Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl der Honigbienenvölker in der Schweiz und in Europa um 10 bis 15 Prozent gesunken.
Seit 2003 stellen wir Winterverluste fest. Wenn ein Imker 25 Prozent seiner Völker verliert, ist es nicht einfach, den Bestand zu erneuern. Die Zuchten werden kleiner.

Was sind die Gründe für die Winterverluste?
Das weiss man nicht genau. Es gibt verschiedene, veränderliche Elemente, die zusammenkommen, je nach Jahr und Standort. Gewisse Elemente sind bekannt, etwa die Varroamilbe und die damit verbundenen Viren; synthetische Akarizide wirkten zu Beginn sehr gut dagegen, verloren aber an Wirkung, weil der Parasit eine Resistenz entwickelte.

«

Für Bienen sind Unkräuter gute Kräuter»

Weshalb sind fast 40 Prozent der 615 in der Schweiz lebenden Wildbienenarten gefährdet?
Erstens wegen menschengemachten Umweltveränderungen, etwa der Intensivierung der Landwirtschaft. Wildbienen haben auch oft Mühe, einen Nistplatz in der Nähe ihrer Nahrungsquellen zu finden, denn im Gegensatz zu Honigbienen legen Wildbienen für die Nahrungssuche oft nur kurze Distanzen zurück, um 200 bis 300 Meter. Zudem sind viele Wildbienen auf eine einzige Blütenpflanze spezialisiert; mit anderen können sie nichts anfangen! Die Verwendung von Pestiziden könnte auch eine Rolle spielen. Egal, ob es sich dabei um unsachgemäss eingesetzte Insektizide handelt, die sie direkt bedrohen, oder um Herbizide, die gegen Unkraut eingesetzt werden. Denn Unkräuter sind für Bienen gute Kräuter!

Mehr Informationen in unserem Bienen-Spezial

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Text:
Alain Wey
Foto:
Patrick Gilliéron Lopreno, Fotolia, Heiner H. Schmitt, ZVG
Veröffentlicht:
Montag 22.05.2017, 05:05 Uhr

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