Karge Klause: Tim Krohn braucht zum Schreiben nur eine Kerze, ein paar Pistaziennüsse – und einen kleinen Computer. |
Tim Krohn |
Seine Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» waren Bestseller. Jetzt hat der Schweizer Schriftsteller Tim Krohn mit «Ans Meer» einen neuen Roman vorgelegt.
Coopzeitung: Sie haben Germanistik studiert – wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?
Tim Krohn: Ich wollte eigentlich gar nichts werden. Ich habe einfach immer etwas gemacht. Zuerst Musik und Theater, dann musste ich ab und zu auch schreiben.
Für das Theater?
Eigentlich habe ich mit 15 oder 16 zu schreiben begonnen, um Mädchen zu beeindrucken. Ich schrieb Geschichten quasi als Werbemassnahme.
Hat es funktioniert?
Die Mädchen haben die Texte immer gerne gelesen, genützt hat es allerdings nichts. Aber schon damals war Schreiben für mich etwas Kommunikatives, es war mit Gefühlen verbunden.
Und wie wurde Literatur daraus?
Ich habe lange Verschiedenes gemacht: studiert, Musik gemacht, geschrieben. Irgendwann musste ich mich für eines der drei entscheiden. Da hab ich alles an den Nagel gehängt, um mich auf das Schreiben zu konzent-rieren und mir das Handwerk zu erarbeiten, das nötig war. Es gab keine Schule, man blieb allein mit seinen Fragen. Das brauchte Zeit. Ich habe mich manchmal Jahre in eine Richtung verrannt, bis ich merkte, dass es so nicht geht.
Haben Sie Vorbilder? Der neue Roman «Ans Meer» erinnert in der Art, wie Sie mit Beziehungen umgehen, zuweilen an Anna Gavalda.
Sorry, nie gehört. Ich schäme mich da ein bisschen: Ich weiss wenig über Literatur. Ich schreibe nicht für die anderen Schreibenden oder für den Kanon der Weltliteratur. Ich schreibe über Menschen und für Menschen. Schreiben ist das Medium, das ich brauche. Die Welt, in der ich lebe, ist aber nicht die Welt des Schreibens, sondern die Welt der Menschen. Wenn ich die Wahl habe, ob ich ein Buch oder einen Menschen kennenlernen möchte, dann wähle ich den Menschen.
Haben Sie keine Bücher in Ihrer Wohnung?
Ich habe gerade kürzlich bis auf signierte Exemplare alle Bücher in den Keller geräumt. Das war zum Teil schmerzlich, ist aber befreiend.
Wie viel hat die Geschichte von «Ans Meer» mit Ihrem eigenen Leben zu tun?
Vordergründig gar nichts. Ich schreibe nie über mich. Das sind Geschichten von Menschen, denen ich mich durch das Schreiben erst nähere. Andererseits kam kürzlich meine beste Freundin, die sagte, dass Jens, der Bub im Buch, genau so sei, wie sie sich mich als Kind vorstellt.
Sie stecken also doch im Buch?
Ich kann die Menschen ja nur mit meinen Worten beschreiben, dadurch werden sie auch ein Teil von mir. Es geht mir darum, die Brücke zu finden zwischen mir und den Lesern, etwas zu erzählen, was mir nahe und lieb ist und es so zu erzählen, dass es für die Leser zu ihrer eigenen Geschichte wird, dass es auch ihnen nahe und lieb wird.
Sie haben ja auch Musik gemacht – kommen Sie da den Menschen nicht auch nahe?
Nie so nahe wie beim Schreiben. Mit Musik ziehe ich einfach mein Ding durch. Beim Schreiben bin ich offener. Je ungeschützter ich den Figuren gegenübertrete, desto näher komme ich auch dem Leser. Diese Intimität führt dazu, dass sich auch die Leser den Figuren im Buch so stark öffnen, wie sie sich nur besten Freunden gegenüber öffnen. Manchmal treten mir deshalb Menschen gegenüber, wie wenn wir eine ganz wichtige Zeit miteinander verbracht hätten.
Wie gehen Sie mit dieser Nähe um?
Ich komme den Menschen durch meine Arbeit sehr nahe – aber nur durch meine Arbeit. In meinem Alltag lebe ich eher still und zurückgezogen. An den Reaktionen aus Briefen oder an Lesungen merke ich: Ich habe ganz viele Freunde, die ich nicht kenne. Das ist etwas bizarr, aber es ist der Grund, warum ich schreibe. Kürzlich hat mir eine Frau erzählt, dass ihre Mutter auf dem Totenbett immer wieder «Quatemberkinder» gelesen habe. Es sei das einzige Buch gewesen, das sie trösten und versöhnen konnte mit dem, was kommt. Solche Erfahrungen sind sehr schön, aber sie haben auch ein Gewicht, das verwirrend ist.
Sie sind als Kind deutscher Eltern im Kanton Glarus aufgewachsen – waren Sie ein Aussenseiter?
Sicher hat mich das geprägt. Schreibende Menschen sind oft Aussenseiter: Eingewanderte, Homosexuelle, Kinder einer Patchwork-Familie. Die Reibung von verschiedenen Welten ist wahrscheinlich wichtig, um sensibel zu machen für die Welt. Dass ich mich im Glarnerland als Ausländer habe behaupten müssen, das war auch hilfreich für mein Leben.
Nach der Lektüre Ihres neuen Romans hat man das Gefühl, Beziehungen sind eine schwierige Sache.
Das Leben an sich ist eine wahnsinnig schwierige Sache, weil wir uns so sehr von unseren Ängsten leiten lassen. Was wir alles nicht aussprechen, was wir alles nicht zu denken wagen, weil wir Angst haben vor den Konsequenzen! Das macht auch Beziehungen so schwierig. Momente, in denen Menschen offen miteinander reden, sind – im Buch wie im Leben – immer gute Momente, weil sich die Dinge klären. Trotzdem weichen die Menschen diesen Momenten hartnäckig aus. Ich bin in letzter Zeit ein paar Mal Menschen begegnet, die zehn, zwanzig Jahre in eine Richtung gelebt haben und plötzlich erschrecken, weil sie merken, dass das falsch war. Sie erwachen und es ist wie auf einer Autobahn, wenn die richtige Ausfahrt längst verpasst ist. Wenn sie ehrlich und wach gewesen wären und keine Angst davor gehabt hätten, etwas zu verlieren, hätten sie viel Lebenszeit gewonnen.
Zu Beginn des Buches steht so eine Lebenslüge.
Und die Lüge explodiert förmlich, weil die Menschen sich zu lange nicht getraut haben, miteinander zu reden. Ich möchte mit meinem Buch Mut machen, ab und zu offen auf sein Leben zu blicken und sich zu fragen: Was ist gut, was ist schlecht in meinem Leben? Das Schlechte ist nicht so unverrückbar, wie wir immer glauben. Manchmal braucht es nur zwei, drei Worte, und man könnte das Leben noch einmal ganz anders sehen – und es ganz anders leben.
Steckbrief
Tim Krohn
Geboren: 9. Februar 1965 in Wiedenbrück/Deutschland
Aufgewachsen: als jüngstes von drei Geschwistern in Glarus
Zivilstand: ledig
Hobby: Musik – spielt Saxofon und Bassklarinette
Werdegang: Studium von Germanistik, Philosophie und Politologie (ohne Abschluss) in Zürich.
Tim Krohn wurde unter anderem mit dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und dem Preis der Schweizerischen Schiller-Stiftung ausgezeichnet. Er lebt als freier Schriftsteller in Zürich.
Aktuell: «Ans Meer», Roman. Verlag Galiani Berlin, 304 Seiten, Fr. 33.90.
Internet: www.timkrohn.ch









