«Das Fernsehen bietet dem Zuschauer mehr Möglichkeiten, sich vom Inhalt ablenken zu lassen.» – Herbstspaziergang mit der neuen «Club»-Chefin Karin Frei.

Karin Frei:
«Wir Schweizer suchen Konsens»

Karin Frei übernimmt den «Club» auf SF 1. Die Luzernerin hat bisher die Radio-Talkshow «Persönlich» moderiert. Sie erzählt, was ihr der Schritt vom Radio zum Fernsehen bedeutet und was ihre Tochter davon hält.

Coopzeitung: Am 8. November moderieren Sie die erste «Club»-Sendung – nervös?
Karin Frei: Eine gesunde Anspannung.

Abgesehen vom Bild – unterscheidet sich eine Diskussionssendung im Fernsehen von einer im Radio?
Hoffentlich nicht. Ziel ist es, sowohl im Radio als auch im Fernsehen inhaltliche Qualität zu liefern. Zu behaupten, das Bild spiele keine grosse Rolle, wäre aber wohl unwahr.

Ist das Fernsehen also oberflächlicher?
Nein, aber es bietet dem Zuschauer viel mehr Möglichkeiten, sich vom Inhalt ablenken zu lassen.

Ist es zahmer? Verglichen mit deutschen Sendern sind Diskussionen hierzulande oft sehr betulich: Schweizer sind immer so nett miteinander.
Ich glaube, das ist schlicht die Art von Umgang, die wir mögen. Ich höre und erlebe immer wieder, dass Leute mir sagen, wie stark sie eine gute Diskussionskultur schätzen und wie genug sie davon haben, wenn sich die Teilnehmer nur gegenseitig herunterschreien. Das zeigt lustigerweise auch das Ergebnis der letzten Wahlen: Die Schweiz sucht den Konsens, das ist typisch für unser Land.

Haben Sie dafür ein Vorbild? Einen Star-Moderator?
Nein, ich habe kein konkretes Vorbild. Es sind immer wieder die Kollegen, bei denen ich merke, dass sie mit Sachverstand und Herzblut bei der Sache sind. Kollegen, die guten Journalismus zu machen versuchen und dabei nicht zynisch werden.

Angefangen haben Sie bei DRS 3 mit der Jugendsendung «Yoyo». Funktionierte das Radio damals anders?
Selbstverständlich. Wir arbeiteten mit grossen Tonbändern und bearbeiteten die Bänder mit Schere und Klebstreifen. Technisch hat sich seither viel verändert. Das Radio selbst ist nicht unbedingt anders geworden, aber die Menschen, die Radio hören und die wir interviewen.

Inwiefern?
Heute gehen die Menschen viel leichter und lockerer damit um, wenn man ihnen ein Mikrofon hinhält.

Nach «Yoyo» haben Sie zu DRS 1 gewechselt, ins Nachtprogramm – warum?
Weil ich tagsüber studiert habe. Ich wollte das Studium nicht nur anfangen, sondern auch beenden, deshalb habe ich in der Nacht gearbeitet.

Jetzt moderieren Sie die Radiotalksendung «Persönlich» auf DRS 1 …
.... ja, wobei für den «Club» auch die grossen Doppelpunktsendungen mit Diskussionsrunden, das «Doppelpunkt Forum» auf DRS 1, eine wichtige Erfahrung waren. Das «Persönlich» gebe ich ungern auf, es geht aber nicht anders. Beim «Persönlich» habe ich immer wieder spannende Menschen kennengelernt, das sind Geschenke, es ist eine wahnsinnige Bereicherung.

Was heisst es für Ihre Tochter, dass Sie jetzt beim Fernsehen sind und man Ihr Gesicht wohl bald kennt?
Das kann sie noch nicht richtig einschätzen. Im ersten Moment hat sie mir ein paar Mal versichert, dass sie sehr stolz sei. Ich kann es übrigens auch noch nicht richtig einschätzen.

Sie haben nicht nur eine Tochter, Sie waren auch eine Zeit lang Stiefmutter und haben darüber ein Buch geschrieben.
Meine grosse Entdeckung dabei war, dass auf den ersten Blick Stiefmütter nicht existieren. Niemand will eine Stiefmutter sein. Es ist ein Tabu. Bei einer Scheidungsrate von 43 Prozent müssen Stiefeltern aber vorhanden sein. Mich hat frappiert, dass so viele Leute in dieser Rolle leben und zum Teil auch darunter leiden, sich aber nicht darüber zu reden getrauen.

Warum? Weil sie sonst die böse Stiefmutter sind?
Genau. Es ist unglaublich, wie stark uns das Bild der Stiefmutter beeinflusst, das die Gebrüder Grimm in ihren Märchen zeichnen. Dass man die Geschichten von der bösen Siefmutter von Kindsbeinen an hört, das hat eine unglaubliche Wirkung.


Und Ihr eigenes Stiefmutter-Sein?
Das habe ich gar nicht so speziell empfunden. Als ich mich damit befasste, bin ich mir der Probleme bewusst geworden. Wichtig ist der unverkrampfte Umgang damit. Dass man also dazu steht, dass man nicht die Mutter ist und auch nicht versucht, diese zu ersetzen. Hier muss der Partner Verantwortung übernehmen.

Jetzt sind Sie alleinerziehende Mutter – ist das einfacher?
Für mich läuft es gut, ich habe eine wunderbare Tochter, ich verstehe mich mit meinem Ex-Partner Gott sei Dank tipptopp und der Stiefsohn ist jetzt so alt, dass er kein allzu grosses Mutterbedürfnis mehr hat.

Wie verbinden Sie Tochter und Arbeit?
Ich arbeite jetzt wieder 100 Prozent. Ich habe zwar die Möglichkeit, immer mal wieder auch zu Hause zu arbeiten und es wird zum Glück problemlos akzeptiert, dass ich hie und da etwas Flexibilität brauche. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich nie ein schlechtes Gewissen habe. Wobei meine Tochter mich beruhigt und sagt: «Mami, easy, ich kann das, mach du jetzt!»

Karin Frei

Geboren: 31. Mai 1969
Beruf: Journalistin
Hobby: Kitesurfen («passioniert!»)
Werdegang: Stage
Radio Pilatus, zwei
Jahre DRS 3 «Yoyo»,
Studium Europäische Ethnologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Völkerrecht, DRS «Nachtclub», («auch ein Club»), DRS 1-Redaktion und Moderation von
«Doppelpunkt» und «Persönlich»
Buch: «Gute böse Stiefmutter», Limmat-Verlag.
Aktuell: Karin Frei übernimmt die Redaktionsleitung der Fernsehsendung «Club» (Di, 22.20 Uhr, SF 1) – am 8. November moderiert sie ihre erste Sendung.

SF DRS

Weitere Antworten von Karin Frei

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
André Müller, «Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe»

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
„Death“ in Terry Pratchetts Roman „Mort“

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Niemand Bestimmtes. Allgemein aber Menschen, die, auch wenn sie viel erreicht haben, bescheiden bleiben und respektvoll anderen gegenüber.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Der Verdingbub

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Immer vor Weihnachten: Drei Nüsse für Aschenbrödel, Love Actually und Casablanca

Ihr Lieblings-Filmheld?
Wechselt ab und zu. Im Moment: Patrick Jane (The Mentalist)

Was für Musik hören Sie gerade?
Ich erkunde Musik aus der ganzen Welt dank meinem Internetradio.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Habe keine CDs mehr – den mp3-Player, da kann ich die ganze Sammlung mitnehmen und habe erst noch Platz für gute Hörbücher.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Leonhard Cohen.

Was kochen Sie selbst?
Das, was der Kühlschrank gerade zu bieten hat und selten, was im Kochbuch steht.

Ihre Lieblingsspeise?
Ein sehr kurz angebratenes Filet und dazu frisches Gemüse.

Ihr Lieblingsgetränk?
Pfefferminztee

Mit wem essen Sie am liebsten?
Familie und Freunde

Und wo essen Sie am liebsten?
Etwas weiter weg im Cattle Baron, Cape Town

Mac oder PC?
Mac

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Je nach Lust und Laune.

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Meer

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Beim Film der Verdingbub

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit schwarzem Humor

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein schnelles, das schwimmen und fliegen kann.

Wovon träumen Sie?
Von Wind, Wasser und meinem Kiteboard

Was ist für Sie das grösste Glück?
Meine Kinder

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Sonntag 06.11.2011, 00:00 Uhr

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