1 von 6


Wie viel Kraft braucht es, um einen Schädel zu zertrümmern? Die Forensiker testen es aus.

Beat Kneubühl: «Bei CSI gehts Minuten, real Wochen.»

Experiment mit Theaterblut: Die Verteilung der Spritzer gibt Hinweise auf den Tathergang.

Beat Kneubühl und Lea Siegenthaler schauen, wohin die Glassplitter fliegen.

Fingerabdrücke.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Beat Kneubühl ist ein international gefragter Experte für Wundballistik. Zusammen mit seinem Team
hat er schon manchen schwierigen Kriminalfall gelöst und Kriegsverletzte gerettet.

Da war zum Beispiel der Fall mit den Blutspritzern auf dem Autodach. Im Auto zwei Leichen, eine mit sechs Schüssen im Kopf. Für den Staatsanwalt war klar, das Blut war vom Kopf aufs Dach gespritzt. Der Verteidiger bestritt diese Version. Hin und her, jahrelang, bis der Fall schliesslich bei Beat Kneubühl landete. Er leitet das Zentrum für Forensische Physik/Ballistik am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern. Ausserdem arbeitet er als international gefragter Experte für Wundballistik vor allem für Polizei und Staatsanwaltschaft. Bei ihm landen die schwierigen Fälle, nicht nur aus der Schweiz, aus ganz Europa. «Wir bekommen die Anfragen oft erst nach Jahren, wenn es vor Gericht immer noch offene Fragen gibt.»

Beim Fall mit den Blutspritzern auf dem Autodach berechnete Beat Kneubühl die Flugbahn der Blutstropfen nach Form, Lage und Grösse. Er konstruierte aus Karton und Holz ein Automodell und fixierte einen Kunststoffkopf, gefüllt mit Gelatine und Theaterblut dort, wo die Blutstropfen seiner Berechnung nach hergekommen sein mussten. Das Opfer musste seinen Kopf aus dem Fenster gehalten haben. Doch bei der ersten Rekonstruktion fand sich kein einziger Blutspritzer auf dem Dach des Autos. Hatte also die Verteidigung recht? Im Team kam der Gedanke auf, dass sich nach den ersten Schüssen Blut im Mund angesammelt haben könnte, Blut, das bei den weiteren Schüssen explosionsartig aus dem Mund gespritzt war. Und tatsächlich, es war so!

Doch der Verteidiger war noch nicht zufrieden und behauptete nun, das Blut sei aufs Dach gehustet worden. Obwohl ziemlich unwahrscheinlich, konnte es der Wissenschaftler nicht lassen, es auszuprobieren. Einen halben Tag lang nahm er Schluck um Schluck Theaterblut in den Mund und hustete es aus. Er stellte fest, dass es bei jedem Huster am Schluss noch einige grosse Blutstropfen gab. Auf dem Autodach dagegen fanden sich nur kleine Blutspritzer. Nun endlich war auch der Verteidiger überzeugt und Kneubühl um eine Erfahrung reicher. «Der Geschmack war gar nicht so schlimm, eher die Vorstellung, was man da eigentlich macht», erinnert er sich.

Etwa zehn bis zwölf Fälle begutachtet Beat Kneubühl mit seinem Team pro Jahr, Fälle von mechanischen Einwirkungen auf den Körper, Schüsse, Stösse, Schläge. Kann es so gewesen sein, wie jemand behauptet? Wurde das Glas geworfen oder geführt? War es Absicht oder ein Unfall? Für eine saubere Beweisführung werfen die Fachleute tagelang Scherben in Seifenblöcke, zerschlagen Gläser an Plastilinschädeln, stechen auf Kunststoffplatten ein, lassen Gewichte auf Kunststoffknochen fallen und schiessen auf Gelatineblöcke. Manchmal geht es dabei recht fröhlich zu und her, vielleicht eine Art Schutz. «Es geht einem manchmal schon sehr nahe, das Schicksalhafte, doch man muss einfach umstellen können.» Zum Glück geht es nicht immer nur um schwere Fälle, manchmal stellt sich auch nur die Frage, wo ein verirrtes Geschoss hergekommen ist, das ein Fenster durchschlagen hat. Besonders um Silvester und um den 1. August häufen sich solche Anfragen, wenn Leute im Übermut in die Luft schies- sen. «Sie sind sich nicht bewusst, dass jedes Geschoss irgendwo zurückkommt und Personen lebensgefährlich verletzen kann.»

Jeden Abend laufen im Fernseher mehrere Serien mit forensischen Wissenschaftlern im Mittelpunkt, «CSI», «Bones» und wie sie alle heissen. Sehr weit weg von der Wirklichkeit seien sie gar nicht. Doch was im TV Minuten dauert, dauert in Wirklichkeit Tage und Wochen. Zwischen den Fällen bleibt Zeit für anderes. Forschungsprojekte, etwa über den Zusammenhang von Geschwindigkeit und dem Durchmesser von Blutspritzern, Vorträge vor Studierenden und Polizisten oder aktuell im Rahmen der Ausstellung «Mord und Totschlag» im Historischen Museum in Bern. Im Moment geht es aber vor allem darum, mögliche Nachfolger auszubilden. Beat Kneubühl ist nun auch schon 67 und darf höchstens noch bis 70 arbeiten. In dieser Zeit möchte er noch so viel wie möglich an sein Team weitergeben. Sein Fachgebiet ist keine exakte Wissenschaft. «Jeder Fall ist anders», betont Kneubühl. Es braucht das nötige Grundwissen, aber ebenso Erfahrung, Kreativität und Einfallsreichtum.

Dass der studierte Mathematiker eine Koryphäe auf dem Gebiet wurde, war purer Zufall. In den 1980er-Jahren half er mit, die Munition zum Sturmgewehr 90 zu entwickeln. Zu den Anforderungen gehörte, dass sie den Bestimmungen der Haager Konvention genügen müssen: kein unnötiges Leiden, keine überflüssigen Verletzungen. Was das aber genau heissen sollte, darüber stand nirgends etwas. Das war der Startschuss für seine Karriere als Wundballistiker. Er ging nicht wie ein Mediziner oder Ethiker an das Problem heran, sondern wie ein Naturwissenschaftler: eine Frage von Energie, Dichte, Masse, Widerstand. Er verbesserte die Materialien, mit denen er menschliche Körperteile simulierte, Kunststoffe für die Knochen, Gelatine und Seife fürs Gewebe, schoss hinein und wertete die Resultate aus, gründlich und systematisch. Seither arbeitet er auch regelmässig mit Kriegschirurgen und Juristen vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes zusammen. Ein Grossteil der Kriegsverletzungen sind Splitterverletzungen.

Solche Verletzungen wurden oft stundenlang operiert. Kneubühl hat zeigen können, dass dies nicht nötig ist. Heute werden nur noch die lebensgefährlichen Splitter entfernt. Die Ärzte im Kriegsgebiet können so viel mehr Verletzte behandeln. Dass er damit manchem Menschen das Leben gerettet hat, ist einer der Gründe, weshalb ihm die Universität Bern den Ehrendoktor der Medizin verliehen hat.

Welches ist Ihr Lieblingskrimi? Verraten Sie es uns in den Kommentaren.

Ausstellung: Mord und Totschlag «Mord und Totschlag» heisst eine Ausstellung im Historischen Museum Bern. Doch der Titel stimmt eigentlich nicht. Es geht um mehr. 15 Themenräume spannen einen Bogen von Serienmördern, Kriegsgräueln und menschenverachtenden Geschäftsgebaren über Tataufklärung und Strafe bis zu Fragen nach dem Wert des Lebens.

Mord und Totschlag, Historisches Museum Bern, bis 1. Juli 2012. Im Begleitprogramm: Physik vor Gericht, Vortrag von Beat Kneubühl, 11. Februar, 21. April, 2. Juni 2012 (Anmeldung erforderlich).

www.bhm.ch

Kommentare (3)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Text: Antoinette Schwab

Foto:
Annette Boutellier
Veröffentlicht:
Dienstag 03.01.2012, 20:00 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?