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Alles andere als eine «dunkle Zeit»

Eine Zeitreise ins Mittelalter ist faszinierend. Und komfortabel, weil «draussen» Einkaufsläden, Zahnärzte und ein heisses Bad warten.

Es regnet in Strömen. Eilig huschen mittelalterlich gewandete Gestalten unter den Lauben von Schloss Chillon durch und in den grossen, warmen Speisesaal, wo das Frühstück serviert wird. Der Regen tut der Stimmung keinen Abbruch, und offensichtlich wussten sich die Leute im Mittelalter gut zu helfen: Stolz führt Jack Edwards seine hohen Holztrippen vor, die er mit Lederriemen unter seine handgenähten Lederschuhe schnüren kann. «No problem! Damit komme ich fast trocken durch die Pfützen», sagt er.

Der 31-jährige Engländer Edwards gehört zur Company of Saynt George, einer Mittelalter-Wiederaufführungsgruppe mit Sitz in der Schweiz, die rund 90 Mitglieder aus ganz Europa vereint. Mehrmals pro Jahr treffen sie sich an Anlässen in Museen oder Schlössern: Sie werden quasi dafür gemietet, dass sie für ein paar Tage den Museumsbesuchern das Mittelalter vorleben. Kürzlich trafen sich die St. Georger im Schloss Chillon am Genfersee mit der Westschweizer Compagnie des Quatre Lunes – oder eben Burgunder trafen Savoyer.

Tatsächlich mutet es an wie in einem Mittelalterfilm, wie alle an den langen Holztischen sitzen: Die Soldaten in ihren Wollbeinlingen, den Uniformwesten und den teils drolligen Filzkappen und Hüten. Der braunberockte Pilger mit seiner Tonsur sitzt neben dem schwarzgewandeten, langbeinigen Pilger, die Näherinnen fallen in ihren farbigen Woll- und Leinenröcken auf und der Maler mit seiner eleganten schwarzen Kappe. Beim Herd schöpfen die erhitzten Schlossköchinnen Omeletten in die handgefertigten Holzschalen, an einem Tisch nebenan schleift der Messerschleifer gemächlich die Messer am Wetzstein.

So malerisch wie die farbenprächtigen Kostüme wirken die schmucken Requisiten. Von Haube und Helm bis Besteckgarnitur und Nähset sind sämtliche Gegenstände originalgetreu nachgemacht, und auch Kanone und Mittelaltergewehre, aus denen nachmittags ein paar Schüsse über den See abgefeuert werden, passen in die Szenerie. Das meiste fertigen die Company-Mitglieder selber an, einen Teil beziehen sie von Handwerkern, die sich auf die Herstellung mittelalterlicher Gegenstände spezialisiert haben. «Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch», betont Historiker Christian Folini (37). Ihre Epoche ist die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, und wer sich bei der Company of St. George bewirbt, muss es geschichtlich genau nehmen.

Bis in jedes Detail? «Wir schauen den Frauen nicht unter den Rock, und wir kontrollieren nicht, ob sich jemand mit Kreidepulver oder Zahnpasta die Zähne putzt», grinst Folini, der an diesem Tag auch seine Frau Saara und die beiden Söhne Matteo (2) und Pasquale (3 Monate) dabei hat. Dass die Buben unter ihren originalgetreuen Mittelaltergewändern Pampers anhaben, braucht niemand zu sehen: «Stoffwindeln gab es auch noch nicht, also können es gleich Wegwerfwindeln sein», findet er. Gesundheit und Hygiene gehen vor, ganz so echt muss sich Mittelalter doch nicht anfühlen: Wer Kopfschmerzen hat, greift schon mal zu einer Tablette, notfalls ist rasch ein Zahnarztbesuch eingefädelt, und die kurzsichtige Näherin setzt klammheimlich Kontaktlinsen ein, damit sie etwas vom Spass mitbekommt.

Denn Spass sollen solche Anlässe machen, trotz aller Seriosität. Wenn es die Umstände erlauben, bauen die Company-Leute im Schlosshof oder im Museumspark ganze Zeltstädte mit Leinenzelten und Handwerkerbuden auf. Dann wohnen sie schon mal eine ganze Woche à la Mittelalter, inklusive Bad im Bach oder im Holzbottich. In Chillon ist das aus Platzgründen nicht möglich, und spätestens um 23 Uhr müssen alle draussen sein, da sind die Vorschriften strikt. Deshalb schlafen die Gruppenmitglieder in einer Turnhalle und haben im Schloss bloss ein paar Handwerksecken eingerichtet.

Dort verziert etwa der Maler sorgfältig ein grosses Holzschild, und im Zimmer neben dem Speisesaal schnitzt der Pfeilhersteller seine kunstvollen Pfeile aus Eschenholz. Neben ihm haben sich die Fingerschlaufenweberin, die Spinnerin und die Stickerin eingerichtet und plaudern vergnügt miteinander. Die Stimmung ist gemütlich, und der hektische Alltag bleibt vor den Schlossmauern stehen – einer der Gründe, die das Mittelalterspielen verlockend machen. «Es ist ein ganz anderer Lebensrhythmus», sagt Monique Besson (59), die sich an einem Tischchen im Hof eingerichtet hat und den ganzen Tag still vergnügt an einem Untergewand näht. Nur in der Rüstungskammer wird es kurz hektisch, als Burgunder und Savoyer ihre metallenen Brustpanzer umhängen und Helme und Schwerter ergreifen, um vor dem Schloss eine Militärübung durchzuspielen. «Eine spannende Art, das Mittelalter nachzuleben», strahlt Tobias Putzo (41) aus Deutschland, als er sich den glänzenden, massgeschmiedeten Brustharnisch umschnürt.

Mittelalter spielen bedeutet aber auch handfeste Arbeit: In der Küche feuern die Schlossköchinnen in den weissen Hauben den Ofen tüchtig nach. Gleich nach dem Frühstück beginnen sie mit dem Vorbereiten für das Mittagessen. Bis Dinkelspätzli und Pouletstücke an Mandel-Zimt-Sauce für beinahe hundert hungrige Mittelalterleute gekocht sind, vergeht rasch ein Vormittag. Das Dinkelmehl wurde zuvor eingekauft, und zwar – auch nicht ganz mittelalter- gerecht – bei Coop. «Dafür sind die Gerichte gesund und sinnlich, mit Gewürzen, die wir heute so nicht mehr kombinieren», sagt die Köchin, die sich an diesem Tag Dame Margot nennt, und zeigt auf die Schalen mit Zimtstangen, Nelken, Kardamom und Pfeffer. Die Rezepte findet sie in alten Büchern, ebenso die Zusammensetzung der damaligen Seife oder die Technik, wie sich die Riesenkessel am besten reinigen lassen. «Den grossen Gusseisenkochtopf kann man ohne Weiteres mit einem Stück ausrangiertem Kettenhemd scheuern», erklärt Dame Margot. «Danach gehört er zum Trocknen übers Feuer, damit er nicht rostet.»

Im Speisesaal spielt derweil der zweijährige Matteo vergnügt mit einer hölzernen Kugel, und stets findet jemand Zeit, sie ihm wieder zurückzurollen. Mittelalteranlässe bedeuten für Kinder ein doppeltes Erlebnis: Endlich haben die Erwachsenen ausgiebig Zeit für sie, und besonders die älteren lieben das Verkleiden. Und das Komfortabelste: Am Ende der Tage warten ein beheizbares Auto und zu Hause eine Badewanne mit heissem Wasser. Das ist sozusagen Mittelalter de luxe, so lässt es sich auch aushalten, wenn die Zeitreise ins Mittelalter verregnet wird.

 

 

Anmerkung:

Liebe Leserinnen und Leser, leider hat eine Formulierung in der Print-Ausgabe dieses Artikels zu Verwirrungen geführt: Das Treffen der St. Georger im Schloss Chillon am Genfersee mit der Westschweizer Compagnie des Quatre Lunes findet nicht am nächsten Wochenende (20.04.12), sondern fand zur Zeit der Reportage statt. Sie können die Truppe jedoch bei folgenden Anlässen sehen:

17. - 24. Juni 2012: Château Vallerois le blois in Vallerois le bois, France

19. - 22. Juli 2012: Schloss Lenzburg in Lenzburg, Schweiz

29. August - 02. September 2012: Schloss Malešov in Malešov, Tschechien

Die adlige Dame

Name: Soline Anthore (38)
Wohnort: Albertville
Beruf: Historikerin
Darum spielt sie gerne Mittelalter: «Mich faszinieren die speziellen Kostüme und Requisiten und es macht mir grossen Spass, diesen besonderen Typ der adligen Frau zu repräsentieren, die lesen konnte. Indem ich quasi einen Besuch in der Geschichte mache, nähere ich mich auch ein Stück weit meinen Vorfahren an.»

Der Franziskanermönch

Name: Ralph Küng (39)
Wohnort: Winterthur
Beruf: Tramchauffeur
Darum spielt er gerne Mittelalter: «Damit kann ich mich in frühere Zeiten hi-neinversetzen und das Mittelalter sozusagen echt nachleben. Ausserdem komme ich so an Orte, an die ich sonst nicht hinkäme und lerne viele verschiedene Leute, beispielsweise aus England, Polen und Italien kennen, mit denen ich Wissen austauschen kann.»

Der Maler

Name: Francis Besson (61)
Wohnort: Neuchâtel
Beruf: Banker
Darum spielt er gerne Mittelalter: «Ich bin durch unseren Sohn Arnaud vor etwa zehn Jahren dazu gekommen, und seither hat es mich gepackt: Ich lerne so viel über altes Handwerk – ich habe das mittelalterliche Malen voll zu meinem Hobby gemacht und probiere sämtliche Techniken aus. Das ist ein enormer Reichtum an Wissen.»

Die Schneiderin

Name: Manuela Gloor (28)
Wohnort: Bern
Beruf: Studentin/Kommunikationsfachfrau
Darum spielt sie gerne Mittelalter: «Mich interessiert die Vergangenheit, ich bin neugierig und will wissen, wie sich das Erleben dieser Zeit tatsächlich anfühlt. Ausserdem liebe ich Rollenspiele, früher habe ich Fantasy gespielt, jetzt habe ich aus Interesse an dieser Epoche quasi ins Mittelalter gewechselt.»

Die Amme

Name: Saara Folini (31)
Wohnort: Riggisberg
Beruf: Pfarrerin
Darum spielt sie gerne Mittelalter: «Mich interessiert vor allem der zivile Teil des Mittelalters: Wie sah eine Kindheit aus, wie ein Frauenleben, wie funktionierte ein Haushalt? Es ist eine schöne Möglichkeit einzutauchen, sozusagen ins Mittelalter in die Ferien zu gehen – mit allen Vorteilen der Zivilisation.»

Der Pfeilmacher

Name: Nicolas Campana (37)
Wohnort: Troistorrents
Beruf: Ingenieur
Darum spielt er gerne Mittelalter: «So kann ich ganz viele Facetten einer Epoche entdecken: Viele machen sich irgendein Bild von dieser Zeit, und ich habe die Gelegenheit, da wirklich reinzuschauen. Ausserdem interessiere ich mich sehr für  Sportarten wie Mittelalterfechten und Mittelalterbogenschiessen.»

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Text: Claudia Weiss

Foto:
Peter Mosimann
Veröffentlicht:
Mittwoch 18.04.2012, 12:00 Uhr

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