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Unsere Kinder werden krankgeredet

ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, wird bei Kindern zu häufig diagnostiziert. Dies zeigt eine neue Basler Untersuchung. Studienleiterin Katrin Bruchmüller über zappelige Kinder, und darüber, was in der Gesellschaft falsch läuft.

Coopzeitung: Was genau hat Ihre ADHS-Studie ergeben?
Katrin Bruchmüller: Wir haben Fallgeschichten von Kindern mit ADHS-Symptomen an 1000 Kinder- und Jugend-Psychiater sowie Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten geschickt und sie gebeten, eine Diagnose zu stellen. 473 von ihnen haben geantwortet. Bei den Fallgeschichten waren zwar ADHS-Symptome vorhanden, aber mehrere notwendige ADHS-Diagnosekriterien nicht erfüllt. Dennoch stellten zirka 17 Prozent der Therapeuten in diesen Fällen eine ADHS-Diagnose.

Was bedeutet das?
Dies zeigt, dass 17 Prozent der Therapeuten fälschlicherweise ADHS diagnostizierten. Zudem hatten wir dem Kind in der Fallgeschichte einmal einen Jungen- und einmal einen Mädchennamen gegeben. In der Fallgeschichte mit dem Jungennamen wurden doppelt so häufig falsche ADHS-Diagnosen gestellt wie in der Fallgeschichte mit dem Mädchennamen – nämlich in 22 beziehungsweise in 11 Prozent der Fälle. Jungen bekommen also schneller eine ADHS-Fehldiagnose.

Warum sind Buben häufiger von Fehldiagnosen betroffen als Mädchen?
Das liegt wohl am prototypischen Vorgehen der Kliniker bei der Diagnose. In der Untersuchung zeigte sich, dass Therapeuten dazu neigen, ihre Diagnose anhand von Faustregeln zu stellen. Generell gibt es mehr Jungen als Mädchen mit ADHS. Das prototypische ADHS-Kind ist somit männlich.

Erstaunten Sie die vielen Fehldiagnosen?
Ja, schon. Hätten wir die Diagnosekriterien noch strenger ausgelegt, wären es wohl noch mehr Fehldiagnosen gewesen.

Die «Generation Ritalin» gibt es also gar nicht?
Möglicherweise schon, da ja viele Kinder eine fälschliche ADHS-Diagnose und somit auch ungerechtfertigt Medikamente bekommen. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass es die «Generation ADHS» so nicht gibt.

Werden manche Kinder einfach mit dem Medikament Ritalin ruhiggestellt?
Unsere Daten legen nahe, dass Ritalin tatsächlich zu häufig verschrieben wird. Also auch bei Kindern, die aus anderen Gründen als ADHS unruhig sind.

Welche Folgen können unnötige Psychotherapie und die unnötige Abgabe von Ritalin für das Kind haben?
Zunächst erleidet das Kind durch die falsche Diagnose eine Stigmatisierung, weil es als krank gilt. Dies festigt das problematische Verhalten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung eher, weil dann alle weniger an einer Änderung arbeiten. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass nicht klar ist, welche Langzeitfolgen die Ritalin-Abgabe hat. Hinweisen zufolge ist in manchen Fällen durchaus mit ernstzunehmenden Nebenwirkungen und Spätfolgen zu rechnen, beispielsweise mit Schlafstörungen, Gewichtsverlust oder Wachstumsverzögerungen.

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Werden zu viele Kinder mit Ritalin ruhiggestellt?»

Was sind die gesellschaftlichen Ursachen, dass so viele Kinder hibbelig sind?
Es ist meines Erachtens zunächst einmal ganz normal, dass Kinder hibbelig sind. Sie müssen sich auf angemessene Art austoben können. Das ist in der heutigen Gesellschaft aber immer weniger der Fall. Viele Kinder wohnen in einem städtischen Umfeld mit weniger Bewegungsfreiraum, spielen in ihrer Freizeit häufig Computerspiele oder schauen Fernsehen und sind zudem schulisch stark gefordert. Da kommt man weniger dazu, die angestaute Energie auf natürliche Art loszuwerden, beispielsweise durch Toben oder Spielen in der Natur. Zudem fehlen vielen Kindern klar gesetzte Grenzen. Hier müssen Eltern und Lehrer konsequent sein im Umgang mit lebhaften Kindern.

Machen iPad, Computer, Fernsehen, Playstation und Co. unsere Kinder nervös?
In der Zeit, in der Kinder diese Medien nutzen, bewegen sie sich nicht, sie sind nicht an der frischen Luft und müssen sich auch nicht mit Gleichaltrigen, Familienmitgliedern oder anderen Menschen auseinandersetzen. Das sind wichtige Lernerfahrungen, die den Kindern dann auf Dauer fehlen.

Welche Rolle spielen die Ernährung im Allgemeinen und der Zuckerkonsum im Besonderen?
Negative Auswirkungen von Zuckerkonsum – also ein «Zucker-Flash» – bei AHDS-Betroffenen konnten wissenschaftlich bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden. Weitere Diät-Ansätze werden in der Forschung diskutiert und überprüft. Es konnte bisher jedoch noch keine eindeutig klare Wirksamkeit dieser Ansätze gezeigt werden. Daher wird eine Diät zur Behandlung von ADHS nicht generell empfohlen.

Haben die Kinder ganz einfach zu wenig Bewegung?
Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Sich beim Spielen mit anderen Kindern mal so richtig auszutoben, ein Gefühl für den eigenen Körper und die Belastungsgrenzen zu entwickeln – das sind Erfahrungen, die sehr wichtig sind, um ein inneres Gleichgewicht zu erhalten.

Warum kann unsere Gesellschaft immer schlechter mit hibbeligen Kindern umgehen?
Erfolg und Aufstieg in kürzester Zeit werden in der Gesellschaft immer mehr angestrebt. Da fallen Kinder, denen das Stillsitzen schwerfällt, eben leichter durch den Raster. Leistung hat in unserer Gesellschaft oberste Priorität, Kreativität und nicht zielgerichtete Aktivitäten finden da keinen Platz mehr. Wir sollten wieder lernen, dass man Zeit auch mal vertrödeln darf. Das schafft ein viel menschenfreundlicheres Klima. Zudem sollte bei abweichendem Verhalten nicht gleich nach einer Krankheit als Ursache gesucht werden.

Könnte man sagen, dass unsere Kinder krankgeredet werden?
Das trifft bei einigen Kindern sicher zu.

Was läuft in unserer Gesellschaft falsch, dass man die Kinder lieber krankredet, als Gesellschaft und Umwelt kinderfreundlicher zu gestalten?
Viele Menschen fühlen sich überfordert durch Kinder, die nicht in den vorgegebenen Raster von Lehrplänen, Hobbys und Ähnlichem passen und durch Unruhe auffallen. Eine Diagnose wird dabei von allen Betroffenen eher als Entlastung aufgefasst, denn das zeigt, dass man selber nichts falsch gemacht hat, es gibt ja durch die Diagnose eine objektive Ursache für die Schwierigkeiten. Das Problem ist nur, dass das Kind durch eine solche (Fehl-)Diagnose einen Stempel aufgedrückt bekommt, den es möglicherweise lange nicht mehr los wird. Zudem verstärkt er unter Umständen die Probleme noch.

Was wäre Ihrer Meinung nach eine kinderfreundliche Lebensgestaltung?
Wichtig ist, dass Kinder ermutigt werden, sich selbst auf viele Arten auszuprobieren, beispielsweise bei verschiedenen Hobbys, bei Sport oder Musik, um so ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln. Zudem sind klare Grenzen sehr wichtig – also ein konsequenter, aber unterstützender Erziehungsstil.

Früher nannte man ein unruhiges Kind einen Zappelphilipp. Wie würde der klassische Zappelphilipp nach heutigen Massstäben eingestuft?
Heutzutage würde in der Gesellschaft oder im Umfeld des Kindes sicher sehr schnell die Diagnose ADHS gestellt oder zumindest vermutet. Das legen auch die Ergebnisse unserer Studie nahe. Tatsächlich würde man aber in Fachkreisen bei vielen unruhigen Kindern eher eine Kombination bestimmter Temperamentsmerkmale vermuten, beispielsweise, dass sie sehr extrovertiert sind und immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Dies ist aber häufig eine normale menschliche Temperamentsausprägung und bedeutet nicht, dass das Kind krank ist.

Dr. Katrin Bruchmüller ist Lehrbeauftragte am Institut für Psychologie der Universität Basel. Zusammen mit Prof. Dr. Silvia Schneider und Prof. Dr. Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität in Bochum (Deutschland) hat sie die ADHS-Studie verfasst, welche ergab, dass die Krankheit bei erschreckend vielen Kindern zu Unrecht diagnostiziert wird. Die Ergebnisse der Untersuchung erregten international Aufsehen, auch das amerikanische «Journal of Consulting and Clinical Psychology» sowie die deutsche Fachzeitschrift «Psychotherapeut» berichteten darüber.Katrin Bruchmüller vom Institut für Psychologie der Uni Basel.

Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung haben grosse Mühe, ihre Aufmerksamkeit und ihre Impulse zu regulieren. Meist beginnt ADHS schon im Kindesalter und hat sich bei etwa der Hälfte der Betroffenen auch im Erwachsenenalter nicht «ausgewachsen». ADHS kommt in allen Kulturen und sozialen Schichten vor und ist unabhängig von der Intelligenz. Weil von leichten, punktuell auftretenden bis hin zu starken und andauernden Symptomen alles möglich ist, wurden international verbindliche Richtlinien geschaffen, die erfüllt sein müssen, bevor die Diagnose ADHS gestellt werden darf. Von den Schulkindern leiden zwischen drei und fünf Prozent an ADHS, bei den Erwachsenen sind es zwei bis vier Prozent. Der Ritalin-Konsum hat sich in der Schweiz in den vergangenen Jahren verachtfacht. 2001 waren es 38 Kilogramm, 2010 waren es 294 Kilogramm.

Text: Susanne Stettler

Foto:
Prisma, ZVG
Veröffentlicht:
Montag 13.08.2012, 16:18 Uhr

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