Rekord am «Race Across America»: Reto Schoch und sein Velo haben die 4800 Kilometer und 33 000 Höhenmeter in 8 Tagen, 6 Stunden und 29 Minuten geschafft.

Reto Schoch: «Ich bin klein, aber sehr zäh»

Der Appenzeller Reto Schoch (33) hat das härteste Radrennen der Welt gewonnen. Wenn er über seinen Sieg am «Race Across America» erzählt, tönt alles erstaunlich einfach.

Coopzeitung: Sie sind mit dem Rennvelo von der West- an die Ostküste der USA gefahren und haben in Rekordzeit 4800 km und 33 000 Höhenmeter zurückgelegt. Welches Körperteil hat danach nicht weh getan?

Reto Schoch: Die Beine, die Arme, der Rumpf. Selbst das Gesäss schmerzte relativ wenig, jedenfalls deutlich weniger, als ich befürchtet hatte.

Wie war das möglich?
Sehr gute Velohosen, ein nach sportmedizinischen Druckmessungen massgeschneiderter Sattel und eine desinfizierende Creme waren entscheidend.

Spüren Sie trotzdem Nachwirkungen?
Am rechten kleinen Finger hatte ich eine Nervendruckschädigung, doch 60 Prozent des Gefühls sind bereits wieder zurück. Bei zwei Zehen des rechten Fusses wird die Taubheit vermutlich noch eine Weile anhalten. Das Schlimmste im Rennen war die Müdigkeit im Kopf.

Wie viel haben Sie überhaupt geschlafen?
Kurz nach Mitternacht stieg ich jeweils in unseren Camper und duschte. Darauf folgte eine Fussreflexzonen-Massage, medizinische Tests, ob bei mir noch alles im Gleichgewicht ist, und die Behandlung des Gesässes. Ein Teil davon geschah im Schlaf, denn kaum legte ich mich hin, war ich auch schon weg. Nach 90 Minuten hat mich mein Team geweckt. Dann aufzustehen und mich wieder aufs Velo zu setzen, das war hart!

Wie haben Sie sich ernährt?
Eigentlich wollte ich nur eine flüssige Kohlenhydratmischung zu mir nehmen, die speziell für mich entwickelt wurde. Doch am fünften Tag bekam ich sie einfach nicht mehr hinunter. Da ich auch keine Lust auf Süsses hatte, musste ich abrupt auf Festnahrung umsteigen.

Mit welchen Konsequenzen?
Meine Leute im Camper mussten nun auch noch Teigwaren, Riz Casimir und Sandwiches zubereiten. Die Energiegewinnung hat zwar immer noch erstaunlich gut geklappt, doch musste ich nun viel öfters auf die Toilette.

Wie viel Gewicht haben Sie verloren?
Normal bringe ich 54 Kilo auf die Waage. Ich bin absichtlich mit etwas Übergewicht an den Start gegangen, weil man gar nicht so viel essen kann, wie man verbraucht, und habe 6 Kilo verloren. Momentan habe ich immer noch extremen Hunger, auch auf Sachen, die ich sonst nicht esse, etwa Schokoladentorte.

«

Ich habe während sieben Monaten 25 bis 30 Stunden pro Woche auf dem Velo trainiert.»

Wie haben Sie das Finale des Rennens in Erinnerung?
Der letzte Tag war sensationell schön. Ich merkte, dass der österreichische Vorjahressieger Christoph Strasser aufgeholt und mich wegen seiner Zeitgutschrift von 75 Minuten nach einem Gewitter virtuell schon überholt hatte. Ich dachte, es könne doch wohl nicht sein, dass ich quer durch Amerika fahre und am Ende wegen einer Bonifikation unterliege. Also griff ich ihn in den steilen Anstiegen der Appalachen an. Ich bin trotz der Hitze förmlich den Berg hinauf geflogen und konnte ihn vorentscheidend distanzieren.

Wie hatten Sie sich auf das Rennen vorbereitet?
Ich habe während sieben Monaten 25 bis 30 Stunden pro Woche auf dem Velo trainiert. Im Frühling war ich in Trainingslagern auf Gran Canaria und Teneriffa. Danach habe ich die Strecke des «Race Across America» auf dem Velo und mit drei Betreuern im Camper abgefahren. Nach dem dreiwöchigen Höhentrainingslager auf dem Säntis flogen wir in die USA, wo ich an der mexikanischen Grenze die Hitzeakklimatisation bei Temperaturen von bis zu 46 Grad absolvierte.

Haben Sie keinen inneren Schweinehund?
Zumindest musste ich ihn nicht überwinden. Ich hatte im Rennen wirklich Spass und das Ziel vor Augen, eine gute Platzierung zu erreichen. Ich behielt dabei immer einen klaren Kopf und musste nie durch die Hölle gehen.

Hätten Sie neben dem Beruf und Sport überhaupt Zeit für eine Partnerschaft?
Ich glaube, wenn die richtige Frau kommt, wüsste ich auch in diesem Lebensbereich Prioritäten zu setzen. Aber es würde bestimmt nicht schaden, wenn sie etwas sportlich wäre ...

Man sagt, die Appenzeller wären ein spezieller Menschenschlag. Was ist an Ihnen typisch?
Ich bin 1,60 Meter klein, aber sehr zäh. Ich bin ehrgeizig und kann ein Ziel konsequent verfolgen. Aber ich bin auch sehr weltoffen.

Gibt es für Sie noch sportliche Herausforderungen?
Ich werde dem Ultracycling treu bleiben, hoffentlich auch nochmals am «Race Across America» teilnehmen. Wenn ich mich gut erhole, möchte ich schon am 17. August an der «Tortour», unserem Schweizer Heimrennen, starten. 2011 habe ich die «Tortour» zwar bereits gewonnen, jedoch den Streckenrekord von 34 Stunden für die 993 Kilometer knapp verpasst.

Reto Schoch

Berufung: Ultracycling
Geburtsdatum: 27. September 1978 in Teufen AR
Zivilstand: ledig
Wohnort: Speicherschwendi
Beruf: Maschinenbauingenieur ETH, Doktorat Mikrosysteme und Mikroelektronik EPFL. 2010 Gründung seines Start-ups Swissfluidics AG.
Sport: Als Junior Mitglied des Badminton-Nationalkaders, danach Umsatteln auf Montainbike und Rennvelo. 2011 Siege bei den Ultracycling-Klassikern «Race Across The Alps» und «Tortour».
Aktuell: Sieg beim «Race Across America» in 8 Tagen, 6 Stunden und 29 Minuten, am 17. August eventuell «Tortour»-Start in Schaffhausen.

Mehr zu Reto Schoch auf seiner Internetseite

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
Duell der Dickschädel: Dramatik und Triumph am härtesten Rennen der Welt

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Bruno, Chef de police

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Jure Robič, fünfmaliger RAAM-Sieger

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Bicycle Dreams

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Der mit dem Wolf tanzt

Ihr Lieblings-Filmheld?
Bruce Willis

Was für Musik hören Sie gerade?
You can get it if you really want, von Jimmy Cliff

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
MCMXC A.D. by Enigma

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Johnny Cash

Was kochen Sie selbst?
Praktisch alles

Ihre Lieblingsspeise?
Riz Casimir

Ihr Lieblingsgetränk?
Shorley

Mit wem essen Sie am liebsten?
Im Kreise der ganzen Familie

Und wo essen Sie am liebsten?
Zuhause

Mac oder PC?
PC

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Berge

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Am RAAM, vor Freude

Wie bringt man Sie zum Lachen?

Spontane Witzigkeit

Welches Tier wären Sie am liebsten?

Ein Delphin

Wovon träumen Sie?
Gutes für die Menschheit zu vollbringen

Was ist für Sie das grösste Glück?
Gesund zu sein

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 09.07.2012, 16:21 Uhr

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