Coopzeitung: Springen Sie nun auf die Swissness-Welle auf, um in der Schweiz Erfolg zu haben wie Bligg und Co.?
Elia Rediger (lacht): Nein, so banal ist es nicht. Heimat ist bei uns das Thema, nicht die Musik. Wir sind die Easyjet-Generation, die schnell überall sein kann. Die Frage ist aber: Wo fühlen wir uns daheim, woher kommen wir und warum dürfen wir nicht dazu stehen? Woher kommt dieser Komplex?
Bei bianca Story hatte man bislang eher das Gefühl, Ihr wollt raus, die Welt erobern und nicht nach Hause kommen.
Wollen wir auch. Unbedingt. Aber wir tragen unsere Welt, nenn es von mir aus Swissness, nach draussen. Wenn du auf Tour bist, wollen die Menschen immer wissen, woher du kommst. Warum sollen wir nicht sagen, dass wir aus der Schweiz sind?
Je weiter weg von zu Hause, umso mehr schwärmt man davon. Was vermissen Sie in der Ferne am meisten?
Heimat ist für mich der Ort, wo man sich das Beste und Teuerste aufbewahrt. Geht das kaputt, fehlt dir viel und du streunst wie ein Hund in der Welt rum. Dieser Ort kann überall sein. In der Schweiz sind das für mich meine Liebsten und die Selbstverständlichkeit, dass die Dinge funktionieren. Und dass man Versprechen machen und glauben kann, sowie das Understatement.
Das The bianca Story aber nicht haben.
Ich hoffe schon. Ich glaube, wir haben eine gewisse Demut gegenüber unserem Schaffen, verbunden mit Schalk und etwas Witz. Das ist für mich ziemlich swiss. In der Kunst wird Schweizern wie Fischli/Weiss, Urs Fischer oder Pipilotti Rist Humor attestiert. Da wir viele Überschneidungen mit der Kunstwelt haben, sehen wir unsere Musik auch in diesem Zusammenhang. Und wie in der Kunst, gibt es auch in der Musikszene viel Innovatives, das international Potenzial hat. Nur müssen wir dafür noch ein Selbstverständnis entwickeln.
Welche Werte würden Sie den Schweizern gerne vermitteln?
Mut.
Brauchten Sie den, als Sie für die Album-Aufnahmen in die altehrwürdigen Abbey Road Studios der Beatles einmarschierten?
Voll. Da zittern schon die Knie! Aber es ist auch schön und die Leute machen es dir extrem einfach. Sobald du aufnimmst, bist du einfach der Musiker. Die grösste Lehre aus den Abbey Road Studios war, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird.
Der Mut hat sich gelohnt. Sie bekamen dank der Aufnahmen einen Vertrag mit Motor, einem der begehrtesten Plattenlabels in Europa.
Mit Label-Chef Tim Renner haben wir breite Schultern am Start, die auch Lust haben, etwas im grossen Stil auszuprobieren. Er hat gemerkt, dass hier eine Truppe Musiker ist, die nahe am Risiko lebt.
Was heisst nahe am Risiko leben: Sex, Drugs and Rock’n’Roll?
Nein, es geht mehr darum, Musik für die breite Masse zu machen, ohne sie für dumm zu verkaufen. Viele denken, die breite Masse muss ja blöd sein, aber das ist ein Missverständnis. Man kann auch so anspruchsvolle Musik machen.
The bianca Story gilt als Band von Kunst- und Musikakademie-Absolventen. Da kommt der Pop-fürs-Volk-Ansatz sehr überrraschend.
Unsere Musik darf oder soll einen einfachen Nenner, eine simple Melodie haben. Sie darf ins Gehör gehen und soll emotional bewegen. Die Experimentierfreudigkeit zeigt sich dann mehr in der Umsetzung. Da dürfen die Leute auf etwas hoffen.
Wie beim so bestechend wie verstörenden Video zu «Afraid Of The World», das für einmal nicht Keyboarder und Video-Künstler Fabian Chiquet gemacht hat.
Nein, da habe ich mich versucht (Gelächter). Wir sind ein Trupp von Leuten, die nach vorne schieben. Wir haben so viel Output, dass wir aufpassen müssen, dass nicht zu viel rausgeht.
All die Kunst- und Theaterprojekte, kommt das der Musik nicht teilweise in die Quere?
Nein, jetzt zählt wieder nur die Musik. Bis im Herbst ist keine Zeit für anderes.
Das Musikerleben bedeutet auch Verzicht. Zum Beispiel auf ein schweizerisches Gutbürgerleben mit Haus, Auto, Job und Familie.
(langes Zögern und Seitenblick auf Freundin). Wir halten es auch hier so: Es gibt immer einen Weg. Vor zwei Jahren meinten alle, wie krass wir doch leben, da wir alles auf die Risikokarte Musik setzten. Nun, mit all den Wirtschafts- und sonstigen Wirren und Krisen auf der Welt, mit all den pessimistischen Prognosen, kehrt das. Viele beneiden uns darum, etwas zu haben, woran wir glauben und daran arbeiten können.