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Es gibt sie noch: Schweizer Uhrmacher, die in Hunderten von Stunden Zeitmesser für ausgesuchte Einzelkunden herstellen.








Die Zeit sieht man bei der Papillon erst auf den zweiten Bild.

Der Zeit-Philosoph

Es gibt sie noch: Schweizer Uhrmacher, die in Hunderten von Stunden Zeitmesser für ausgesuchte Einzelkunden herstellen. Wir sind zu Besuch bei Andreas Strehler in Sirnach TG – bei einem Uhrmacher, der das Besondere liebt und an der «Baselworld 2012» seine neueste Kreation vorstellen wird.

Andreas Strehler: «Meine Welt ist das Uhrwerk und die Technik.»

Andreas Strehler: «Meine Welt ist das Uhrwerk und die Technik.»
Andreas Strehler: «Meine Welt ist das Uhrwerk und die Technik.»

Winterthur Ende der Siebziger- jahre: Während andere Kinder auf dem Spielplatz «Räuber und Poli» spielen, nimmt ein Junge in seinem Kinderzimmer technische Geräte aus der elterlichen Wohnung auseinander: Kuckucksuhren, Transistorradios oder die elektrische Eisenbahn. Er studiert deren Mechanik und setzt die Objekte – Stück für Stück – wieder zusammen. Sogar Uhren aus der Sammlung des Vaters werden «seziert». Der lässt ihn gewähren. Nur an den Fernsehapparat wagt sich der Junge nicht heran. «Das wäre den Eltern doch zu weit gegangen. Ich war von Technik und Mechanik fasziniert. Damals beschloss ich, Uhrmacher zu werden», erzählt Andreas Strehler.
Er schmunzelt, als er uns an einem tiefgrauen Wintermorgen in seinem Atelier, einer ehemaligen Textilfabrik in Sirnach TG, diese Anekdoten zum Besten gibt. Andreas Strehler sitzt an seinem Uhrmachertisch aus Eichenholz. Auf der Tischplatte sind Pinzetten, Notizen und winzige Metallteilchen verstreut. Es herrscht kreative Unordnung! Der Uhrmacher entschuldigt sich. Er sei noch nicht zum Aufräumen gekommen. Bis in die frühen Morgenstunden habe er hier an einer Armbanduhr gearbeitet. Bestellt von einem Softwarehersteller aus den Niederlanden, der die ganze Nacht ebenfalls hier im Atelier gesessen und dem Finish entgegengefiebert hatte.

Dieser Kunde wünschte sich einen Zeitmesser mit einem geheimnisvollen Mechanismus (mehr verrät der Uhrmacher nicht). Er kontaktierte verschiedene Uhrmacher. Doch nur Strehler war bereit, die knifflige Aufgabe in Angriff zu nehmen. «Um halb sechs Uhr morgens machte ich den letzten Handgriff. Dann habe ich den Herrn zum Flughafen Kloten gefahren. Er war zu einer Hochzeit in Amerika eingeladen und wollte die Uhr dabei haben, um sie seiner Familie zu zeigen.» Strehler legt für seine Kunden öfter mal eine Nachtschicht ein. «Das ist weiter nicht schlimm, da ich ja pro Jahr nur wenige, aber dafür sehr wertvolle Uhren herstelle.» In einer Zeit, die auf billige Massenware angelegt ist, eine fast schon anachronistische Aussage.
Unkonventionell und wie aus einem James-Bond-Film sind die Codenamen, die Strehler seinen Entwürfen während der Prototypen-Phase verpasst. Wenn er mit jemandem spricht, verwendet er Bezeichnungen wie Daisy Duck, Mickey Mouse oder Bugs Bunny. Die skurrile Namensgebung soll verhindern, dass Werkspione auf den Plan treten. In der Uhrenbranche läuft alles sehr geheim ab.

Der Uhrmacher trägt einen unauffälligen anthrazitfarbenen Anzug, dazu ein hellblaues Hemd. Ein wenig wirkt er wie ein freundlicher Beamter. Doch dieser Mann entwirft und erfindet seit 1995 Zeitmesser in Eigenregie, die so viel kosten wie ein Porsche Panamera 4. Das heisst, die Unikate gehen schon mal für rund 150 000 Franken über den Ladentisch – oder auch für mehr. Kein Wunder, dass Strehlers Kundschaft ausschliesslich aus handverlesenen Privatleuten besteht, die das Besondere suchen und über das nötige Kleingeld verfügen. Über die Kundenliste hält sich Andreas Strehler bedeckt. Namen rückt er nicht raus. «Top Secret!» lautet seine Devise. Doch es ist anzunehmen, dass Internet-Tycoons in Kalifornien und der Sultan von Brunei (er soll einer der grössten Uhrensammler der Welt sein), eine von Strehlers Erfindungen besitzen.
Für Andreas Strehler ist eine Uhr nicht nur Instrument zur Anzeige von Sekunden, Stunden und Tagen, sondern eine Skulptur. Vor allem das Innenleben einer Uhr mit ihren Hunderten von Einzelteilen begeistert ihn. Er ist fasziniert von der Schönheit des mechanischen Uhrwerks, das bei den meisten Uhren unter dem Zifferblatt verborgen ist. «Meine Welt ist das Uhrwerk und die Technik», erzählt er und zeigt auf seine eigene Armbanduhr. Er legt sie auf die Tischfläche. Es ist eine sogenannte Papillon. Strehler hat sie vor einigen Jahren entwickelt. Der Clou: Die Uhr hat kein Zifferblatt. Was normalerweise verborgen ist, spielt für einmal die Hauptrolle: das Uhrwerk mit seinen Stiften, Federchen, Rädern und Brücken.

Der Blick fällt durchs Saphirglas direkt auf die Mechanik. Zwei grosse Zahnräder, die von einer schmetterlingsförmigen Brücke gehalten werden, geben der Papillon den Namen. Keine Stunden-, keine Sekundenzeiger? Wozu eine Uhr, wenn man nicht sofort die Zeit ablesen kann? Strehlers Antwort ist philosophisch: Diese Uhr sei nicht unbedingt notwendig. Sie lade eher zum meditativen Betrachten ein. In einer Zeit, in der wir von der Zeit bombardiert werden, stelle sie einen Kontrapunkt dar.

Traditionalisten mögen jetzt leer schlucken. Doch Strehler hält dagegen, dass einem heute Handy, Fotoapparat oder Anzeigetafeln die Uhrzeit ständig entgegenhalten. Diese Uhr ist nicht sinnlos. Sie ist schön. Das genügt. Strehler setzt die Zeit, die verrinnt, in einen ästhetischen Kontext. Das Resultat ist ein Uhrwerk, bestehend aus 150 Einzelteilen, das wunderbar zum Betrachten ist. Bis zu fünf Monate benötigen Strehler und seine fünf Mitarbeiter, bis ein solches Werk fertiggestellt ist.
Und es gibt wirklich keine Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger? Andreas Strehler war zu einem kleinen Kompromiss bereit und hat winzige Ziffern auf zwei Federhäusern angebracht, welche die Zeit anzeigen. Die Ziffern entdeckt man aber nur bei genauestem Hinschauen. Wer es sich zur Kerndisziplin gemacht hat, solch spezielle Uhren herzustellen, gibt sich nicht mit einem Uhrenarmband aus Krokodilleder zufrieden. Das Uhrarmband der Papillon ist aus Lachsleder. «Ich suchte nach einem edlen Material. Es sollte eine natürliche Textur haben und trotzdem elegant wirken.»

So gross seine Leidenschaft für Uhren ist, auch Strehler braucht ab und zu eine Auszeit. Dann sattelt er sein Velo und radelt mit einem Fotoapparat ausgerüstet durch die Natur. «Dort kommen mir die besten Ideen. Ein Blatt, ein Grashalm, all dies kann mich inspirieren.» Gut möglich, dass die Idee zur Uhr «Cocon», die Strehler an der «Baselworld 2012» zeigen will, auf einer dieser Bike-Touren entstand. Nur ein Detail will Strehler über die Neue verraten: «Sie wird im Gegensatz zur Papillon ein Zifferblatt haben.»

Weltmesse für Uhren und Schmuck

Vom 8. bis 15.März lockt die Ausstellung mit ihrer einmaligen Kombination von Uhren und Schmuck wohl wieder mehr als 100000 Besucher nach Basel. Rund 1800 Aussteller zeigen Neuheiten und exklusive Einzelanfertigungen. Voraussichtlich wird Andreas Strehler an der Baselworld seine neue Uhr «Cocon» am Stand der Firma Maîtres du Temps (La Chauxde-Fonds) vorstellen. Kostenpunkt: ab zirka 80'000 Franken.

www.baselworld.com
www.astrehler.ch

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Priska Blunschi
Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Mittwoch 15.02.2012, 17:51 Uhr

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