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Vom Fussballstadion zum Gemüsegarten.

Andreas Graber (links) und Mark Durno von den UrbanFarmers

In der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Wädenwil erforscht man die Symbiose von Fischen und Pflanzen.

In der „UrbanFarmers BOX“ werden Gemüse und Fische gezüchtet.

Das Gemüse gedeiht hier ohne Erde – es wächst im Wasser, das von den Fischen gedüngt wird.

Auch Erdbeeren und Kräuter wie Basilikum wachsen im Container.

Mark Durno füttert die Fische mit rein pflanzlichen Futterpellets.

Im Westen der Stadt Zürich ist eine grüne Oase entstanden.

Gemüse, Kräuter und Beeren wachsen in alten Palettboxen.

Im Hintergrund sind noch Überreste des alten Hardturmstadions zu sehen.

Zwei Lehmbacköfen wurden auf der Stadionbrache gebaut – sie werden rege benutzt.

Die Infotafel des Stadiongartens.

Auch alte Wasserkanister aus Plastik dienen als Gemüsebeet.

Alle möglichen Gefässe wurden bepflanzt.

Jemand hat sogar eine alte Badewanne in den Stadiongarten geschleppt.

Wie lange der Garten hier bleiben kann, ist noch unsicher. Das Areal soll wieder überbaut werden.

Die Bauern aus der Stadt

Auf Dächern, ungenutzten Flächen und Hinterhöfen gedeiht Gemüse, wachsen Blumen, werden Fische gezüchtet. «Urban farming» heisst der weltweite Trend zu grünen Oasen in urbanen Gebieten.

Sonnenblumen streben gen Himmel, in den Beeten glitzern noch Wassertropfen vom letzten Regen. Kopfsalat, Grünkohl, Mangold und Kohlrabi wachsen in friedlicher Harmonie neben Unkraut und farbigen Blumen. Das Einzige, was die Idylle stört, ist das konstante Rauschen des Verkehrs. Wer den Blick vom üppigen Grün löst, sieht noch einen Teil des ehemaligen Hardturm-Stadions, das 2008 abgerissen wurde.

Hier, im Westen der Stadt Zürich, haben sich ein paar Dutzend Leute ihr eigenes kleines Paradies geschaffen. Fröhlich spriesst es aus Palettboxen, Körben, halbierten Plastikkanistern und alten Badewannen. Jemand hat gar sein altes Velo hier abgestellt und die Metallkörbe mit Erde gefüllt. Im vorderen Korb wächst keck ein violetter Kohlrabi heran.

Der Stadion-Garten

Der Stadion-Garten
http://www.coopzeitung.ch/urban Der Stadion-Garten

Urban farming oder auch urban gardening – Städtisches Gärtnern – nennt sich das weltweite Phänomen, unbenutzte und brachliegende Flächen in Städten in Gärten zu verwandeln. Alte Industriezonen werden zu Gemüsefeldern, auf Flachdächern züchtet man Bienen oder hält sich Hühner im Hinterhof. Die Selbstversorgung ist dabei meist nur nebensächlich. Wichtig ist, wieder zu sehen, wie etwas wächst und gedeiht, wie Nahrung entsteht. Etwas mit den Händen zu machen, zusammen mit anderen ein Stück Natur zu gestalten.

Das bestätigt auch Bettina Minder, eine der Initianten des Stadiongartens. «Es geht mehr um Erholung als um die Produktion von Gemüse.» Ein bisschen zu jäten und in der Erde herumzustochern sei ein schöner Ausgleich nach einem Tag im Büro. Und vor allem ist der Garten ein Ort der Gemeinschaft. Die unterschiedlichsten Altersgruppen treffen sich hier. Neue Leute lernen sich kennen. Kinder rennen zwischen den Kisten herum, sammeln Käfer, wühlen in der Erde.

Mal was anderes: Zucchini aus der Badewanne

Mal was anderes: Zucchini aus der Badewanne
http://www.coopzeitung.ch/urban Mal was anderes: Zucchini aus der Badewanne

Der Stadiongarten gehört zum Verein Stadionbrache. Dieser betreut Projekte wie einen Boulderwürfel für Kletterfans, eine Anlage für Skater oder den Verein brotoloco, der zwei Lehmbacköfen betreibt. Jeden Donnerstagabend ist gemeinschaftliches Pizzabacken angesagt. Jemand heizt den Lehmbackofen ein, Familien kommen, bringen ihren eigenen Teig und backen ihre eigene Pizza. Manchmal gibt es kleine Konzerte, Theateraufführungen oder auch Geburtstagsfeste. «In unserer Idealvorstellung ist der Garten auch eine Art Quartiertreffpunkt», sagt Bettina Minder.

Gemüse und Fische – im Wasser gedeiht alles

Die Wurzeln der Pflanzen stehen direkt im Wasser. Mark Durno erklärt das Prinzip der «UrbanFarmers BOX»

Die Wurzeln der Pflanzen stehen direkt im Wasser. Mark Durno erklärt das Prinzip der «UrbanFarmers BOX»
http://www.coopzeitung.ch/urban Die Wurzeln der Pflanzen stehen direkt im Wasser. Mark Durno erklärt das Prinzip der «UrbanFarmers BOX»

Szenenwechsel. Wir befinden uns vor der Zurich International School (ZIS) in Wädenswil. Auf dem Vorplatz steht ein weisser Container mit aufgesetztem Treibhaus. Auch hier wächst viel Grünes. Von Eichblattsalat über Frisée, Lattich und Kopfsalat bis hin zu Erdbeeren, Basilikum und Tomaten. Doch die «UrbanFarmers BOX», wie sie die Betreiber nennen, hat nur wenig gemein mit einem normalen Garten. Statt in Erde, stehen die Wurzeln der Pflanzen permanent im Wasser. Und im unteren Teil der Box befindet sich ein Becken mit Fischen. Pink Tilapia, ein tropischer Süsswasserfisch, wird hier gezüchtet.

Im Container werden Pink Tilapia gezüchtet.

Im Container werden Pink Tilapia gezüchtet.
http://www.coopzeitung.ch/urban Im Container werden Pink Tilapia gezüchtet.

Mark Durno hebt die Abdeckung hoch und streut eine Handvoll Futterpellets auf die Wasseroberfläche. Der junge Mann ist letztes Jahr von Schottland in die Schweiz gezogen und gehört nun zum Team der Urban Farmers AG. Das Unternehmen möchte auf eine ökologisch nachhaltige Weise die Lebensmittelproduktion in der Stadt fördern. Und setzt dabei auf die Aquaponic-Technologie. Der Begriff besteht aus dem Wort «aquaculture» (Fischzucht in Wasserbecken) und dem Wort «hydroponic» (Züchten von Pflanzen in Wasser). «Es geht um eine symbiotische Beziehung zwischen Fischen und Pflanzen», erklärt Mark Durno.

Mark Durno füttert seine Fische.

Mark Durno füttert seine Fische.
http://www.coopzeitung.ch/urban Mark Durno füttert seine Fische.

Das Gemüse wird durch das nährstoffreiche Wasser von den Fischen gedüngt, während die Pflanzen wiederum das Wasser für die Fische reinigen. Einmal am Tag findet dieser Austausch in der Box statt. Diese Art der Gemüseproduktion benötigt 60 bis 90 Prozent weniger Wasser als eine gewöhnliche Erdkultur. Nur die Fische müssen noch gefüttert werden.

Die Pink Tilapia erhalten rein pflanzliche Futterpellets, aus Kartoffelprotein, Maiskleber und Rapsöl. Ein kleiner Selbsttest zeigt: Die Pellets erinnern geschmacklich an Kaninchennahrung. In den kälteren Monaten tummeln sich Regenbogenforellen im Becken. Ob das Gemüse denn nun nach Fisch schmeckt? Mark Durno lacht. «Diese Frage wird mir am häufigsten gestellt. Und die Antwort lautet Nein.»

Die «UrbanFarmers BOX» dient in erster Linie als Anschauungsobjekt. Schüler und Lehrer der ZIS kümmern sich um den Unterhalt und ernten das Gemüse. Der erste richtig grosse Wurf der Urban Farmers findet bald in Basel statt. Dort wird derzeit auf einem Lok-Depot eine Dachfarm aufgebaut. Im Dezember soll die Produktion im 260 Quadratmeter grossen Gewächshaus starten. Dereinst möchte man jährlich etwa 5 Tonnen Gemüse und 800 Kilogramm Fisch produzieren. Genug Lebensmittel, um rund 100 Menschen mit Frischgemüse und Fisch zu versorgen.

Die UrbanFarmers BOX von aussen.

Die UrbanFarmers BOX von aussen.
http://www.coopzeitung.ch/urban Die UrbanFarmers BOX von aussen.

Der eigentliche Vater des Projekts heisst Andreas Graber. Der Wissenschaftler beschäftigt sich schon seit bald zehn Jahren an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil mit Aquaponic. Er hat die Urban Farmers 2011 mitgegründet. «Solche geschlossenen Kreisläufe machen ökologisch Sinn», sagt er. Zudem seien die Aquaponic-Farmen genügsam: Es braucht Wasser, Strom, Setzlinge, Fische und Fischfutter. Keine Erde. «Wenn wir das Gemüse konventionell in der Erde pflanzen würden, wäre das nichts anderes als Landwirtschaft in der Stadt.»

Als Konkurrenz zur traditionellen Agrarwirtschaft sehen sich die «Stadtbauern» nicht. «Wir haben nicht den Anspruch, die Welt auf diese Weise zu ernähren», sind sich Graber und Durno einig. Studien würden aber zeigen, dass es möglich sei, 10 bis 20 Prozent der Stadtbevölkerung durch Nahrungsmittelproduktion in der Stadt zu ernähren. Und was hält Andreas Graber von Projekten wie dem Stadiongarten? «Super», sagt er. «Der Ausgangspunkt ist derselbe: Man interessiert sich wieder für Nahrungsmittel und deren Produktion, findet wieder einen Bezug dazu. Es geht um Eigenständigkeit und darum, als Konsument informierte Entscheidungen treffen zu können.»

Frische Salate und Tomaten.

Frische Salate und Tomaten.
http://www.coopzeitung.ch/urban Frische Salate und Tomaten.

Wohin uns der Trend des urban farming führt, wird sich zeigen. «Das ultimative Ziel wäre natürlich, irgendwann auf Supermarktdächern Aquaponic-Farmen zu haben», sagt Mark Durno. Und Bettina Minder vom Stadiongarten hofft, dass ihre grüne Oase möglichst lange Bestand hat, bevor das Areal wieder überbaut wird. Gesichert ist der Betrieb immerhin bis nächsten Sommer. Doch «das Provisorische hat etwas sehr Motivierendes», sagt Bettina Minder. Denn gleichzeitig entstünden auch wieder Ideen für neue Freiräume in der Stadt. Der Möglichkeiten gibt es nämlich viele. Man muss sie nur nutzen.

Informationen online

Stadiongarten
Seit März 2012 ist der Stadiongarten ein bunter Treffpunkt in Züri West. Der Garten ist offen für alle und Mitmachen kostet nichts. Menschen aus dem Quartier bepflanzen hier über 50 Holzkisten, ausrangierte Wassertanks und alte Badewannen mit Gemüse, Kräutern und Blumen. Der Stadiongarten wird von seinen Teilnehmern selber organisiert und gestaltet.

www.stadiongarten.ch

UrbanFarmers
UrbanFarmers ist ein Spin-off Unternehmen der ZHAW in Wädenswil. Als Clean Tech Start-up mit den Zielen Planet, People und Profit versuchen wir, ökologische Nachhaltigkeit, soziales Kapital und ökonomischen Erfolg unter einem Hut zu bringen. UrbanFarmers soll als Quelle der Inspiration für lokale Gemeinschaften, Stadtentwickler und Besitzer von Immobilien dienen und möchte damit eine nachhaltige Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert mitprägen.

www.UrbanFarmers.ch

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Nicole Hättenschwiler
Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Montag 23.07.2012, 17:05 Uhr

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