Haben Sie zu Hause ein verwöhntes Prinzesschen? Dann ist es höchste Zeit, Verantwortung zu übernehmen!

Verwöhnte Kinder fallen nicht vom Himmel

Wer Kinder verwöhnt, tut ihnen damit keinen Gefallen. Im Gegenteil, dies sei eine Form von Vernachlässigung, sagt Familientherapeut Henri Guttmann.

Mit dem «Familiengeflüster» will Henri Guttmann dazu anregen, Wünsche auszusprechen.

Mit dem «Familiengeflüster» will Henri Guttmann dazu anregen, Wünsche auszusprechen.
Mit dem «Familiengeflüster» will Henri Guttmann dazu anregen, Wünsche auszusprechen.

Coopzeitung: Was sind verwöhnte Kinder?
Henri Guttmann: Verwöhnte Kinder sind entmutigte, unglückliche Kinder, die sich gerne bedienen lassen, weil sie nicht gelernt haben, Vertrauen in ihre Fähigkeiten aufzubauen. Hinter einem verwöhnten Kind stehen meist wohlmeinende Mütter und Väter, doch genau dieses Zuviel des Guten ist letztlich eine Form von Vernachlässigung. Das Kind wird zu wenig angeleitet und erlebt kleinste Anforderungen als Majestätsbeleidigung. Verwöhnte Kinder sind das Resultat einer Erziehung, in der die Eltern nicht den Mut aufbringen, «Nein» zu sagen. Doch die Steine, welche die Eltern dem Kind aus dem Weg räumen, wirft es ihnen später nach.

Wie erkennt man verwöhnte Kinder?
Bei Gleichaltrigen sind verwöhnte Kinder sehr unbeliebt. Sie sind oft «Motzer» und können Spannungen und Frustrationen schlecht aushalten. Oft versuchen sie, ihre Umgebung zu manipulieren. Ein verwöhntes Kind will sich nicht in die Gruppe integrieren. Wenn es zum Beispiel zum Essen eingeladen wird und gleich sagt, «das habe ich nicht gerne» oder an einem Geburtstagsfest nicht mitspielen will, dann sind das Zeichen von Verwöhnung.

Wie unterscheidet man zwischen liebevoll Umsorgen und Verwöhnen?
Häufig tritt Verwöhnung unter dem Deckmantel der liebevollen Zuwendung auf. In Wahrheit werden damit eher die Bedürfnisse der Eltern gedeckt. So bindet zum Beispiel die Mutter dem Sohn noch schnell die Schuhe, weil sie zum Coiffeur muss. Der Vater räumt, weil er Harmonie wünscht und dadurch einem Konflikt mit der Tochter aus dem Weg geht, noch rasch ihr Zimmer auf. Liebevoll umsorgen bedeutet hingegen, dem Kind zu zeigen, dass man es lieb hat, und nicht, Verrichtungen zu übernehmen, die es eigentlich selbst erledigen sollte. Niemand hat etwas dagegen, wenn das fiebrige Kind im Elternbett schlafen darf, aber wenn es wieder gesund ist, soll es wieder im eigenen Bett einschlafen.

Sind vor allem Einzelkinder verwöhnte Kinder?
Einzelkinder sind nicht verwöhnter als Kinder mit Geschwistern. Sie haben sicher mehr Aufmerksamkeit als ein Kind mit sieben Geschwistern. Doch wenn die Eltern sich gut organisieren, andere Gspänli einladen und auch mal ein anderes Kind mit in die Ferien nehmen, besteht nicht die Gefahr, dass ein Einzelkind verwöhnt und altklug wird. Hat ein Kind ein spezielles Talent, wird es auch in einer kinderreichen Familie stärker gefördert. Die Eltern von Roger Federer haben sicher nicht gleich viel Geld für die Tennisstunden der Schwester ausgegeben wie für die des Sohnes.

Wie kann man Verwöhnung konkret entgegenwirken?
Ein Spurwechsel stösst nie auf frenetischen Beifall, ist aber immer lohnenswert. Mit kleinen Schritten beginnen, im Sinne von: «Das kannst du ab heute selbst übernehmen» oder «Ich traue dir das zu und unterstütze dich dabei». Leider wird das Kind oft als Lebenssinn betrachtet, was den Kindern sehr viel Macht gibt. Die Eltern müssen aber ihre Verantwortung wahrnehmen und das heisst nichts anderes als: «Ich bin gross und du bist klein». Es braucht wieder mehr elterliche Präsenz, also: «Ich bin da und nicht naiv». Und das müssen Kinder ernst nehmen.

Sind verwöhnte Kinder später bessere oder schlechtere Menschen?
Verwöhnte Menschen haben durch ihre Erziehung ein unrealistisches Weltbild erfahren. Sie erleben deshalb ihre Umwelt als ungerecht und reagieren feindselig und aggressiv. Wenn sie mit Wut nicht weiter kommen, bekommen sie Depressionen und neigen zu Suchtverhalten. Menschen, die in ihrer Kindheit zu stark verwöhnt wurden, haben zudem Probleme in der Partnerschaft, weil sie nur gelernt haben zu nehmen.

Werden Kinder zu sehr verwöhnt? Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Henri Guttmann

Henri Guttmann, Psychotherapeut SBAP

Henri Guttmann, Psychotherapeut SBAP
Henri Guttmann, Psychotherapeut SBAP

Henri Guttmann (57) ist in Basel aufgewachsen, Psychotherapeut SBAP und Paar- und Familientherapeut mit Praxis in Winterthur. Guttmann ist verwitwet und Vater einer 22-jährigen und einer 18-jährigen Tochter. Er lebt seit acht Jahren wieder glücklich in einer neuen Beziehung.

www.henri-guttmann.ch

So können Eltern sie umgehen

1. Keine Anforderungen stellen.
Kinder sollen früh zur Mitverantwortung im Haushalt angeleitet werden. Natürlich geht das oft langsamer, als wenn die Eltern alles selbst
machen würden.

2. Unklare Kommunikation mit der «Zielgruppe».
Stellen Sie sich vor, Sie rufen folgenden Satz durchs Haus: «Hätte wohl jemand Lust, den Tisch zu decken?» Diese Aussage bringt keinen 9-Jährigen dazu, seine Spielkonsole zu verlassen. Das ist so, weil Kinder sogenannte Hüllenwesen sind, die ein Filtersystem um sich herum haben, welches nur Botschaften durchlässt, die für das Kind von Wichtigkeit sind. Dieses Filtersystem durchdringt man nur durch Sichtbarwerden, Augenkontakt herstellen, in einfachen klaren Sätzen reden und leichten Körperkontakt aufnehmen.

3. Allen Wünschen nachgeben.
Der Alltag von Kindern besteht zu 75 Prozent aus: «Ich hätte gerne», «Kaufst du mir?» und «Alle anderen haben es auch». Hier hilft nur, ausgehend von den Wünschen zur Eigenleistung anzuregen. Geben und Nehmen muss Kindern beigebracht werden.

4. Kinder zu wenig zutrauen.
Eltern sollen Kindern (altersentsprechend) ruhig etwas zutrauen – vielleicht sogar ein bisschen mehr, als sich das Kind selbst zutrauen würde, weil das sein Selbstwertgefühl stärkt. Einen 7-Jährigen alleine zum Zahnarzt zu schicken geht nicht, aber er kann zum Beispiel lernen, ein Paket auf der Post abzugeben.

5. Dienstleistungen à discrétion.
Eltern müssen ihre Dienstleistungen selbstkritisch hinterfragen: Könnte meine Tochter ihr Bett eigentlich selbst machen? Oder: Einem 15-jährigen Burschen kann man durchaus erklären, wie die Waschmaschine funktioniert (was übrigens einfacher ist, als eine Spielkonsole zu bedienen).

Ein Selbstversuch

Familiengeflüster

Familiengeflüster
Familiengeflüster

Gleich vorweg: Ein eigentliches Spiel ist «Familiengeflüster» nicht. Doch durch die attraktive Aufmachung und die für alle einheitlichen Spielregeln lassen sich damit typische Probleme im Zusammenleben einer Familie einfacher lösen. Die Anleitung ist ausführlich, aber nicht immer eindeutig. So bleibt etwa offen, wie die Belohnungskarten («Päckchen», «Pause», «Nachtisch») einzulösen sind. Und da die Rückseite der «Bestimmerkarte» später für ein Finger-Malspiel gebraucht wird, müsste gleich zu Beginn erklärt werden, dass die Bilder nicht vorher aufgedeckt werden dürfen.

Beim Test waren wir zu dritt. In grösseren Runden kann das Spiel abwechslungsreicher sein, weil mehr Wünsche auf den Tisch kommen. Doch dann geht es auch länger: Auf der Packung ist eine Spieldauer von 30 bis 45 Minuten angegeben. Wir haben eine Stunde gebraucht. Das angegebene Mindestalter von sieben Jahren erscheint etwas zu früh: Die Kinder sollten schon gut lesen und schreiben können.

Fazit: Mit «Familiengeflüster» lassen sich Wünsche von Kindern und Eltern besser abstimmen. Doch damit es funktioniert, müssen die Regeln dann auch im Alltag eingehalten werden.

Martin Winkel

Kommentare (10)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Text: Martina Gradmann

Foto:
Fotalia, Christoph Kaminski, ZVG
Veröffentlicht:
Freitag 18.11.2011, 11:57 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?