Arme Kinder:
auch in der Schweiz

260 000 Kinder leben in der Schweiz in Armut, sagt die Caritas. Das sei in einem so reichen Land nicht akzeptabel.

Sandro* spielt gerne Eishockey. Er ist sieben Jahre alt und hätte natürlich gerne eine eigene Ausrüstung. «Das macht aber für uns keinen Sinn», meint Mutter Myriam*. Sandro bräuchte fast jedes Jahr eine neue, und da sei es doch absurd, immer eine eigene zu kaufen. Also mietet Myriam ihrem Sohn günstig eine Ausrüstung. Die 41-jährige Bernerin tut dies aus Überzeugung, aber nicht nur. Myriam ist alleinerziehend und muss mit ihrem Einkommen haushälterisch umgehen.

«Die Situation ist aber nicht dramatisch», sagt sie. Ihre 60-Prozent-Stelle als kaufmännische Angestellte beim Kanton Bern bringt ihr rund 3500 Franken ein. Gerade genug. Heute lebt die kleine Familie in einer 3½-Zimmer-Wohnung in Bern West, einem Arbeiterquartier. «Ich würde gerne in ein besseres Quartier ziehen», erzählt Myriam. Doch das liege nicht drin. 1200 Franken Miete plus 35 Franken für Strom bezahlt sie pro Monat. Das weitere Einkommen verschwindet in der Kindertagesstätte (300 Franken), bei der Krankenkasse (trotz Verbilligung noch 280 Franken), rund 500 Franken fürs Essen, und Sandro stehen etwa 100 Franken für Kleidung zur Verfügung. Zudem besitzt sie ein älteres Auto. Das kostet etwa 300 Franken pro Monat. Steuern (100 Franken), Telefon, Internet, TV, Radio für 90 Franken und weitere Ausgaben für Versicherungen, Zahnarzt oder Zeitung fressen den Rest. Rücklagen für Ferien oder Altersvorsorgen blieben da nicht. «Normalerweise reicht es, aber wenn eine unvorhergesehene Rechnung kommt, habe ich keine Ahnung, wie ich das bezahlen soll». Natürlich würde sie auch gerne mal essen gehen oder ins Kino. Wichtig war Myriam immer ihre Unabhängigkeit. Deshalb habe sie sich nie bei der Sozialhilfe gemeldet. Und vor Kurzem hat sich die finanzielle Situation noch verbessert. Sie sei von ihrem Mann geschieden und erhalte neu 800 Franken Alimente: «Wir konnten nun zum ersten Mal in die Ferien fahren.»

Wie Myriam und Sandro geht es in der Schweiz vielen Menschen. In einer Publikation der Caritas, dem Sozialalmanach 2012, schreibt Ludwig Gärtner, Vizedirektor beim Bundesamt für Sozialversicherungen, «die Armutsquote von Paaren mit Kindern liegt bei 15 Prozent und von Alleinerziehenden sogar bei knapp 32 Prozent» – also bei jedem dritten Fall. Myriam und Sandro haben mit ihrem Einkommen nur gerade an der Grenze gekratzt und liegen jetzt sogar darüber.
Armut ist in der Schweiz nicht eine rein materielle Angelegenheit (siehe Nebentext). Es geht nicht ums nackte Überleben, sondern darum, am Leben in diesem reichen Land teilnehmen zu können. Gelingt dies einer Familie nicht, sind vor allem die Kinder die Leidtragenden, jene also, die gemäss Bundesverfassung Anspruch auf besonderen Schutz und Förderung haben«Armut beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder und ihr psychisches Wohl. Die Kinder fühlen sich gestresst und verlieren an Selbstvertrauen, entwickeln Schulschwächen», weiss der Basler Soziologe Ueli Mäder aus Hunderten von Gesprächen mit Betroffenen. Wenn die Eltern nicht da sind, weil sie mehr arbeiten müssen, kümmern sich oft die Kinder um den Haushalt oder um ihre Geschwister. Sie müssen also früher Verantwortung übernehmen, erwachsen sein und können aus Zeit- und Geldmangel weniger an Freizeitaktivitäten teilnehmen. Wachsen Kinder in Armut auf, hat das oft Einfluss auf ihr Leben als Erwachsene. Viele schaffen es nicht, sich aus dieser Lage zu befreien. Und gemäss Caritas leben 260 000 Kinder zwischen 0 und 18 Jahren unterhalb der Armutsgrenze. «Das können wir so einfach nicht akzeptieren», sagt Iwona Meyer, die für Caritas den Sozialalmanach 2012 zum Thema «Arme Kinder» herausgegeben hat. Die Zahl sei natürlich eine Schätzung und abgeleitet aus den offiziellen Statistiken des Bundes. Ähnlich hoch benennt aber auch Ueli Mäder die Zahl betroffener Kinder. Es ist ein eigentliches Armutszeugnis für die reiche Schweiz. Mäder fordert deshalb eine Sinndiskussion: «Was ist wichtig im Leben? Was wollen wir in den Mittelpunkt stellen?»



*Namen der Redaktion bekannt.

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Armut bedeutet Unterversorgung in wichtigen Lebensbereichen wie Wohnen, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Arbeit, soziale Kontakte. Als arm gelten jene Menschen, die bei Berücksichtigung aller verfügbaren materiellen wie immateriellen Ressourcen eine bestimmte Armutsgrenze unterschreiten. Bedürftigkeit besteht, wenn ein Haushalt die notwendigen Mittel für die Lebenshaltung nicht selbst aufbringen kann.

Die Armutsgrenze ist von den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) abgeleitet. Theoretisch liegt die Armutsgrenze (Grundbedarf + Wohnkosten + Krankenkassenprämien + 100 Franken pro Haushaltsmitglied ab 16 Jahren) für einen Einpersonenhaushalt 2005 bei 2200 Franken, bei 3800 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern und bei 4600 Franken für Paare mit zwei Kindern (effektiv würden die spezifischen Werte für jeden Kanton ermittelt). Liegt das Haushaltseinkommen nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge und der Steuern unter der Armutsgrenze, so gilt der Haushalt als arm.



Quelle: Bundesamt für Statistik, 14. Februar 2012

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Coop unterstützt diverse Projekte für Bedürftige in der Schweiz. Konkret bietet die Detailhändlerin den beiden gemeinnützigen Organisationen «Schweizer Tafel» und «Tischlein-Deck-Dich» finanzielle Hilfe und liefert ihnen jährlich viele Tonnen Lebensmittel, die sie an soziale Institutionen wie Gassenküchen, Notunterkünfte oder an Private weiterleiten. Weiter setzt sich Coop mit der Patenschaft für Berggebiete seit 1942 für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bergbevölkerung ein und hilft Bergbauernfamilien die Existenzgrundlagen zu sichern.

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Christian Degen

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Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Montag 27.02.2012, 09:34 Uhr

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