Die leichte Dame ist in Kennerkreisen bekannt als Brevorda Morning Delight, doch auch ganz einfach als Ruby mit den besonders feinen, langen Haaren. Ruby ist zwar eine waschechte Yorkerin, aber kein Mensch, sondern ein Hund - ein Yorkshire Terrier. Eine Rasse, die im 19. Jahrhundert in der Grafschaft Yorkshire gezüchtet wurde, um Städte wie York von Ratten und Mäusen rein zu halten. Längst sind diese kaum mehr als drei Kilo leichten Jäger zu einem weltweit bekannten und geliebten Gesellschafts-Hündchen geworden. York als Hauptstadt der flächenmässig grössten Grafschaft Grossbritanniens, hat aber noch weit mehr zu bieten als den erfolgreichen Zucht-Export eines Hundes.
Mit dem ganz aus Kalkstein erbauten York Minster befindet sich hier die grösste mittelalterliche Kirche Englands und zugleich die zweitgrösste gotische Kathedrale im nördlichen Teil Europas. In dem nach 250 Jahren Bauzeit 1472 fertiggestellten Bauwerk stammen die meisten der 128 Fenster noch aus dieser Zeit. Allein eine Fensterwand ist so gross wie ein Tennisplatz.
Mit 180 000 Einwohnern nicht viel grösser als Basel, gilt York als eine der schönsten Städte Englands. Besonders die aus dem Spätmittelalter stammenden engen Gassen, die «Snickelways» sind eine Attraktion. Besonders beliebt ist die sogenannte «Shambles», die verbrieft mit 925 Jahren als die älteste und besterhaltene Einkaufsstrasse Europas gilt, sie ist die malerischste. York, Chester und das nordirische Derry buhlen darum, die längste historische Stadtmauer des Königreichs zu besitzen. Katie Porter von Yorks Besucher-Zentrum sagt: «York hat mehr Meilen an intakten Stadtmauern als irgend ein anderer Ort in England». Sie spricht von etwa fünf Kilometern, inklusive eines Teilstücks, an dem nie eine Mauer stand. Dort befand sich ein gestauter Burggraben, der für Feinde unüberwindbar war.
Auch wenn sie nicht die längste Stadtmauer wäre, in York ist sie ein besonderer Fussweg von den Aussenbezirken in die Innerstadt. Andrew Hjort, dessen Melton College seit bald einem halben Jahrhundert eine der etablierten Sprachschulen in York ist, schwärmt von der Stadtmauer als Schulweg genauso wie Brenda Pipes. Die Yorkshire-Terrier-Züchterin und Besitzerin der schönen Ruby weiss: «Ruby liebt es, wenn ich mit ihr im Arm auf der Mauer zur Innenstadt spaziere.» Auf dem Weg dorthin befindet sich eine weitere Yorker Attraktion der Superlative: Nicht für Yorkshire Terriers, aber für Touristen aus aller Welt: Das National Railway Museum mit der weltweit grössten Sammlung an Lokomotiven.Doch trotz der vielen histo-rischen Sehenswürdigkei-en ist York kein Museum, sondern ein lebhafter Markt- und Handelsplatz. Zwischen der 1361 fertiggestellten «Merchant Adventurers Hall», einem der ältesten Zunfthäuser Europas, dem 550 Jahre alten Fachwerk-Prachtbau St. Williams College und den immer noch vorhandenen alten Stadtto-ren, wimmelt es von Geschäften aller Art, Boutiquen, Antiquitätenläden, schönen alten Pubs, neuen guten Restaurants und Cafés. Bei Letzteren sind es inzwischen so viele, dass man glauben muss, die Engländer trinken statt Tee nur noch Espresso, Cappuccino oder Latte Macchiato. Italienische Touristen muss das besonders freuen, auch wenn die Kaffee-Preise nur wenig unter Schweizer Niveau liegen. Schliesslich haben ihre Vorfahren, die alten Römer, York und die wunderbaren Gegenden der heutigen Grafschaft Yorkshire besonders geschätzt. Eboracum, wie die Römer York nannten, war für sie nicht nur die wichtigste Militärbasis im Norden von Britannien, sondern auch der einzige Ort, an dem sich mit Konstantin dem Gros-sen, 306 nach Christus, ein römischer Kaiser ausserhalb Roms krönen liess.