Jean Ziegler, auch mit 78 noch ein unermüdlicher Kämpfer gegen den Hunger: «Ich bin ein Privilegierter unter den Privilegierten.»

Jean Ziegler:
«Ich, abgebrüht? Nie!»

Persönlich. Jean Ziegler ist ein ebenso unerschütterlicher wie umstrittener Kämpfer gegen den Hunger. In seinem neuen Buch spricht er Klartext.

Coopzeitung: Hatten Sie schon mal Hunger?
Jean Ziegler: Ja, als ich mich am Südrand der Sahara verlaufen hatte. Aber es ist fast unanständig, dies so zu sagen, denn Hunger umfasst viel mehr: Das ist auch die Angst vor dem nächsten Tag, zu wissen, dass man nie genug zum Essen haben wird, dass man seinen Kindern nicht genug geben kann.

Wenn ich sage: Ui, hab’ ich einen Hunger ...
... dann ist das eine Oberflächlichkeit, eine Anmassung sondergleichen. Solche Ausdrücke sollte man vermeiden. Das können nur Weisse so sagen.

Nach Ihrer Definition hatten Sie auch noch nie richtig Hunger, trotzdem schreiben Sie darüber.
Das ist keine Anmassung. Mein Buch ist eine Waffe zum Aufstand des Gewissens, es redet vom grössten Skandal unserer Zeit, dem Hunger, etwas total Unannehmbares. Der Hunger ist eine Massenvernichtung. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger, 57 000 Menschen verhungern pro Tag, eine Milliarde Menschen sind permanent schwerst unterernährt – und dies auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Sie waren in den Hungergebieten und sahen die  Menschen verhungern – meine Nerven und mein Magen hätten das nicht ausgehalten.
Es geht nicht um die Psyche des kleinen Ziegler. Wie vermutlich alle Schweizer habe ich gedacht, der Hungertod sei ein friedlicher Tod: Man hat zu wenig zu essen, verliert nach und nach an Lebenskraft und verlöscht eines Tages. Das stimmt überhaupt nicht. Der Hungertod ist eine der fürchterlichsten Todesarten überhaupt. Ich beschreibe dies auf Seite 27 – soll ich es Ihnen vorlesen?

Nein, danke, ich hab das Buch gelesen.
Oh, Entschuldigung.

Mussten Sie sich angesichts dieses Elends nie übergeben?
Das nicht, aber mit dem Schlaf wars vorbei, wenn ich solches Leiden gesehen hatte. Noch heute wache ich oft mitten in der Nacht auf. Das Schlimmste ist, wenn plötzlich das Gesicht von jemandem, den man gern hat – ein Grosskind oder so –, in einer solchen Situation erscheint, verstehen Sie?

Abgebrüht sind Sie nie geworden.
Nie. Im Gegenteil, ich muss aufpassen, dass mich die Emotionen nicht forttragen.

Sie sind 78 ...
... so alt werden Sie auch mal.

Vielleicht. Aber falls, dann möchte ich noch gleich viel Power haben wie Sie. Sind Sie nie müde?
Schauen Sie, ich bin ein Privilegierter unter Privilegierten. Die Weissen sind 13,8 Prozent auf dieser Welt, waren nie mehr als 15 Prozent, aber seit 500 Jahren beherrscht diese kleine Gruppe diesen Planeten mit immer neuen Systemen der Ausbeutung und Unterdrückung.

«

Wenn ich solches Leiden gesehen hatte, wars mit dem Schlaf vorbei.»

Und Sie sind einer davon.
Eben, von einem Hungernden unterscheidet mich nur der Ort der Geburt – purer Zufall. Ich hatte immer genug zu essen, ich konnte an die Universität, hatte Positionen mit vielen Freiheiten. Ich war Nationalrat – gut, das hat nichts genützt, überhaupt nichts, aber immer-hin, ich hatte eine Zeit lang Immunität ...

...  die vom Parlament aufgehoben wurde.
Ja, wegen meines Buches «Die Schweiz wäscht weisser» über den Bankenbanditismus. Jetzt habe ich UNO-Immunität. Um die aufzuheben, müssten meine Gegner an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gelangen; das ist sehr umständlich. Deshalb kann ich endlich schreiben, wer die Halunken sind. Ich muss mit Staatspräsidenten und Konzern-Mogulen nicht mehr diplomatisch umgehen.

Es ist ja nicht so, dass Sie bis jetzt nicht deutlich geredet hätten.
Um gehört zu werden, muss man laut reden und ganz scharf argumentieren. Noch einmal wegen meiner Privilegien: Ich bin auch durch die Infrastruktur, die mir aufgrund meines UNO-Mandats zur Verfügung steht, sehr privilegiert. Wenn ich eine Mission unternehmen will, gebe ich den Plan meinen Mitarbeitern, und die organisieren alles. Wenn ich all diese Privilegien nicht brauchen würde, um für die zu kämpfen, die durch unsere kannibalische Weltordnung zerstört werden, könnte ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen.

Ich meinte vorher, ob Sie mit 78 nicht auch körperlich an Ihre Grenzen stossen.
Aha ... nein. Ich bin körperlich eigentlich gut beisammen. Ich fahre Ski, spiele Tennis und ich – aber das darf ich fast nicht sagen ...

… lassen Sie mich raten: Sie spielen Golf?
Nein, stellen Sie sich vor! – Die Halunken, die ich da kreuzen müsste.

Nicht alle Golfspieler sind Halunken.
Nein, natürlich nicht. – Also, ich habe so einen Trainer, einen maître de sport ...

... oh, wie nobel ...
... ja, das kostet gar nicht so viel, aber er schaut zu mir. Er ist ein Freund, hat aber einen schlechten Charakter: Wenn ich nicht zwei Mal pro Woche zum Basistraining für Judo antrete, schimpft er mit mir.

«

Jetzt kann ich endlich schreiben, wer die Halunken sind.»

Dann ist Ihr Kampf gegen Hunger also noch nicht beendet.
Der französische Schriftsteller Georges Bernanos schreibt: «Gott hat keine andern Hände als die unsern.» Wenn wir diese kannibalische Weltordnung also nicht stürzen, tut es niemand.

Herr Ziegler, warum stellen Sie sich eigentlich nicht an die nächste Strassenecke und sammeln Geld für die Hungernden?
Als Mensch kann und muss man in einem Rechtsstaat drei Sachen machen. Erstens: spenden. Wir haben sehr gute Hilfsorganisationen: Caritas, Fastenopfer, Brot für alle, Terre des hommes usw. Zu spenden ist jenseits jeder politischen Argumentation – gut und wichtig. Aber es beseitigt die strukturellen Probleme nicht, die kanibalische Welt- und Marktordnung wird dadurch nicht zerstört.

Wie soll der kleine Ziegler oder der noch viel kleinere Zimmerli das anstellen?
Eben, jetzt kommt Punkt zwei. Schauen Sie: Die zehn grössten Konzerne beherrschen weltweit 85 Prozent des Marktes der gehandelten Lebensmittel. Diese Konzerne kommen aus demokratischen Herrschaftsländern, meist Westeuropas und Nordamerikas. Die Schweiz mag viele Fehler haben, aber sie ist eine lebendige Demokratie mit Verfassungsrechten, mit Grundrechten, mit Bürgerfreiheiten. Die funktionieren bei uns.

Aber hier geht es um Marktwirtschaft, um Globalisierung, um Liberalisierung. Da nützen mir die Verfassungsrechte in der Schweiz nicht viel.
Eben doch. Sie können jeden dieser Mechanismen nehmen, die Millionen Menschen töten – Börsenspekulation mit Grundnahrungsmitteln, Agradumping, Überschuldung der Länder der Dritten Welt, Landraub durch die Konzerne in Afrika, Produktion von Agrartreibstoffen, indem man Hunderte von Millionen Tonnen Getreide verbrennt – alle diese tödlichen Mechanismen sind menschengemacht und können morgen von Menschen unter Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte gestoppt werden.

Konkret?
Wenn wir Schweizer oder Deutsche oder Amerikaner aufstehen würden und unser Identitätsbewusstsein in uns wieder lebendig würde, dann könnten wir morgen das Parlament mit demokratischen Rechten zwingen, Nahrungsmittelspekulation im Börsengesetz zu verbieten; wir können Finanzministerin Widmer-Schlumpf zwingen, bei der nächsten Generalversammlung des Weltwährungsfonds, wo die Schweiz eine grosse Rolle spielt, für die Totalentschuldung der ärmsten Länder zu stimmen und nicht mehr für die Gläubigerbanken an der Bahnhofstrasse wie bis jetzt; wir könnten verbieten, dass Agrartreibstoff in der Schweiz verwendet wird, der aus Nahrungsmitteln hergestellt wurde; wir könnten das Agrardumping stoppen und so weiter. Das können wir alles. Das ist eine Frage des Willens und nicht der technischen oder rechtlichen Machbarkeit. Wir sind ein demokratischer Rechtsstaat, in dem der Bürger alle Mittel in der Hand hat, um die kanibalische Weltordnung morgen zu stürzen und eine menschenwürdige Welt herzustellen.

Und wie verhalte ich mich als Konsument?
Jetzt kommt Punkt drei: Als Verbraucher keine gentechnisch veränderten Nahrung kaufen, Fair-Trade-Produkte konsumieren, Vegetarier sein – 25 Prozent der Weltgetreideernte gehen für die Intensivernährung von Schlachtvieh drauf –, saisonale Gemüse und Früchte kaufen. Das sind so die wichtigsten Punkte. Und noch eines: Auf gar keinen Fall die Hoffnung verlieren.

Jean Ziegler

Geburtsdatum: 19. April 1934
Wohnort: Russin GE
Familie: verheiratet (1 Sohn, 5 Enkel)

Beruf/Politik: Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie, Professor an der Universität Genf und an der Sorbonne Paris. Nationalrat der SP 1967 bis 1983 und 1987 bis 1999, erster UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung 2000 bis 2008, Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats der UNO seit 2008. Spricht Deutsch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Suaheli und Arabisch.


Aktuell: Im Verlag C. Bertelsmann ist das Buch erschienen: «Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt». Darin erzählt Ziegler von seinen acht Jahren als UNO-Sonderberichterstatter, zieht Bilanz, benennt die Schuldigen für das Hungerelend und zeigt Wege, wie es beseitigt werden kann.

 

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Montag 12.11.2012, 17:33 Uhr

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