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Journalistische Todsünde

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16. Januar 2018

Chefredaktor Silvan Grütter

Mein Redaktionskollege Fabian Kern hat Mumm. Als er den amerikanischen Bestsellerautor T. C. Boyle in Zürich zum Interview traf, erlaubte er sich eine journalistische Todsünde: Er hatte Boyles neuesten Band mit 20 Kurzgeschichten mangels Vorbereitungszeit nicht zu Ende gelesen.

Kern ging in die Offensive und beichtete das Versäumnis, für das schon bedeutend leichtgewichtigere Autoren Interviews beleidigt platzen liessen, gleich am Anfang des Gesprächs. Boyle, einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart, blieb hochgradig gelassen. Seine lakonische Antwort: Nun, ich habe sie alle gelesen. Sie sind superb.

Deutlich weniger zu Scherzen aufgelegt zeigte sich der Autor, als das Gespräch auf Donald Trump kam: Unser Land wurde vom rechten Flügel übernommen. Von einem Irren, der alles zerstören wird, woran ich glaube, so der bekennende Umweltschützer und Menschenfreund.

Auch an der modernen Kommunikationsgesellschaft übte Boyle im Interview scharfe Kritik: Je mehr wir von unseren Smartphones und Computern besessen werden, umso mehr vergessen wir, dass wir Tiere sind, die draussen sein sollten.

Umso erstaunter war der Interviewer von Boyles Bitte im Anschluss an das Interview: Der Amerikaner fragte höflich, ob er ein Handyfoto machen dürfe. Kern bejahte und fand die Aufnahme kurz darauf auf Boyles Twitter-Feed wieder.

Die letzte Kurzgeschichte, das sei noch angemerkt, hat Kern inzwischen auch gelesen.