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Editorial

Buddhismus auf Italienisch

05. August 2019

Von allen Dingen, die ich an den Italienern mag, ist mir eines das Allerliebste: das Dolcefarniente. Das süsse Nichtstun ist – entgegen der landläufigen Meinung – weit mehr als das Glas Rotwein abends auf der Terrasse. Dolcefarniente ist Buddhismus auf Italienisch: die Entsagung aller irdischen Zwänge. 

Das Steueramt will morgen die überfällige Rate? Dolcefarniente! Den Hochzeitstag schon wieder vergessen? Dolcefarniente! Der Chef nörgelt wieder nur rum? Dolcefarniente! Statt Stress und Streit gibts für den gemeinen Italiener lieber erst mal einen guten Espresso an der Stehbar. Dort macht er das, was sonst nur die alten Zen-Meister wirklich beherrschen: Er tut gar nichts. Abwarten und Espresso trinken. Dolcefarniente. 

Was der Mensch nördlich des Gotthards vergessen hat: Die Zeit arbeitet für uns. Die meisten Probleme lösen sich irgendwann von selbst. Man braucht nur ein bisschen zu warten. Was weiss ich, ob mich meine Frau morgen sowieso verlässt, der Chef am Nachmittag einen Herzinfarkt kriegt oder sich das Steueramt doch verrechnet hat? Was soll ich mich also aufregen? Der Italiener ist nicht konfliktscheu oder faul. Im Gegenteil. Er denkt einfach in grösseren Dimensionen. Probleme kommen und gehen. Der Espresso an der Stehbar bleibt.

Herzlich