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Kinotipp

«1,40 Meter konzentrierter Sex»

17. Oktober 2019

 

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91 Jahre und kein bisschen müde: Ruth Westheimer ist ein Phänomen. In Amerika gibt es wohl kaum jemanden, den sie nicht kennt, die Sex-Therapeutin Nummer eins im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, von allen nur liebevoll «Dr. Ruth» genannt. Nur 1,40 Meter klein, ist das Grösste an ihr das Mundwerk – trotz des haarsträubenden deutschen Akzents. «Ich bin 1,40 Meter konzentrierter Sex», sagt sie gern über sich. Und dieses Mundwerk trieb dem prüden Amerika 1980 die Schamesröte ins Gesicht, als Dr. Ruth zum ersten Mal Ratschläge zum Sex- und Liebesleben im Radio erteilte.

Um die gröbsten verbalen No-Gos ausbügeln zu können, wurde die Sendung aufgezeichnet und zeitversetzt ausgestrahlt. Doch das gigantische Bedürfnis der Amerikaner, endlich jene Fragen stellen zu dürfen, die unter die Bettdecke gehörten, liess die Einschaltquoten explodieren. Rasch wurde die Sendung «Sexually Speaking» von 15 auf 60 und schliesslich gar auf 120 Minuten ausgedehnt. Und zur Livesendung ausgebaut. «Dieses Jahr hat mein Leben verändert», sagt deshalb Ruth Westheimer heute. Sie stieg auf zum Superstar: Bücher, Lesungen, Late-Night-Talks, Schauspielerei.

Doch das ist nur die Geschichte, die allgemein bekannt ist, von Ruth Westheimers zweitem Leben. Das erste Leben lebte sie abseits der Öffentlichkeit, und es war gespickt mit so vielen Schicksalsschlägen und Hindernissen, dass es für drei Leben gereicht hätte. Den zweiten Weltkrieg erlebte die deutsche Jüdin Karola Ruth Siegel aus dem Schweizer Exil. Ihre Eltern schickten sie nach Heiden im Appenzellerland, wo sie zusammen mit Schicksalsgenossinnen und -genossen im Waisenhaus Wartheim vor dem Zugriff der Nazis geschützt war. Doch ihre Eltern sah sie nie wieder.

Danach führte sie das Schicksal über Palästina nach Paris und schliesslich 1956 mit einem Atlantikdampfer nach New York. Sie war schon zwei Mal geschieden und war alleinerziehende, mittellose Mutter einer Tochter, als sie ihre grosse Liebe, den Ingenieur Manfred Westheimer, kennenlernte. Sie hätte durch eine Bombe fast beide Füsse verloren, studierte an der Sorbonne in Paris und doktorierte schliesslich an der Columbia University. Diese kleine Frau hat Krieg, Verlust und Armut erlebt, und trotzdem strotzt sie vor Positivität und Lebensenergie, dass man nur staunen kann.

«Ask Dr. Ruth» ist eine Biografie, die fesselt. Auch wenn Dr. Ruth in Europa nur einen Bruchteil des Bekanntheitsgrads in den USA hat, lohnt es sich dennoch, den Film zu schauen. Das ist ein Zeitdokument, das uns durch eine ganz persönliche Brille durch die letzten 80 Jahre führt und zur Lebensfreude sowie zum Willen, sein Glück in die eigenen Hände zu nehmen, anstiftet: Steht zu euch selbst, zu eurem Wesen ebenso wie zu eurem Körper. Und wie Dr. Ruth mit ihren fröhlich um sich geworfenen ungeschminkten Genitalbezeichnungen die konservativen Amis aufmischt, ist pures Vergnügen.

Im Kino

Ask Dr. Ruth

Filmstart: 17. Oktober 2019
Land: USA 2019
Länge: 100 Minuten
Besetzung: Ruth Westheimer
Regie: Ryan White