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Netflix-Tipp

Die Titanic der Festivals

25. Februar 2019

 

tl;dr

  • Die Gesamtkosten des «Fyre Festival» belaufen sich auf 38 Millionen Dollar – alles Fremdkapital.
  • Den Veranstaltern läuft die Zeit davon: Anstatt der benötigten 12 Monate Vorlauf hatte das Kern-Team 6-8 Wochen.
  • Am Ende sieht sich Billy McFarland mit einer Sammelklage über 100 Millionen Dollar konfrontiert. Ihm drohen 20 Jahre Gefängnis.
  • «Fyre Festival: The Greatest Party That Never Happened» (97 Minuten) ist auf Netflix zu sehen.
  • Auch Hulu widmete dem Festival-Debakel eine gleichwertige Doku: «Fyre Fraud» (96 Minuten).

Es war einmal ein findiger junger Geschäftsmann. Er hatte die geniale Idee einer App, um Musiker und Bands direkt zu buchen. Er nannte sie salopp «Uber der Musikbranche» und liess die kreativsten Digitaltechniker daran tüfteln und entwickeln. Die Zukunft sah rosig aus, im Kopf klingelten bereits die Kassen. Die Idee war «too big to fail».

Deshalb ist keine Kelle gross genug, um die «Fyre»-App damit anzurühren. Die grösste Musikplattform der Welt braucht auch das exklusivste Musikfestival der Welt, um so richtig durchzustarten. Welche selbstredend die grössten Party der Welt werden wird. Am besten auf einer karibischen Insel, die am besten auch noch von einem Mythos umgeben ist. Weil unser findige junger Geschäftsmann mit seiner Idee auch einen früheren Rap-Star angefixt hat, der nicht minder gross denkt, kaufen die beiden kurzerhand «Norman’s Cay», die frühere Insel des legendären Drogenbarons Pablo Escobar auf den Bahamas. Natürlich können die beiden Visionäre die 10 Millionen Dollar nicht aus ihrer Portokasse berappen, doch weil ihre Idee so genial ist und der findige junge Geschäftsmann noch besser Ideen verkaufen kann als sie zu entwickeln, finden sich finanzstarke Investoren.

 

Ja Rule und Billy McFarland

Noch feiern sie, die beiden Initiatoren. Noch. Denn sie schlagen alle Warnungen der Fachleute in den Wind.

Und so nimmt die Idee unseres Helden und seines Partners Gestalt an – zumindest in Form eines Hochglanz-Videos (siehe oben) mit den teuersten Supermodels der Welt, die auf Pablo Escobars Insel feiern, schwimmen und ihre millionenschweren Beine in der Sonne räkeln. Vertrieben wird das Video durch die Follower-stärksten Influencer: #fyrefestival wird zu einem Mythos. Jeder, der in der Szene etwas auf sich hält, muss da hin. Das Fyre Festival ist ein Goldesel, und der findige junge Geschäftsmann wird zum reichsten Mann der Welt. Er badet in seinen Dukaten und tanzt mit dem Ex-Rapper in den karibischen Sonnenuntergang.

DOCH LEIDER IST DAS KEIN MÄRCHEN.

Event-Manager Andy King

Der Event-Profi glaubte bis zuletzt an Billy McFarland und warnte ihn immer wieder. Wegen seiner entwaffnenden Ehrlichkeit wurde er zum heimlichen Star der Netflix-Doku.

Denn Billy McFarland (27), unser findiger junger Geschäftsmann, ist zwar ein Meister der Visionen, aber auch meisterhaft im Ignorieren der Realität. Und seinem Partner, dem Ex-Rapper Ja Rule (42), geht zwar der eine oder andere vollmundige Spruch schnell über die Lippen, aber leider auch der Geschäftssinn ziemlich ab. Die beiden verkaufen innert 48 Stunden alle Tickets für ein Festival, das bisher lediglich als Idee existiert. Inklusive der dazugehörigen Unterkünfte wie zum Beispiel «Luxus-Strandvilla». Die noch gebaut werden müssen. Auf einer Insel ohne Infrastruktur. Ohne fliessendes Wasser. Ohne Strom.

Der Todesstoss

Dieser Tweet mit dem Bild des «Abendessens» ging viral und war der letzte Nagel in den Sarg des Fyre Festivals.

Und das ist erst der Anfang einer Odyssee des Versagens. Denn an diversen Punkten des Projekts «Fyre Festival» hätten McFarland und Ja Rule die Reissleine ziehen können, ja müssen, um wenigstens einigermassen ungeschoren davon zu kommen. Das Schlimmste daran ist, dass sie eigentlich die beste Crew hatten: Vom Videofilmer bis zum Eventmanager war ihnen nur das Beste gut genug. Und weil die Leute im Gegensatz zu den beiden Visionären Profis sind, hielten sie immer wieder überdeutliche Warnschilder in die Höhe. Alle wurden ignoriert. Und so reiten McFarland und Ja Rule sehenden Auges nicht in den Sonnenuntergang, sondern in ein schwarzes Loch von Lügen, Schulden und Betrug.

Fazit

Barbesitzerin Maryanne Rolle

Sie wurde gegen ihren Willen von Billy McFarland zur Projektmanagerin auf den Bahamas gemacht. Ohne sie wäre das Desaster noch viel schlimmer geworden. Sie verlor viel Geld.

«Fyre – The Greatest Party That Never Happened» ist eine hochunterhaltsame Dokumentation des Scheiterns. Sie zeigt, wie weit Selbstüberschätzung in Zeiten der Sozialen Medien führen kann und muss dabei nicht einmal einen polemischen Ton anschlagen. Die Fakten und Erzählungen der Direktbeteiligten haben eine derartige Kraft, dass sie für sich sprechen. Wäre das «Fyre Festival» ein Schiff, dann wäre es die Titanic. Mit dem Unterschied zum berühmten Original, dass es bereits im Hafenbecken gesunken wäre, während ihre Kabinen noch im Bau sind, die Passagiere aber schon an Bord. Leid tun einem weder die beiden arroganten Chaoten noch die verwöhnten Teilnehmer, sondern nur die Einwohner der Bahamas, die um den Lohn ihre harte Arbeit geprellt wurden.