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Alles andere als anders

21. Juni 2019

 

Wir leben in einer aufgeschlossenen Zeit. Eigentlich. Hinsichtlich Geschlecht, Rasse, sexueller Orientierung oder Religion ist unserer Gesellschaft tolerant. Alles ist erlaubt, jedem Tierchen sein Pläsierchen. Eigentlich.

Eigentlich ist es dann nur logisch und absolut legitim, dass diese Verschiedenheit der Menschen auch in der Populärkultur thematisiert wird. Doch je mehr man diesen Fakt als etwas Besonderes heraushebt, schüttet man den Graben der Vorurteile nicht zu, sondern macht ihn noch breiter. Minderheiten (wir meinen hier Minderheiten in Hollywood, nicht in der Gesellschaft) werden weiter an den Rand gedrängt, anstatt sie als selbstverständlich zu integrieren, Klischees weiter zementiert, anstatt sie aufzubrechen. Dazu gibt es ganz unterschiedliche Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Frauen an die Macht!

Vor zwei Jahren wurde «Wonder Woman» hochgejubelt. Die erste weibliche Hauptrolle in einer Superhelden-Verfilmung seit über einem Jahrzehnt, die erste weibliche Titelrolle in einem der grossen DC- oder Marvel-Universen, dazu mit Patty Jenkins die erste weibliche Regisseurin einer Superhelden-Verfilmung. Wow. Überraschung, Überraschung, Frauen können das! (Ironie aus) Wäre es nicht viel wirkungsvoller gewesen, die hohe Qualität von «Wonder Woman» zu unterstreichen? Erst die Heraushebung der vielen weiblichen «Sonderleistungen» ist es doch, die diskriminierend wirkt.

Selbst ist die Frau: Gal Gadot als Wonder Woman.

Der männliche Star Chris Pine spielt nur die zweite Geige.

2020 kommt das Sequel «Wonder Woman 1984».

Warum ist die Frauenquote ein so grosses Thema? Es gibt nur gute oder schlechte Filme – auch bei «Frauenfilmen». So bleiben mir die Vorgängerinnen von Wonder Woman als trashige («Supergirl» 1984), mittelmässige («Elektra» 2005) oder grottenschlechte («Catwoman» 2004) Comicverfilmungen im Gedächtnis. Von diesen heben sich die rundum gelungenen «Wonder Woman» und «Captain Marvel» (2019) meilenweit ab.

Hauptsache Hautfarbe

Ein Jahr später, 2018, sorgte eine weitere Comicverfilmung für Aufsehen. «Black Panther» war der erste rein schwarze Superhelden-Film (mit Ausnahme von zwei Weissen, davon Andy Serkis als Bösewicht), der erste schwarze Superheld im Marvel Cinematic Universe, der im Mittelpunkt steht. Okay, Black Panther war schliesslich auch der erste schwarze Superheld der Marvel Comics. Aber hey, da sprechen wir auch von den Sechzigern! Auch hier sei die Frage erlaubt: Warum wird darum so ein Zirkus veranstaltet? Geht ins Kino und schaut euch an, was die Schwarzen da zustande gebracht haben… Sieht denn so Aufgeschlossenheit aus?

Black Power: Chadwick Boseman als «Black Panther».

Auch der Erzfeind ist dunkelhäutig: Michael B. Jordan  (links).

Black Ladies' Power: Lupita Nyong'o und Letitia Wright.

Black Panther ist ein sehr guter Superhelden-Film. Ihn wegen der politischen Bedeutung zum Oscar-Favoriten hochzustilisieren, ist aber einfach nur grober Unfug. Zudem fehlt es nicht an fähigen dunkelhäutigen Actionhelden, man denke nur an Will Smith. Oder «Shaft»: Ist er nicht einer der coolsten Kino-Figuren überhaupt? Und apropos Samuel L. Jackson: Mit Nick Fury ist ein Schwarzer der Chef aller Avengers – auch der weissen. 

Und jetzt wirds bunt

Etwas differenzierter geht es im Feld der LGBTQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer) zu. Doch nicht immer: Als die Homosexualität mit dem ersten Kuss von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal in «Brokeback Mountain» (2005) endlich auch im prüden Hollywood ankam, gehörten Quotenschwule schon zur Tagesordnung, die – völlig überzeichnet – der allgemeinen Belustigung dienten. Gesehen etwa in den Serien «Sex and the City» oder «Will & Grace». Homosexuelle galten immer noch als «anders» – eine echte Randgruppe. Dann wurde das Thema von den Filmstudios als zukunftsträchtig erkannt: Mit schwulen oder lesbischen Produktionen schuf man gleichermassen Umsatz wie positives Image. Weil die Medien ebenfalls auf den Zug aufsprangen, griff dann auch hier bald dasselbe Muster wie bei den ersten beiden Beispielen: Die politische Bedeutung wurde derart überhöht, dass das eigentliche Produkt in den Hintergrund geriet. Doch bei LGBTQ ist dies noch nicht das Ende der Geschichte. Die Vielfalt sexueller Ausrichtungen ist derart gross, dass man nicht mehr nur in Hetero und Homo einteilen kann.

Diesem Fakt trägt nun die Serie «Tales of The City» Rechnung, die seit kurzem auf Netflix läuft. Die bereits vierte Verfilmung von Armistead Maupins Buchreihe aus den 60er- und 70er-Jahren erzählt Geschichten aus dem Leben von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender im Haus an der Barbary Lane 28 in San Francisco – adaptiert auf die heutige Zeit. Aus dem Leben gegriffene Geschichten, in denen nicht die sexuelle Ausrichtung als Lifestyle zur Schau gestellt wird, sondern die Menschen im Vordergrund stehen. Und plötzlich wird uns klar: Offensichtlich sind wir hinsichtlich Sexualität noch nicht so aufgeschlossen, wie wir uns gern geben.

Filme über Diskriminierung sind wichtig. Sie sollen schockieren und aufrütteln, damit solche Dinge nicht mehr passieren. Die Zurschaustellung der Leistungen von Minderheiten jedoch ist nichts anderes als eine andere Form von Diskriminierung. Aber wo fängt diese an? Und was tun wir dagegen? Sollten wir nicht lieber Leistungen honorieren anstatt soziodemografische Merkmale?