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Zeichentrick-Klassiker

Disney auf Mission Realfilm

27. März 2019

Klassiker als Realfilm im Zweimonate-Takt: Auf «Dumbo» folgen «Aladdin» und «The Lion King».

 

tl;dr

  • Drei Realverfilmungen von Disney-Klassikern kommen 2019 in kurzen Abständen ins Kino: «Dumbo», «Aladdin» und «Der König der Löwen».
  • Das Problem der Realverfilmungen ist das Zielpublikum: Für Kinder sind sie zu realistisch und beängstigend, für Teenager zu wenig attraktiv. Bleiben wohl nur noch die Nostalgiker, die mit den Zeichentrickfilmen aufgewachsen sind.
  • 2019 könnte ein Rekordjahr für Disney werden: Neben den drei Real-Verfilmungen kommen «Toy Story 4», «Frozen 2», «Captain Marvel», «Avengers: Endgame» und «Star Wars Episode IX» in die Kinos. Erwartet werden Einnahmen von über 8 Milliarden Dollar.
  • Disney expandiert munter weiter: Nach dem Kauf von Marvel, Star Wars und 20th Century Fox will der Konzern mit einer Streaming-Plattform Netflix angreifen.
     

Walt Disney gehört zu meiner Familie. Nicht, dass ich mit dem Herrn verwandt wäre, aber er hat meine Kindheit mehr geprägt als viele meiner mittel und weit entfernten Blutsverwandten. Für seine «Lustigen Taschenbücher» habe ich phasenweise einen Grossteil meines Sackgelds ausgegeben, im Fernsehen habe ich mir jeden Trickfilm mit Mickey Mouse oder Donald Duck angesehen, mein erster Kinofilm war das «Dschungelbuch», Höhepunkt jeder Adventszeit der Kinobesuch des neuen Disney-Trickfilms. Disney WAR für mich Comic und Trickfilm. Und bis heute ist es für mich ein Gütesiegel: Wo Disney draufsteht, ist Qualität drin.

Daran änderte sich auch nichts mit der jüngeren Entwicklung des Mega-Konzerns. Der Gigant wächst unaufhaltsam: Marvel, Star Wars und seit kurzem auch noch 20th Century Fox (für schlappe 71 Milliarden Dollar!) – alles gehört dem einstigen «Mouse House». Und auch in Sachen Trickfilm ist Disney nicht stehen geblieben. Nach der Mega-Krise in den 90er-Jahren hat die Animations-Tochter Pixar Auftrieb verliehen. Gezeichnete Filme wurden von Computer-animierten ersetzt, die Erfolgsgeschichte im Kinder-Sektor setzte sich fort. Und nun forciert Disney den nächsten Schritt: den Realfilm.

Schlag auf Schlag

Es ist die Zeit der grossen Jubiläen: Mickey wurde im letzten November 90 Jahre alt, Donald dieses Jahr 85, Dornröschen 60 und Arielle 30. Und deshalb bläst Disney zur grossen Offensive innert dreieinhalb Monaten kommen gleich drei Klassiker als Realfilme ins Kino: Diese Woche «Dumbo», Ende Mai «Aladdin» und im Juli dann «Der König der Löwen». Bumm, bumm, bumm – der schöne Jahresrhythmus ist längst Geschichte. Doch die ganze Realfilm-Geschichte ist natürlich nicht neu. Man erinnere sich an «101 Dalmatiner», «Dornröschen», «Cinderella» und «Peter Pan» in diversen Varianten und  «Alice im Wunderland».

 

Im Kino

Dumbo

Filmstart: 28. März 2019
Land: USA 2018
Länge: 112 Minuten
Besetzung: Colin Farrell, Eva Green, Michael Keaton, Danny deVito
Regie: Tim Burton

Den nächsten Schritt in Sachen Tricktechnik und somit den bisher letzten Schritt zum Realfilm machte Disney aber mit dem «Dschungelbuch» (2016). Da sass ich wirklich im Kino und dachte: Wow, der Dschungel aus meinem alten Trickfilm ist real geworden. Und somit bin ich bei meinem Kritikpunkt an der neuen Strategie angelangt: dem Zielpublikum. Trotz allem Staunen fragte ich mich nämlich, für wen dieser Film gemacht ist. Kinder unter zehn Jahren, für die diese Geschichten ursprünglich geschrieben wurden, sind es definitiv nicht.

Die fehlende emotionale Hürde

Der Zeichentrickfilm lebt davon, dass er echte Gefahren, schlimme Erlebnisse und traurige Ereignisse durch das Gezeichnete abschwächt. Gerade Kinder können dadurch unterscheiden zwischen Film und Wirklichkeit. Im Dschungelbuch von 2016 aber wirken der Tiger Shir Khan oder die Schlange Kaa so echt, dass Albträume eher Regel als Ausnahme sind. Im aktuellen Beispiel «Dumbo» ist der Verlust der Mutter für den kleinen Elefanten mit den grossen Ohren so bewegend für die Kleinen, dass Taschentücher gleich packweise mitgeführt werden müssen. Da kann man noch lange versichern, dass am Ende alles gut werden wird. Gleiches wird wohl für die Realfassung von «König der Löwen» gelten, der auf Juli angekündigt ist.

Wenn wir den Gedanken also weiterspinnen, dann sind die kleinen Kinder schon mal aus der Rechnung. Die Teenager wiederum werden sich wohl kaum einen Kinderfilm ansehen wollen, ist ja uncool. Die hat Disney ja schon mit Star Wars und Superhelden abgeholt. Kommt hinzu, dass der Witz an der Veränderung des Formats die Wiedererkennung ist. Wer sich nicht an den Original-Trickfilm erinnert, findet eine Realverfilmung auch nicht originell, sondern muss neu daran herangeführt werden. Bleiben also noch jene Leute übrig, welche die Disney-Klassiker aus der Originalfassung kennen – wie ich. Doch reicht das? Denn mit ihren Kindern werden sie sich die Filme aus den genannten Gründen nicht ansehen. Geht man als erwachsenes Paar «Dumbo» schauen? Nicht falsch verstehen: Ich finde den Film von Tim Burton sehr schön umgesetzt, mit fabelhafter Computertechnik und überzeugenden Schauspielern. Er hätte einen Kassenerfolg verdient. Aber ob er ihn erhalten wird, bezweifle ich. Recht haben muss ich nicht, wie der finanzielle Erfolg der Realversion von «Die Schöne und das Biest» (2017) belegt. Ich lasse mich gerne positiv überraschen.

 

Disney-Realverfilmungen

Was folgt noch?

Viele Geschichten lohnen sich gar nicht, sie real zu verfilmen, weil sie bereits Zeichentrick-Umsetzungen von realen Geschichten sind – der Witz wäre also weg, die Entzauberung komplett. Beispiele: Die Hexe und der Zauberer, Pocahontas, Der Glöckner von Notre Dame, Tarzan, Hercules.
Bereits angekündigt: Mulan (2020), Pinocchio (2021).
Vorstellbar:  Bambi, Taran und der Zauberkessel, Arielle, Die Eiskönigin.
Unverfilmbar: Fantasia, Bernhard und Bianca, Robin Hood, Susi und Strolch, Aristocats, Basil, der grosse Mäusedetektiv.

Vielleicht ist mit diesen Überlegungen die hohe Kadenz zu erklären, mit der Disney die Neuversionen seiner Klassiker raushaut: Man glaubt selbst nicht an die Blockbuster-Qualität. Clever ist es dennoch, denn damit erweitert der Konzern sein Portfolio und demonstriert gleichzeitig, dass man technisch weiterhin in der Champions League zuhause ist. Und die Animationsfilme landen deshalb noch lange nicht auf dem Abstellgleis. Immerhin kommen dieses Jahr auch noch «Toy Story 4» und die Fortsetzung des gigantischen Animations-Hits «Frozen – die Eiskönigin» auf die Leinwand, womit Disney auch im «Heim-Markt» immer noch vertreten ist.

Angriff auf Netflix

2019 könnte sogar das einträglichste Disney-Jahr ever werden. Gerechnet wird mit Einnahmen von über acht Milliarden Dollar: Neben den erwähnten drei Real– und zwei Animationsfilmen stürmen zwei Marvel-Filme («Captain Marvel» und «Avengers: Endgame») sowie «Star Wars Episode IX» die Kinos – und damit sind nur die grössten Produktionen genannt. Und dieses Rekordjahr könnte die Basis bilden für den nächsten Expansionsschritt: Disney plant die Lancierung der Streaming-Plattform «Disney+», deren Abo noch günstiger als Netflix sein soll – eine Kampfansage. Man stelle sich vor, was die Kombination von Disney, Marvel, Star Wars und 20th Century Fox für eine immense Masse an Filmen und Serien darstellt… Wetten, dass da jeder auf seinen Geschmack und Netflix gehörig ins Schwitzen kommt?