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Oscar-Vorschau

Ein Männlein steht in Hollywood…

21. Februar 2019

Am Sonntag vergibt die «Academy of Motion Picture Arts and Science» zum 91. Mal die begehrtesten Goldmännchen der Filmindustrie. Was du wissen musst, um bei der Oscar-Verleihung mitfiebern zu können. 

Oscar gibt es nur einen, Oscar-Typen aber diverse. Wie geniesst du die Oscars am liebsten? Live und ungeschnitten? Lässt du dich lieber nach dem Aufstehen von den Pushmeldungen überraschen? Oder hast du gar die Disziplin, sämtliche News-Kanäle zu ignorieren und schaust die gesamte Show zeitversetzt, damit du die ganzen Längen durchspulen kannst? Ich für meinen Teil schaus nicht live. Die Zeiten, als ich mir die Nacht um die Ohren schlug, um mir diese künstlich in die Länge gezogene Show der Stars und Sternchen mit den ellenlangen Dankesreden zu geben, sind längst vorbei.

Ich picke mir die glücklichsten Gewinnern, die emotionalste Rede, das schockierendste Kleid und die pointierteste Kritik an Donald Trump selbst heraus.

 

Nach all den Werbeunterbrechungen und den gefühlt 93 technischen Kategorien gewann dann ja meistens doch nicht mein persönlicher Favorit. Vor dem Youtube-Zeitalter gönnte ich mir jeweils eine 90-minütige Zusammenfassung am Montagabend, mittlerweile bin ich beim Best-of am Montagmorgen angelangt. Aus den Highlights picke ich mir die glücklichsten Gewinnern, die emotionalste Rede, das schockierendste Kleid und die pointierteste Kritik an Donald Trump selbst heraus. Für all jene, die das ultimative Red-Carpet-Feeling brauchen und in die Oscar-Nacht tauchen, aber vielleicht nicht jeden nominierten Film im Kino gesehen haben, habe ich eine Übersicht über die Ausgangslage bei den wichtigsten Kategorien zusammengestellt. Aus möglichst objektiver und – natürlich – subjektiver Sicht.

Bester Film

Hier stört mich etwas schon grundsätzlich: Müssen es wirklich acht Nominierungen sein? Hätten es nicht auch fünf getan, wie in den anderen Kategorien? Aber geschenkt. Von den acht sind für mich drei echte Favoriten: die warmherzige Tragikomödie «Green Book», der irrwitzige Historienfilm «The Favourite» (Nomen est omen, haha) und die bissige Politsatire «Vice». Was ich gar nicht verstehe, ist der Hype um «Black Panther», der als erste Comic-Verfilmung überhaupt für die Hauptkategorie nominiert wurde. Nicht falsch verstehen: Das ist ein sehr guter, solider Avenger-Streifen. Aber ein Meilenstein des Genres? Ich weiss nicht. Egal, gewinnen wird er eh nicht. Ihr vermisst jetzt vielleicht «Bohemian Rhapsody» oder «A Star Is Born» in meiner Aufzählung. Ich kann mich irren, aber ich glaube nicht, dass es dieses Jahr ein Musikfilm werden wird. Auch die bisherigen Preisverleihungen wie die «Golden Globes» oder die «Critic's Choice Awards» deuten in diese Richtung.

Mein Tipp: Weil Hollywood Republikaner nicht mag und am wenigsten Donald Trump, wird es «Vice», diese aberwitzige Biografie von Bushs Dick Cheney. Aber gerade in punkto politischer Angriffigkeit ist die Academy schwer einzuschätzen. Deshalb setze ich hier den Joker und nehme «Green Book» als Feelgood-Variante 1b. «The Favourite» ist der Academy wohl zu britisch.

Beste Regie

Hier ist die Auswahl kleiner. Wiederum ist «Vice» ein valabler Kandidat, denn Adam McKay hat einen guten Ruf in Hollywood und sogar schon einen Oscar im Trophäenschrank stehen. Allerdings wurde er 2016 nicht für die beste Regie ausgezeichnet, sondern zusammen mit Charles Randolph für das beste adaptierte Drehbuch in «The Big Short». Aus meiner Sicht machen es aber zwei Nicht-Amerikaner untereinander aus: der Grieche Yorgos Lanthimos («The Favourite») und der Mexikaner Alfonso Cuarón («Roma»). Die beiden haben die Filme mit den meisten Oscar-Nominierungen 2019 gedreht: je 10. Das muss nichts heissen, denn in der Vergangenheit gingen schon gigantische Favoriten mit leeren Händen oder nur Trostpreisen nach Hause. Aber nicht diesmal. Einer von ihnen wird dafür entschädigt, dass er nicht in der Königskategorie «Bester Film» gewinnt.

Mein Tipp: Um ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Netflix zu zeigen, wählt die Academy Alfonso Cuarón (und weil Geschichten um Minderheiten immer gehen). Nach zwei Oscars – Regie und bester Schnitt – für «Gravity» vor fünf Jahren ist das schon sein dritter Oscar.

Bester Hauptdarsteller

Die bei den Golden Globes habens gut: Dank den zwei Darsteller-Kategorien «Drama» und «Comedy/Musical» müssen sie sich nie auf einen Schauspieler festlegen. Die können ganz entspannt Christian Bale UND Rami Malek auszeichnen. Diesen Luxus hat die Academy nicht. Bradley Cooper und Willem Dafoe sind für mich klare Aussenseiter. «A Star Is Born» hat zu wenig Gewicht und die Van-Gogh-Biografie «At Eternity's Gate» ist als Produktion schlicht zu klein für einen Oscar.

Mein Tipp: Die Entscheidung fällt zu Ungunsten von Freddy-Mercury-Darsteller Rami Malek aus und zugunsten von Christian Bale als «Vice» Dick Cheney. Beide Leistungen sind absolut Oscar-würdig, aber nun ist endlich der Waliser an der Reihe – was mich als bekennenden Bale-Fan ganz besonders freut, denn seine erste Auszeichnung für «The Big Short» war zwar auch schon schön, aber war halt «nur» für die beste Nebenrolle. Ganz nebenbei ist das wieder ein schöner Gruss ins Weisse Haus.

Bester Nebendarsteller

Wie bei allen Schauspieler-Kategorien herrscht auch hier die Qual der Wahl – aber nur auf den ersten Blick. Adam Driver, Richard E. Grant und Überraschungsmann Sam Elliott werden sich schon über ihre Nominierung gefreut haben. Bleiben noch zwei Favoriten: Sam Rockwell – köstlich als George W. Bush in «Vice» – und Mahershala Ali («Green Book»).

Mein Tipp: Da Rockwell bereits letztes Jahr in dieser Sparte abräumte, dürfte Golden-Globe-Gewinner Mahershala Ali («Green Book») die Nase vorn haben – allerdings auch schon zum zweiten Mal in dieser Kategorie nach 2017 («Moonlight»). Damit wären dann auch die Afroamerikaner happy, was für das seelische Gleichgewicht in Hollywood nicht zu unterschätzen ist.

Beste Hauptdarstellerin

Das engste Rennen von allen. Als erstes streiche ich hier die Neulinge Yalitza Aparicio («Roma») und Melissa McCarthy, die in «Can You Ever Forgive Me?» den Sprung vom Klamauk ins ernstere Fach mit beeindruckender Leichtigkeit geschafft hat. Auch Lady Gaga muss sich wohl noch weiter beweisen für die Aufnahme in den Kino-Olymp. Von den verbliebenen zwei wäre eigentlich meine Favoritin Olivia Colman (die durchgeknallte Queen in «The Favourite»).

Mein Tipp: Doch gewinnen wird Glenn Close für «The Wife». Sie ist eine der Grandes Dames von Hollywood und wurde bisher bei sechs (!) Nominierungen stets übergangen. Nun ist es an der Zeit, ähnlich wie bei Leonardo DiCaprio vor drei Jahren (und Amy Adams in einem der kommenden Jahre). Die Academy liebt Happy Ends.

Beste Nebendarstellerin

Puh, auch hier keine einfache Entscheidung. Amy Adams könnte die tragische Figur werden, denn ihr droht das Schicksal, bei ihrer sechsten Oscar-Nomination zum sechsten Mal leer auszugehen. Das wäre ganz bitter, zumal sie schon lange in der Top-Riege Hollywoods angekommen ist. Weil Adams aber als Cheney-Gattin in «Vice» grossartig ist, nehme ich sie aufs Podest und opfere dafür Emma Stone, die ja schon ein Goldmännchen zuhause hat. Die anderen zwei in der Endausmarchung werden Regina King («If Beale Street Could Talk») und Rachel Weisz sein.

Mein Tipp: And the Oscar goes to… Rachel Weisz! Warum? In erster Linie, weil das von den Briten (zu Recht!) gefeierte Meisterwerk in den anderen Hauptkategorien übergangen wurde. Regina King gehört die Zukunft, und Amy Adams muss ein weiteres Jahr auf ihre verdiente Auszeichnung warten. Bleib dran, Amy!

Ein Rücktritt bewegt Hollywood

Wisst ihr, was das Beste an den Oscars ist? Ich könnte euch eine komplett andere Auswahl präsentieren und ebenso triftig begründen. Denn die Oscar-Verleihung ist nicht zuletzt ein Politikum. Weil sie den Nabel der Filmwelt darstellt, auf den die ganze Welt schaut, werden die Entscheidungen um die Vergabe oft nicht nach Leistung getroffen, sondern wahlweise nach Political Correctness (Hautfarbe, Minderheiten), Studiopolitik und der richtigen Kombination der Gewinner. Doch die Gewinner sind nicht alles. Grosse Bedeutung kommt jeweils dem «Host» zu, dem Moderator, der durch den Abend führt. Er soll die Stars mit launigen Sprüchen unterhalten und dem – sofern er Republikaner ist – US-Präsidenten gehörig eins vors Schienbein geben. Oder auch zwei. Oder drei, wenn er Trump heisst.

Eine ganze Branche bereitet sich auf die historische Premiere und die damit einhergehende Langeweile einer Host-freien Oscar-Show vor.

 

Deshalb könnte dieser 91. Jahrgang eine Ausnahme darstellen. Der designierte Host Kevin Hart, der schon 2016 durch die Show führt, trat im Dezember von seinem Amt zurück, nachdem er die Öffentlichkeit über homophoben Tweets und Witzen erzürnt hatte. Denn während gegen rechts dem Humor keine Anstandsgrenzen gesetzt sind, werden Sprüche gegen Minderheiten nicht toleriert. Ein Comedian hat da natürlich einen schweren Stand. Während sich eine ganze Branche auf die historische Premiere und die damit einhergehende Langeweile einer Host-freien Oscar-Show vorbereitet, scheint die Chance gering, dass die Academy doch noch einen Ersatz für Hart aus dem Hut zaubert. Zu hoffen bleibt, dass sich das spektakulärste Gerücht bewahrheitet: Die Avengers rund um Robert Downey jr. sollen gemeinsam einspringen. Wenn das nur nicht in einem Streik der Konkurrenten von DC Comics endet…

Und wer sind deine Favoriten? Schreib sie ins Kommentarfeld!