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Nostalgie

Ein Hurra auf die Eighties!

05. Juli 2019

 

Top Gun, Knight Rider, Michael Jackson – ich bin ein Kind der 80er-Jahre. Mit Jahrgang 1975 haben mich die Eighties durch meine Kindheit hindurch begleitet, mitsamt ihren guten und schlechten Seiten. Aus der Tagesschau geblieben sind mir Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, Schweizerhalle und Tschernobyl und natürlich der Mauerfall. Im Kino faszinierten mich «E.T.» und die «Ghostbusters» (hätte ich gern gesehen, habe mich aber nicht getraut zu fragen), mein TV-Held hiess Colt Seavers, meinen Soundtrack lieferten zahllose Hits wie «The Eye of The Tiger». Eine grossartige Zeit.

Deshalb freue ich mich sehr, dass sich seit kurzem die Referenzen an jenes modisch zwar unterirdische, aber halt sehr bunte Jahrzehnt häufen: Von den Netflix-Hits «Stranger Things», «Dark» und «GLOW» über den Actionthriller «Atomic Blonde» bis zu den Superheldinnen «Captain Marvel» und «Wonder Woman 1984» (2020 im Kino) – alles ist voll mit lustvollen Anspielungen an die 80er. Aber warum? Vier Gründe für dieses Phänomen.

«Stranger Things» erweist mit den Halloween-Kostümen von Dustin & Co. den Ghostbusters ihre Referenz.

1. Die Nostalgie

Die 80er-Jahre sind ein Schwellenjahrzehnt. Sie stehen gleichermassen für die «gute alte Zeit» wie für Aufbruchsstimmung. Das Jahrzehnt selbst ist wie ein Film aus jener Zeit: Man wusste noch, wer gut (die Amis) und wer böse ist (die Kommunisten, allen voran die Sowjets), man spionierte sich gegenseitig aus, fand Verbündete bei den Bösen (Gorbatschow), und schliesslich gibts ein Happy End mit dem Fall der Berliner Mauer. Die 80er als Sehnsuchtsort – ganz ohne Internet. Heile Welt mit haarsträubender Mode.

Ost-Berlin während des Mauerfalls: Charlize Theron in «Atomic Blonde».

Fransen und Föhnfrisuren: Die Wrestling-Ladies aus «GLOW».

Hotpants, Muster und Schnauz: «GLOW» feiert die 80er.

Sind wir hier in «Denver Clan» gelandet? Nein, auch das ist «GLOW».

2. Der Style

Föhnfrisur und Vokuhila, Schulterpolster und Lederjacke, Eiche rustikal und Mustertapete, Walkman und Videorekorder – die 80er hatten und haben (wie in «Dark» sind auch in der Mode Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem ewigen Kreislauf miteinander verbunden) ihren ganz eigenen, kultigen Charme. Auch die BMX-Velos von Mikes Bande in «Stranger Things» wecken Erinnerungen. Über allem steht aber die Musik, von Heavy Metal über Kuschelrock-Balladen bis Synthi-Pop. Der unvergleichliche Soundtrack, den die Eighties produzierten, reicht, um noch Dutzende Filme und Serien damit auszustatten.

«Dallas» oder «Denver Clan»? Nein, «Stranger Things».

Weisse Socken, Self-made-Haarschnitte, Röhrenbildfernseher.

Ist er cool, oder ist er cool? Billy weiss, was bei den Ladies ankommt.

Wie aus dem Video zu «Last Christmas» entsprungen.

3. Die Filmemacher

«Wir versuchten, dasselbe zu tun wie Steven Spielberg in den Achtzigern: B-Movie-Ideen auf einem höheren Niveau umzusetzen.»

Ross Duffer

Ob Regisseure, Drehbuchschreiber oder Produzenten: Jene Leute, die heute in der Filmbranche den Ton angeben, haben die 80er-Jahre erlebt oder sind mit den Filmen aus den 80ern aufgewachsen. Und so verfilmen viele ihre eigene Kindheit oder Jugendzeit. Die besten Anekdoten kommen immer aus der eigenen Erinnerung. Beispiele gefällig? Die Duffer-Zwillinge, welche «Stranger Things» erfanden, haben Jahrgang 1984 – die Serie spielt von 1983 bis 1985. «Wir versuchten, dasselbe zu tun wie Steven Spielberg in den Achtzigern: B-Movie-Ideen auf einem höheren Niveau umzusetzen», erklärte Ross Duffer in einem Interview mit dem Guardian. Baran bo Odar, der Regisseur von «Dark», dessen wichtigste Zeitebene 1986 ist, wurde 1978 geboren. und sagt über seine Serie in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk: «Man kann alles auf Stephen King zurückführen. Der hat mit Geschichten von jungen Menschen, die sich dem Erwachsenwerden stellen müssen, auf Horror-Ebene eine Generation geprägt. Unser Blick auf die Achtziger ist aber wahnsinnig deutsch, nicht der von ‹Miami Vice›, sondern dieses leicht biedere, Nena-hafte.»

College- und Lederjacke: «Dark» im Jahr 1986.

Da kommen Erinnerungen an die Grundschule auf.

Auch der Schnauz darf natürlich nicht fehlen.

4. Das Publikum

Passend zu den Filmemachern ist die zahlungskräftigste Klientel ebenfalls zwischen 30 und 50 Jahre alt. Auch diese Leute haben viele Erinnerungen oder zumindest persönliches Interesse an den 80er-Jahren. Hier finden sich Filmemacher und ihre Kunden zu einer perfekten Geschmackssymbiose: Man gibt den Leuten, was sie wollen, indem man produziert, was man selbst am liebsten mag. «Wir dachten, wir sprechen damit Leute wie uns an, die ebenfalls mit der Art des Storytellings eines Spielberg, Tim Burton oder John Carpenter aufgewachsen sind», sagte Ross Duffer weiter. Wie recht die Duffers damit hatten!

Und ewig grinst J.R. Ewing: «Wonder Woman 1984».

Da staunt der Pilot aus dem 1. Weltkrieg: Ja, so bunt ist das Jahr 1984!

Lederjacke geht immer, auch für «Captain Marvel» Carol Danvers.

Der Jeans-Overall wartet bis heute noch auf sein Comeback.

Nun könnte man ableiten, dass in zehn Jahren Serien über die 90er- und in zwanzig solche über die 0er-Jahre grassieren. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass die nächsten Jahrzehnte nicht mehr so kompakt und so fassbar und somit nicht mehr dieselbe Strahlkraft haben wie die 80er-Jahre. Oder lasse ich mich da von meiner eigenen 80er-Sentimentalität täuschen?