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Science Fiction

Die unendlichen Weiten des Alls

Science-Fiction, das war lange Zeit nur bunte Aliens, Laserschwerter und Sternenkriege. Doch seit ein paar Jahren hat sich ein neues Genre herauskristallisiert: die realistische Science Fiction.

13. September 2019

Im Kino

Ad Astra

Filmstart: 19. September 2019
Land: USA 2019
Länge: 124 Minuten
Besetzung: Brad Pitt, Liv Tyler, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland
Regie: James Gray

Das Science-Fiction-Genre war früher einfach: Alles, was im Weltall stattfindet, gehört da rein. Und meistens war es pure Fantasie, von Flash Gordon bis Star Wars – wie der Ausdruck «Fiction» schon sagt. Inzwischen rechnet man aber auch auf Fakten basierte Weltall-Filme wie «Apollo 13» oder «First Man» zu diesem Genre. Dazwischen gibt es noch eine Kategorie, die sich in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit erfreut. Ich nenne es «realistische Science Fiction», also Szenarien, die man sich in einer wie weit auch immer vorausliegenden Zukunft vorstellen kann.

Jene Zuschauer, die weder Astronauten noch Raumfahrtingenieure oder Quantenphysiker, sind natürlich immer etwas im Nachteil – oder auch im Vorteil, je nach Sichtweise. Uns kann man Dinge auftischen, die gar nicht möglich sind, dafür können wir uns andere Sachen ohne irgendeine technische oder wissenschaftliche Schere im Kopf vorstellen. Wir sind wie die Menschen, die noch lange vor der ersten Mondlandung in den dunklen Nachthimmel hochgeschaut und sich gefragt haben: Was ist da draussen? Gibt es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben?

In den unendlichen Weiten des Alls werden wir letztlich immer mit unserem ganz persönlichen Selbst konfrontiert.

 

Diese Frage beantwortet Clifford McBride (Tommy Lee Jones) in «Ad Astra» mit einem lauten und deutlichen «Ja!» In naher Zukunft – diese Zeitangabe ist meistens die Grundbedingung für die realistische Sci-Fi – gondelt der Leiter des hoch geheimen «Lima-Projekts» beim Neptun herum und sucht nach ausserirdischem Leben. Offiziell ist er seit 16 Jahren verschollen und wird als Superstar und Pionier der Raumforschung gefeiert. Sein Sohn Roy (Brad Pitt) hat inzwischen selbst bei der «Spacecom» (eine fiktive NASA) Karriere gemacht und ist als Major ein Muster-Astronaut: Pragmatisch, hoch qualifiziert und furchtlos – er hatte noch nie einen Puls über 80!

Doch das hat seinen Grund. Roy leidet einerseits unter dem Verlust des Vaters, aber auch unter seiner Nicht-Beziehung zu dem ständig abwesenden Familienoberhaupt. Und nun soll ausgerechnet er seinen Vater stoppen. Denn dieser ist anscheinend doch nicht ein so strahlender Held, sondern vielmehr ein Meuterer: McBride senior hat das «Lima-Projekt» gewaltsam übernommen und führt es auf eigene Faust weiter. Sein defektes Schiff löst immer wieder elektrische Schockwellen aus, die auf dem mittlerweile von den Menschen besiedelten Mond und in den diversen Raumstationen zu erheblichen Schäden sowie Todesfällen führen. Auch Roy selbst wäre dadurch beinahe ums Leben gekommen. Nun soll er auf den Mars reisen, um mit einer persönlichen Botschaft seinen Vater zur Vernunft zu bringen.

Die Reise wird für Roy zu einer Reise zu sich selbst. «Mich hat an der Rolle von Roy das Konzept der Männlichkeit interessiert, dass du keine Schwäche zeigen darfst und immer alles im Griff hast», erklärte Brad Pitt meinem Kollegen Miguel Cid in Venedig. «Das kann dich daran hindern, dich selbst zu akzeptieren, deine Verletzlichkeit, deine Fehler.» Damit reiht sich «Ad Astra» in eine Reihe von realistischen Sci-Fi-Filmen ein: «2001 – A Space Odyssey», «Interstellar», «Gravity» oder auch «The Marsian». Sie alle befassen sich mit der Menschlichkeit. 

«Was wäre, wenn es nur uns gäbe?»

Brad Pitt

In den unendlichen Weiten des Alls werden wir letztlich immer mit unserem ganz persönlichen Selbst konfrontiert. «Die Idee von Aliens, die uns entweder gutgesinnt sind und uns weiterentwickeln wollen oder die uns zerstören wollen, ist schon komplett ausgelutscht», sagt Pitt. «Was wäre aber, wenn es nur uns gäbe?» Der Hollywood-Star war zudem fasziniert von einem Zitat von Arthur C. Clarke, dem Autor von «2001»: «Vielleicht sind wir alleine im Universum, vielleicht nicht. Beide Szenarien sind schreckenerregend.» Denn die realistische Sci-Fi geht fest davon aus, dass die Menschheit dereinst das All kolonisieren wird, sei es wegen Überbevölkerung oder weil wir den Planeten Erde komplett ausgebeutet oder zerstört haben. Und wenn da draussen nichts ist, wohin wir gehen können, dann ist es höchste Zeit, unseren Heimatplaneten zu schätzen, zu hegen und pflegen. Realistische Science Fiction wird somit schon fast zu einer Art umgekehrtem Heimatfilm: Erst, wenn wir die Alternative sehen, wissen wir was wir an der guten alten Mutter Erde haben.

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