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Kinotipp

Gebt Bale den Oscar!

19. Februar 2019

 

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Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Präsidentschaft von George W. Bush denken? Afghanistan- und Irakkrieg, Wildwest-Politik, vielleicht noch Hurricane Katrina und Folter in Guantanamo Bay? Alles gepaart mit einer guten Portion Unsicherheit? Zugegeben, das klingt jetzt etwas arg negativ, aber es ist ehrlich. Um doch noch etwas Positives anzumerken: Angesichts von Donald Trump nähme ich Bush junior jederzeit mit Handkuss. Meine bescheidene Meinung jedoch ist im Vergleich mit «Vice» geradezu eine Lobeshymne auf die Ära Bush.

Doch kommen wir zur Hauptperson des brillanten, aber bitterbösen Oscar-Favoriten von Adam McKay («The Big Short»): Dick Cheney. Ja genau, der farblose, übergewichtige Vize von Bush. Was kann der schon für eine Rolle gespielt haben in der Weltpolitik? Nun, wenn die Geschichte aus «Vice» auch nur zur Hälfte stimmt, dann war Cheney nichts anderes als der heimliche Regent des mächtigsten Landes der Welt. Und musste als Schattenmann nicht einmal für die Fehler geradestehen. Bush hingegen wird als inkompetenter Grünschnabel hingestellt. 

Inwieweit die Fakten in diesem viel beachteten Streifen stimmen, ist für uns schwierig zu eruieren. Cheney selbst schweigt sich darüber aus, weshalb nur das Wort von Autor und Regisseur McKay bleibt: Er habe den Kontakt zur Familie gesucht, aber nicht gefunden, sei jedoch überzeugt, absolut fair zu Cheney gewesen zu sein. Zumindest was dessen Rolle als treuer Ehemann und warmherziger Vater betrifft, glaubt man ihm das gerne. Ansonsten bleibt einem als Kinozuschauer nur das Staunen. Über die Jahre als junger Versager in Wyoming, als Säufer und Schläger, der 1963 aus der Elite-Uni Yale geworfen und daraufhin von seiner Freundin Lynne (Amy Adams) mit einem Ultimatum konfrontiert wurde: Besserung oder Trennung. Dick Cheney (Christian Bale) sagt daraufhin einen Satz, der sein Leben in ungeahnte Bahnen lenkt: «Ich werde dich nie wieder enttäuschen.»

Cheney bringt seinen Abschluss doch noch auf die Reihe und erhält einen Praktikumsplatz im politischen Herzen Amerikas, in Washington D.C. Weil ihn der charismatische Donald Rumsfeld (Steve Carell) fasziniert, nimmt seine republikanische Karriere seinen Lauf. Cheney kommt sein Naturell zugute: Er schweigt, hört zu und lernt. Diesem rasanten Aufstieg in der Regierung zuzusehen, ist fesselnd. Cheney schafft es, auch dank des Rücktritts von Richard Nixon, zum jüngsten Stabschef in der Geschichte der USA. Durch Rückschläge lässt er sich nicht beirren, nimmt höchstens eine kurze Auszeit auf dem Weg nach oben. Sein Ziel verliert er nie aus den Augen: das Oval Office. Als Cheney realisiert, dass er es selbst nie zum Präsident schafft, sieht er im Angebot von George W. Bush (Sam Rockwell) seine Chance gekommen, als Einflüsterer die Weltgeschichte zu prägen.

Angesichts der acht Oscar-Nominierungen müsste an dieser Stelle eigentlich gar nichts mehr gesagt werden. Dennoch gilt es neben den spektakulären Enthüllungen noch zwei Punkte hervorzuheben: Die Besetzung und den Stil. Christian Bale nimmt einmal mehr mit vollem Körpereinsatz das Goldmännchen für die beste Hauptrolle ins Visier. Nachdem er schon als Nebendarsteller einen Oscar gewonnen hat (2011 für «The Fighter») ist er nun reif für den wichtigsten Preis in der Gilde der Schauspieler. Als Dick Cheney der jüngeren Gegenwart ist der 44-jährige Waliser kaum zu erkennen, einerseits durch die 20 Kilo Übergewicht, die er sich eigens angefressen hat, andererseits durch die perfekt abgeschaute Mimik des Politikers. Das Personal an seiner Seite muss sich keineswegs verstecken. Amy Adams und Sam Rockwell sind auch nominiert, Steve Carell könnte es ebenfalls sein. Sie tragen den Plot, der dank der vielen raffinierten und unerwarteten Stilwechsel nie langweilig wird. McKay verleiht seinem bisherigen Meisterwerk einen Zynismus, als hätte Michael Moore einen Spielfilm gedreht. Politsatire at its best.

Im Kino

Vice

Filmstart: 21. Februar 2019
Land: USA 2018
Länge: 132 Minuten
Besetzung: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell
Regie: Adam McKay