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Kinotipp

Kidmans Mut zur Hässlichkeit

04. April 2019

 

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Sie war rothaarig und schön. Sie war lockig und schön. Sie war blond und schön. Sie war durchtrieben und schön. Sie war wild und schön. Sie war traurig und schön. Sie war romantisch und schön. Sie war clever und schön. Sie war böse und schön. Sie war eine schöne Mutter. Sie war Tom Cruises schöne Frau.

Und nun ist Nicole Kidman hässlich.

Nur ein paar Monate nach ihrem Auftritt als strahlende «Aquaman»-Mutter Atlanna ist sie ein Weggucker, so richtig zerstört: Ringe unter den Augen, geplatzte Äderchen und Falten im Gesicht, zerrissene Lippen. Dazu ausgezehrt wie ein Junkie – den Titel «Destroyer» hat Kidman wörtlich genommen.

Es ist eine düstere Geschichte, welche die Strahlefrau aus «Moulin Rouge!», «Cold Mountain» oder «Australia» zu diesem drastischen Look getrieben hat. Als alkoholkranker und völlig kaputter Detective liebäugelt Erin Bell (Kidman) bei der Polizei von Los Angeles ständig mit dem Rauswurf. Sie hat eine 16-jährige Tochter, die wegen ihrer Vernachlässigung schon halb auf der schiefen Bahn ist… warum nur? Was hat diese Frau gebrochen?

Erst ein unbekanntes Mordopfer, das die gleichen drei Punkte im Nacken eintätowiert hat wie sie, weckt ihren kriminalistischen Ehrgeiz. Doch nicht nur das, sie verbeisst sich geradezu in diesen Fall, der sie persönlich tangiert. In Rückblenden erfahren wir, wie sie vor 17 Jahren (damals noch schön) zusammen mit ihrem Kollegen Chris (Sebastian Stan) als Paar in die Bankräuber-Gang des skrupellosen Silas (Toby Kebbell) eingeschleust wurde. Irgendetwas muss komplett schief gelaufen sein, aber was nur? Stückchen für Stückchen setzt Regisseurin Karyn Kusama die dramatische Geschichte einer kaputten Polizistin zusammen, die späte Rache für ein verpfuschtes Leben wittert.

«Destroyer» ist ein aufwühlender Film. Ob er tatsächlich ein «Film Noir» ist, wie die Verleiher ihn anpreisen, sei dahin gestellt. Für mich ist es mehr eindringliches Drama als Copmovie, aber geschenkt. Worüber es definitiv keine zwei Meinungen gibt, ist die darstellerische Leistung von Nicole Kidman. Man schwankt zwischen Abscheu und Mitleid für die Protagonistin, was für eine Schauspielerin in diesem Fall das grösste Kompliment ist. Kidman kniet sich so sehr in diesen kaputten Sumpf, in dem Erin Bell wühlt, dass man am Ende froh ist, wieder in die einigermassen geordnete Realität ausserhalb des Kinosaals entlassen zu werden. Aber wahrscheinlich nicht annähernd so froh wie Nicole Kidman, als sie sich am Ende der Dreharbeiten diesen schrecklichen Look zum letzten Mal abschminken konnte.

Es ist keine Rolle, in der man die auf Hawaii geborene Australierin mag. Aber keine Angst, Kidman-Fans, das ist kein Trend! Schon in ihrem nächsten Kinofilm «The Goldfinch» ist Nicole wieder schön (diesmal brünett). Vielmehr arbeitet die als Diva bekannte 51-Jährige emsig daran, die Lücken in ihrem ohnehin schon beeindruckenden Portfolio zu schliessen. Ihr Image der auf Romanzen und Dramen reduzierten Schönheit hat sie längst abgelegt. Bezeichnend, dass Kidman ihren bisher einzigen Oscar denn auch mit falscher Nase als Virginia Woolfe in «The Hours» (2003) gewann. Weitere Gewinne sind nicht ausgeschlossen – vielleicht sogar einmal in einer optisch ansprechenden Rolle.

Im Kino

Destroyer

Filmstart: 4. April 2019
Land: USA 2018
Länge: 121 Minuten
Besetzung: Nicole Kidman, Sebastian Stan, Toby Kebbell
Regie: Karyn Kusama

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