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Julianne Moore: «Jeder wird irgendwann gefeuert»

23. April 2019

 

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Ich durfte Julianne Moore kürzlich in London treffen. Im grossen Interview hat sie mir ja schon verraten, dass «Gloria Bell» wie ein Rorschach-Test funktioniert: «Jeder sieht etwas anderes darin.» Ich hatte die Gelegenheit, mich noch etwas eingehender mit der Oscar-Gewinnerin von 2015 über ihren neusten Film zu unterhalten.

Ist Gloria Bell für Sie mehr Komödie oder Drama?
Es ist natürlich keine Schenkelklopfer-Komödie, aber es ist eine Komödie, die einen zum Nachdenken bringt. Gloria ist nicht verzweifelt und sucht in diesem Club nicht nach einer Beziehung. Sie geht in diesen Club, weil sie gern tanzt, nicht, um jemanden kennenzulernen. Die Begegnung mit diesem Mann kommt dann unerwartet, ist aber nicht unwillkommen.

Ungewöhnlich, dass eine Figur im Zentrum steht, die in den meisten anderen Filmen nur eine Nebenrolle spielen würde.
Genau. Sie spielt sogar in ihrem eigenen Leben manchmal nur die Nebenrolle. Sogar wenn andere diskutieren, sieht man das immer aus ihrer Perspektive. Das ist sehr faszinierend, weil es eine Intimität schafft, die wir sonst nur aus unserem eigenen Leben kennen.

Gloria kämpft gegen das Aufgeben, gegen die Erkenntnis, dass in ihrem Leben nichts mehr kommen wird. Sehen Sie Parallelen zum Filmbusiness, in dem das Alter auch brutal sein kann?
Ich glaube nicht, dass Gloria kämpft. Sie lebt einfach ihr Leben immer weiter. Und das ist so toll an diesem Film: Dass eine Intimität und eine Identifikation mit einer Person aufgebaut wird, mit der man sich sonst gar nicht identifizieren könnte.

Ist es beängstigend/einschüchternd, in fast jeder Szene eines Films zu sehen zu sein?
Das ist eine interessante Frage. Nein, eigentlich ist es je einfacher je mehr Bildschirmzeit man als Schauspieler hat, weil man mehr Zeit hat, um eine Figur zu charakterisieren. Wenn du aber nur eine Szene hast, in die man alles packen muss, das bringt dich um. Das ist die grösste Herausforderung.

Gloria hat mit dem gleichnamigen Cover von Umberto Tozzis Lied einen eigenen Song. Haben Sie auch einen?
Nein, da gibt’s nichts Vergleichbares. Mein absoluter Lieblingssong ist «Brick House» von den Commodores. Das ist mein Jam! Aber beim Autofahren bin ich eher der Hörbuch-Typ. Das finde ich sehr beruhigend.

Wenn Sie Gloria im richtigen Leben treffen könnten, was würden Sie sie fragen?
Sie ist so inspirierend. Mit ihr willst du einfach befreundet sein. Sie ist so bewundernswert, denn trotz ihrer Verletzlichkeit ist sie unzerstörbar. Sie weicht nichts aus, keinen Gefühlen oder Auseinandersetzungen. Das würde ich sie fragen: Wie schaffst du das?

Wie haben Sie Regisseur Sebastian Lelio zum Remake seines eigenen chilenischen Films gebracht?
Ich war so begeistert von seinem Werk, dass ich unbedingt mit ihm arbeiten wollte. Er ist ein aussergewöhnlicher Filmemacher und ein hervorragender Menschenkenner. Als wir uns 2015 in Paris trafen, habe ich ihn dann gefragt.

Warum wollten Sie unbedingt ihre eigene Version von Gloria spielen?
Ich wollte unbedingt mit Sebastian arbeiten. Ich hätte jede Rolle von ihm angenommen. Aber es ist so ungewöhnlich, eine Geschichte zu sehen, die so nahe am Drama ihm wahren Leben ist.

Fragen Sie regelmässig Regisseure an, mit denen Sie gerne arbeiten würden?
Nicht regelmässig, aber es kann vorkommen. Wenn ich ich jemanden für ein Werk bewundere und ich ihn an einem Filmfestival treffe, dann spreche ich ihn an. Das muss nicht in einer Zusammenarbeit münden, aber ich drücke gern meine Wertschätzung aus. Es ist schön, als Oscar-Preisträgerin diese Möglichkeit zu haben. Als junge Schauspielerin hast du die nicht. 

Was halten Sie von Arthouse-Remakes?
Bei ausländischen Filmen passiert das die ganze Zeit. Gute Stoffe wecken halt einfach Interesse. «A Star Is Born» wurde vier Mal gedreht!

Also langweilt Sie das nicht?
«Gloria» ist aus meiner Sicht gar kein Remake. Wir haben etwas neu geschaffen, nicht wiederholt: Wir hatten eine andere Crew, andere Schauspieler, einen anderen Schauplatz, eine andere Sprache. Interessant ist, wenn Sebastian selbst über den Film spricht, denn er musste eine ganz andere Herangehensweise finden. Für uns anderen war es das erste Mal.

Das ist eine Rolle in einem relativ kleinen Film für Sie. Sind solche Rollen wichtig für Sie?
Ja, denn man darf nie aufhören, sich weiter zu entwickeln.

Beim Film «Can You Ever Forgive Me» wurden Sie gefeuert (und durch Melissa McCarthy ersetzt, die später dafür eine Oscar-Nomination erhielt) – als Oscar-Preisträgerin! Ich bin schockiert… passiert das in Hollywood oft?
Jeder wird irgendwann gefeuert, jeder. Das ist einfach das Leben.

Im Kino

Gloria Bell

Die lebensfrohe Gloria (Julianne Moore) ist eine freigeistige, geschiedene Mittfünfzigerin, ihre Kinder sind längst aus dem Haus. Die Tage verbringt sie im Büro, nachts flirtet sie auf Single-Parties und macht den Dancefloor unsicher. Als sie eines Abends Arnold (John Turturro) trifft, verlieben sich die beiden Hals über Kopf. Was als leidenschaftliche Romanze beginnt, stellt sich für Gloria aber bald als emotionale Achterbahnfahrt heraus: Denn Arnolds Ex-Familie ist in ihrem Leben präsenter, als Gloria lieb ist…

Filmstart: 25. April 2019
Land: USA 2019
Länge: 102 Minuten
Besetzung: Julianne Moore, John Turturro, Jean Tripplehorn, Michael Cera
Regie: Sebastian Lelio

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