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Wie überlebe ich einen Psychothriller?

07. Mai 2019

 

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Als ich kürzlich mit drei anderen in der Pressevisionierung von «Greta» sass, diesem exemplarischen Psychothriller mit Frankreichs Grande Dame Isabelle Huppert, habe ich mich gefragt, warum ich mich aufrege. Nicht nur speziell ab diesem Film von Neil Jordan, sondern grundsätzlich bei Filmen dieses Genres. Da traf mich die Einsicht wie ein gut gezielter Kopfschuss: Wegen der Dummheit der Protagonisten. (Natürlich ist mir klar, dass die Schauspieler nur machen, was ihnen der Drehbuchautor diktiert, aber die Rollen suchen sie sich ja selbst aus...)

Mir bleiben nun also drei Möglichkeiten: 1. Nie mehr einen Psychothriller schauen. 2. Trotzdem schauen und immer denken: «Wie blöd bist du eigentlich? Geschieht dir Recht, wenn du gekillt wirst!» 3. Etwas dagegen tun und die Filmwelt mit einem Katalog von «Do's und Don'ts für Psychothriller-Protagonisten» aufrütteln. Ich entscheide mich für die idealistische Variante 3.

1. Warnungen

Ihr werdet in einem Film meistens eine Bezugsperson zur Seite haben, sei das beste Freundin, Saufkumpan oder zumindest jemand aus der Verwandtschaft. Der wird an einem Punkt eine Warnung aussprechen: Hört darauf! Im Fall von «Greta» ist es Frances (Chloë Grace Moretz), die nicht auf Mitbewohnerin Erica (Maika Monroe) hört und die in der U-Bahn gefundene Handtasche unbedingt zurückbringen muss. Grosser Fehler!

Am Anfang war eine unschuldige Handtasche in der U-Bahn.

Frances (rechts) hört nicht auf ihre Freundin Erica…

… und bringt die Handtasche Greta zurück. Selber schuld!

2. Abgrenzung

Das Label «Psychothriller» wird nicht von ungefähr vergeben. Das Genre lebt von Psycho- und Soziopathen oder allgemein psychisch gestörten Menschen. Die geben sich zu Beginn als ganz liebenswerte Zeitgenossen aus, wie die süsse Witwe Greta (Isabelle Huppert). Sie ist einsam, vermisst ihren verstorbenen Mann und ihre in Paris lebende Tochter, blabla. Hütet euch vor lieben, fürsorglichen Menschen, sie wollen nur ihre kranken Triebe ausleben, euch quälen, foltern und/oder töten. Deshalb brecht den Kontakt ab – und zwar sehr bestimmt. Es sind seelisch labile Menschen und werden es eh persönlich nehmen, also zieht die Samthandschuhe aus und schickt die Leute in die Wüste, quick and dirty. Und gebt ihnen ja nicht eure Handynummer (gell, Frances!).

Schnell freundet sich Frances mit Greta an, …

… und macht dann eine schockierende Entdeckung.

Doch leider hat sie Greta ihre Handy-Nummer gegeben.

3.  Instinkt

Wenn ihr schon alle Warnungen in den Wind schlagt, dann folgt doch bitte euren Instinkten

 

Der liebe Gott hat euch etwas auf den Weg gegeben, das generell als «gesunder Menschenverstand» bezeichnet wird. Es ist mir klar, dass euch der von den Drehbuchautoren nicht immer vergönnt ist. Heruntergebrochen auf unsere biologische Identität als Säugetiere kann man auch von Instinkten sprechen. Diese sind dazu da, uns vor Gefahren zu schützen. Also: Wenn ihr schon alle Warnungen in den Wind schlagt, dann folgt doch bitte euren Instinkten. Wenn eine Tür oder Kellertreppe nach ultimativer Gefahr schreit und ihr in eurem Hinterkopf eine bedrohliche Musik hört (die wir als Zuschauer wirklich hören), dann macht rechtsum kehrt und sucht das Weite. Geht raus, ans Tageslicht, unter Menschen – und nicht in den dunklen Keller. Denn da wartet garantiert nichts Gutes auf euch (und das wisst ihr auch, gebt es zu!).

4. Vorsicht

Okay, ihr wolltet nicht hören. Ihr musstet ja unbedingt in dieses Verlies, diese Sackgasse, diesen Keller gehen, aus dem es nur EINEN Ausweg gibt. Der in eurem Rücken liegt. Wenn ihr da also reingegangen seid, dann lasst den Eingang nicht aus den Augen. Falls es einen Schlüssel gibt, nehmt ihn an euch. Falls ihr die Tür blockieren könnt, tut es. Aber haltet euch immer einen Fluchtweg offen, denn es ist garantiert eine Falle (was ihr wiederum an der fiesen Musik im Hintergrund erkennen könnt).

5. Showdown

Beendet den Job, auch wenns hässlich und richtig blutig wird!

 

Gratuliere, liebe Protagonisten, ihr habt es geschafft, bis zum Finale am Leben zu bleiben! Und vielleicht seid ihr sogar auserwählt, den Film auf zwei Beinen zu überstehen, aber das müsst ihr euch redlich verdienen. Um die Nerven der Zuschauer zu schonen, befolgt bitte folgende Anweisungen: Wenn ihr eine Chance habt, den Psycho zu töten, dann fackelt nicht lange. Rührselige Reden oder coole Abschiedssprüche sind nicht angebracht, die gehören in andere Genres. Auch hier gilt die Devise «quick and dirty». Aber Vorsicht: Mit einem Schuss, Schlag oder Stich ist es meistens nicht getan. Also beendet den Job, auch wenns hässlich und richtig blutig wird! Sorgt dafür, dass der Bösewicht auch wirklich tot ist, sei es durch einen humorlosen Kopfschuss, eine solide Ganzkörper-Verbrennung oder eine gepflegte Enthauptung. Nur dann könnt ihr sicher sein, dass er sich nicht nochmals erheben und euch erneut angreifen wird. Ja keine voreiligen Jubel- oder Dankesgesten!

Wenn ihr das alles beherzigt, kommt ihr einigermassen heil aus der Nummer raus. Allerdings habt ihr dann aus einem Psychothriller einen mässig spannenden Actionfilm gemacht. Aber vielleicht lassen sich die Drehbuchautoren dann mal etwas Neues einfallen – und ich muss mich nicht mehr aufregen.

Im Kino

Greta

Frances (Chloe Grace Moretz) , eine niedliche, naive junge Frau, die in New York ihr Glück versuchen möchte, findet in der U-Bahn eine Handtasche. Ohne zu zögern macht sie sich auf die Suche nach der rechtmässigen Besitzerin. Diese entpuppt sich als Greta (Isabelle Huppert), eine etwas seltsame Pianistin mit einer Vorliebe für romantische Musik und einem verzweifelten Bedürfnis nach Gesellschaft. Frances hat kürzlich ihre Mutter verloren und fühlt sich von ihrem Vater entfremdet; Greta hat ihren Ehemann verloren und ihre Tochter lebt weit entfernt. Die beiden werden schnell Freunde – aber diese Freundschaft offenbart bald dunklere Seiten, als Gretas Fixierung auf Frances eskaliert.

Filmstart: 9. Mai 2019
Land: Irl/USA 2019
Länge: 98 Minuten
Besetzung: Chloë Grace Moretz, Isabelle Huppert, Maika Monroe
Regie: Neil Jordan

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