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Corona in Serien

Pandemie-freie Zone

19. November 2020


Corona hat unseren Alltag fest im Griff. Beim Einkaufen, im Tram, auf der Strasse, sogar beim Spazieren sind die Gesichtsmasken allgegenwärtig. Nur solange wir in unseren eigenen vier Wänden sind, können wir dem ganzen Pandemie-Wahnsinn entfliehen. Suchen wir Unterhaltung, ziehen wir uns aufs Sofa zurück und schauen Serien oder Filme. Doch viele dieser Serien spielen in der heutigen Zeit und greifen gesellschaftskritische Themen wie «Me Too», «Black Lives Matter» oder die US-Präsidentschaftswahlen auf. Krimis entführen uns in die Welt der Verbrechensbekämpfung, während Daily Soaps uns mit seichtem Alltag von anderen konfrontieren. Doch Gesichtsmasken waren dort bisher tabu. Wieso?

Dabei ist ja gerade die Unterhaltungsindustrie arg gebeutelt von COVID-19. Dreharbeiten mussten unter- oder gar abgebrochen, Serien- und Staffelstarts hinausgeschoben werden – vom Kino gar nicht zu sprechen. Da läuft hierzulande alles auf Sparstrom, nicht nur punkto 50-Personen-Beschränkung in den Sälen. Da brauchen wir uns nichts mehr vorzumachen: Solange die US-Kinos geschlossen haben, müssen wir auf neue Blockbuster verzichten. «Tenet» bildete da nicht wie erhofft den Anfang, sondern leider die grosse Ausnahme. Wonder Woman, James Bond und Black Widow müssen weiter auf ihren nächsten Leinwand-Auftritt warten.

Haben die Macher von RTL einen vermeintlichen Virus angedeutet und sich dann doch wieder dagegen entschieden?

 

Die Auswirkungen dieses fiesen Virus sind also verheerend und für unsere Gesellschaft einschneidend. Warum wird es also nicht thematisiert? Teilweise scheint die Ausnahmesituation durch. Wie etwa in der letzten Folge der sechsten Staffel von «The Blacklist». Diese Episode konnte wegen des Lockdowns nicht fertig gedreht werden, weshalb sich die Filmemacher zu einem Kunstgriff entschieden: Jene Szenen, die nicht mehr gedreht werden konnten, wurden durch animierte Sequenzen ersetzt. Die Schauspieler kündigten das – mässig gelungene – Experiment vor der Folge aus ihren «Homeoffices» an. Anders die deutsche Daily Soap «Gute Zeiten, schlechte Zeiten»: Im Frühling erlitt Langzeit-Stiefpapa und Serien-Liebling Alexander Köster einen chronischen Husten. Fans der Fernsehserie wussten, dass Clemens Löhr, der über elf Jahre Alexander Cöster verkörperte, die Serie verlassen wird. Eine plötzliche Genesung gefolgt von einem tragischen LKW-Unfall schrieb Löhr dann aber endgültig aus der Sendung. Haben die Macher von RTL hier einen vermeintlichen Virus angedeutet und sich dann doch wieder dagegen entschieden?

Vielleicht ist das Thema zu gross und ganz einfach zu negativ, um wirklich unseren neuen Alltag abzubilden. Eine der Ausnahmen bildete Netflix: Der Streamingriese erklärte Corona nicht nur mit wissenschaftlichem Ansatz in «The Coronavirus Explained», sondern startete im Oktober mit der Anthologie-Serie «Social Distance» auch einen Versuchsballon zum Thema Corona im Unterhaltungssektor: In sechs inhaltlich nicht zusammenhängenden Folgen werden Geschichten in Zeiten von Isolation und Homeoffice erzählt. Realistische, aber fiktive Geschichten, von Schauspielern dargestellt. Doch es ist nicht anzunehmen, dass Netflix diesen Versuch fortsetzt. Denn beim Schauen wird es einem bald einmal zu viel. «Social Distance» ist – dem Titel zum Trotz – zu nah. Die ganzen Probleme von Einsamkeit bis Kommunikations-Missverständnisse: Davon haben wir doch schon im Alltag mehr, als wir ertragen. Wenns denn auch noch nicht einmal dokumentarisch ist, brauchen wir das nicht. Oder in den Worten eines Youtube-Kommentators unter dem Trailer von «Social Distance»: «We don’t need this now. We need it in like 5 years.»

We don’t need this now. We need it in like 5 years.

Horsepro 123, auf Youtube

Und mit dieser Erfahrung hat Netflix wohl die Antwort auf die eingangs gestellte Frage geliefert: Fiktionale Serien schauen wir, um uns zu unterhalten, abzulenken, zu zerstreuen, den Alltag auszublenden. Eskapismus heisst der wissenschaftliche Fachbegriff für das häufigste Motiv für den TV-Konsum. Und sogar, wenn wir Soaps à la «GZSZ» schauen, die eigentlich ja den Alltag simulieren, dann suchen wir dort zwar ein Parallel-Universum, das nahe genug ist, um uns damit zu identifizieren. Aber eben doch weit genug von unseren realen Problemen entfernt ist. Also, liebe Serien-Produzenten: Lasst Corona ruhig weiterhin aussen vor!