Die dunkle Seite der Kinderrechtlerin | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Dok-Kinotipp

Die dunkle Seite der Kinderrechtlerin

27. August 2020

 

:

Während Mutter-Tochter-Beziehungen oft schwierig und von Konflikten geprägt sind, gelten Mutter-Sohn-Beziehungen als sehr eng und emotional. Eigentlich. Kommt von der Mama keine Liebe, dann ist das schlimm für alle Kinder, aber Söhne nehmen das noch etwas persönlicher. Umso mehr, wenn es sich bei der Mutter um eine weltweit angesehene Kinderpsychologin und -rechtlerin handelt.

Martin Miller litt sein Leben lang unter seiner Mutter.

Martin Miller beim ehemaligen Therapeuten seiner Mutter.

Viele Briefe dokumentieren den Konflikt.

Martin Miller ist Psychotherapeut. Doch sein eigenes Trauma hat er mit fast 70 Jahren noch nicht aufgearbeitet. Seine Mutter Alice Miller ist seit 10 Jahren tot, sein Vater gar schon seit 21 Jahren – und dennoch leidet er noch heute unter den beiden. So, wie es seine Mutter, die berühmte Kinderpsychologin und gefeierte Buchautorin es gesagt hatte: «Die Misshandlung eines Kindes wirkt das ganze Leben lang.» Sie hat sich beim Papst stark gemacht für ein Verbot von Gewalt an Kindern, sie hat dem englischen Premierminister Tony Blair einen Brief geschrieben, in dem sie das Schlagen von Kindern scharf verurteilte. Schöne Worte, für die Martin Miller nur ein zynisches Lachen übrig hat: «Mein Vater hat mich über zehn Jahre lang jeden Tag geschlagen, und nicht einmal hat mich meine Mutter vor ihm geschützt.»

Irenka Taurek begleitet Martin Miller auf seiner Suche.

Für sie ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit.

Martin Miller im Gestapo-Archiv in Polen.

Es klingt wie ein schlechter Witz. Leider ist es keiner. Martin Miller schaffte es nicht, diese menschlichen Abgründe zu vergessen, und deshalb begab er sich in Begleitung eines Filmteams auf die Suche nach der Vergangenheit seiner Eltern. Zusammen mit Irenka Taurek, der Cousine seiner Mutter, die mit Alice zusammen aufwuchs, rollt er das Leben seiner Mutter in Polen und Deutschland Schritt für Schritt auf. Bald einmal kommt er auf dieser emotionalen Schnitzeljagd dahinter, warum seine Mutter derart zwiegespalten war: Die Gräuel als Juden im Zweiten Weltkrieg, die sie hautnah miterlebte und die sie für immer veränderten. Doch reicht das, um posthum Frieden mit Alice Miller zu machen?

Regisseur Daniel Howald inszenierte diese Traumabewältigung mit schonungsloser Offenheit, aber auch mit viel Fingerspitzengefühl.

Im Kino

Who's Afraid of Alice Miller?

Filmstart: 27. August 2020
Land: Schweiz 2020
Länge: 100 Minuten
Regie: Daniel Howald