Der König der Durchgeknallten | Coopzeitung
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Der Hype: Tiger King

Der König der Durchgeknallten

07. April 2020

 

Auf Netflix

Tiger King

Land: USA 2020
Altersfreigabe: 16+
Staffeln: Miniserie (7 Folgen)
Besetzung: Joe Exotic, Carole Baskin, Jeff Lowe
Regie: Rebecca Chaiklin, Eric Goode

Eigentlich geht es in dieser Dokumentation um Tiger, Löwen und Leoparde. Um das schändliche Geschäft mit diesen gefährdeten Tieren. Wie diese wunderbaren, anmutigen Raubkatzen in den USA unter alles anderen als artgerechten Bedingungen gehalten werden, um damit Geld zu verdienen oder sich damit zu schmücken. Doch die Parkbetreiber stehlen ihren Katzen nicht nur die Freiheit und Würde, sondern auch die Show in «Tiger King» (deutscher Titel: «Grosskatzen und ihre Raubtiere»). Denn sie sind kriminell, gemeingefährlich, durchgeknallt und allesamt auch nicht übermässig intelligent. Immerhin berühmt werden sie nun. Weltweit.

Doch warum wurde diese Reality-Show zu einem derartigen Erfolg, dass sie bei Netflix auch in Europa auf den Bestenlisten auftaucht? Wie kann es sein, dass diese Freakshow Millionen von Fans generiert, die sich die ganzen sieben Episoden antun, ja geradezu verschlingen?

Die Figuren

Der Tiger King

Joe Exotic

Bürgerlich Joe Schreibvogel, Gründer des «G.W. Zoo» in Wynnewood, Oklahoma. Er hat zwei Ehemänner, später noch einen dritten. Er ist immer bewaffnet, neigt zu Jähzorn und stösst Morddrohungen gegen seine Erzfeindin Carole Baskin auf allen möglichen Kanälen aus.

Das Herzstück des Wahnsinns sind die schrägen Vögel, aus denen einer heraussticht, der nicht zufällig als Titelfigur gewählt wurde: Joe Schreibvogel Maldonado Passage, besser bekannt als Joe Exotic. Der bekennende Schwule hatte sich ursprünglich einmal für das Wohl der Raubkatzen einsetzen wollen, wurde dann aber vom lockenden Geld im lukrativen Tiger-Business korrumpiert und verlor komplett die Bodenhaftung. Er ernannte sich selbst zum Tiger King, machte Country-Musik, betrieb eine eigenen Reality-TV-Kanal, kandidierte für die höchsten politischen Ämter. Er wollte beliebt sein, ein Star, eine nationale Berühmtheit. Er war aber höchstens eine Lachnummer, ein Original – und eine «gute Show», wie es TV-Reporterin Sylvia Corkill so treffend ausdrückt: «Es ist wie bei einem Autounfall: Du kannst einfach nicht wegschauen.»

Die Tierschützerin

Carole Baskin

Tieraktivistin und erklärte Gegnerin der kommerziellen Wildtier-Parks. Betreibt aber selbst einen gut laufenden Park «Big Cat Rescue» in Tampa, Florida, in dem alle Angestellten freiwillig arbeiten. Steht unter dem Verdacht, ihren ersten (vermögenden) Mann umgebracht und spurlos entsorgt zu haben.

Diese Faszination für Freaks ist ein bekanntes Phänomen im Reality TV, und sie ist auch der Treiber des Erfolgs von «Tiger King». Der Kampf für den Tierschutz, der rückt schnell in den Hintergrund. Vielmehr schwenkt das Scheinwerferlicht ganz auf diese verqueren Menschen, die alle ihre ganz egoistische Agenda verfolgen und mit einer Hinterhältigkeit aufeinander losgehen, wie das Raubtiere nie könnten. Gut gegen Böse ist nicht – denn gut ist keine dieser Existenzen. Auch nicht die vermeintliche Tierschützerin Carole Baskin, die zwar beteuert, bis zur Selbstopferung für die Tiger zu kämpfen. Sehr clever ist die Erzählstruktur: Kaum kommt ein Anflug von Mitgefühl oder Verständnis für jemanden auf, wird gleich die nächste dunkle Seite dieses Charakters aufgedeckt. So kommt kein Mitleid auf, und man kann genüsslich zurücklehnen und abwarten, wer wann an die Kasse kommt. Und hoffen, dass am Ende alle dafür gerade stehen müssen, was sie den Tieren antun.

Die Distanz

Der Polygamist

Baghavan «Doc» Antle

Betreiber des Myrtle Beach Safari in South Carolina und Mentor sowie Vorbild von Joe Exotic. Ist immer auf seinem Elefanten unterwegs. Hat gemäss Schätzungen seiner Bekannten zwischen drei und sechs Ehefrauen, die alle ihre Brüste vergrössern lassen mussten.

Amerika ist in diesen Momenten weit, weit weg. Und das ist gut so. In solchen Dokumentationen wird uns bewusst, wie fremd uns diese Gesellschaft ist, wie extrem unzivilisiert aus europäischer Sicht. Diese Geschichte wurde überhaupt erst möglich, weil das Halten von gefährdeten Arten in den USA noch immer nicht verboten ist. Das geht doch nicht! Und dann natürlich das Cowboy-Gesetz, welche das Tragen von Waffen jedem erlaubt, ungeachtet von Vorstrafen, Intelligenz oder Sozialkompetenz. Da laufen Tausende tickender Zeitbomben herum. In Europa wären solche dubiosen Parks mit dahergelaufenen Ex-Sträflingen, die sich ohne jegliche Erfahrung um Tiere kümmern dürfen, überhaupt nicht möglich. Da scheint der Atlantik noch etwas grösser zu sein als ohnehin schon. Dieses Das-darf-doch-nicht-wahr-sein-Gefühl ist ein ständiger Begleiter, der es uns einfacher macht, diese im Grunde tieftraurige Geschichte als Unterhaltung zu empfinden.

Die Dramaturgie

Der Playboy

Jeff Lowe

Dubioser «Geschäftsmann» mit krimineller Vergangenheit, der die Raubkatzen vor allem dazu benutzt, an Frauen heranzukommen: «Small pussies bring bigger pussies.» Wird von Joe Exotic als Retter des G.W. Zoos angepriesen, hintergeht diesen aber und übernimmt den Park selbst.

Last but not least muss ich die Filmemacher erwähnen: Es ist dieselbe Crew, die uns schon in «Fyre» genüsslich das Scheitern eines total überrissenen Luxus-Musikfestivals in der Karibik erzählt hat. In allen Facetten. Die Leute wissen also, welche Stoffe die Leute gerne sehen und vor allem, wie man sie erzählen muss. Denn «Tiger King» ist mehr als nur eine Dokumentation. Die Geschichte um Joe Exotic, sein Aufstieg zum «Tiger King» und sein Fall zum verurteilten Auftraggeber eines Mords, ist Drama, Tragikomödie und Thriller zugleich. Jede Folge endet mit einem cleveren Cliffhanger, der einem fast keine andere Wahl lässt, als weiter zu schauen. Die Spannung wird über die sieben Episoden dieser Miniserie kontinuierlich aufgebaut – inklusive offenes Ende. Denn über eine Fortsetzung der gleichzeitig irren und tieftraurigen Saga aus dem Land der unbegrenzten Absurditäten wird nicht nur spekuliert, sondern sie soll offenbar Tatsache werden: Im Sequel soll es um die Geschichte von Don Lewis gehen, Carole Baskins verschwundenem Ehemann. Grund für die Fortsetzung ist, dass die Filmcrew noch reichlich gutes Material im Kasten hat. Gut heisst in diesem Fall krank. Und kranke Stoffe bringen Zuschauer. Das ist das Prinzip von Trash TV – nur dass bei «Tiger King» die Menschen leider auch in Wirklichkeit so sind.

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