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Kinotipp: Jean Seberg

Im Visier des FBI

16. September 2020

 

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Zur Zeit ist es nicht ganz einfach, dunkelhäutige Menschen politisch korrekt zu bezeichnen. «Schwarz» und «Weiss» sind dieser Tage emotional sehr aufgeladene Wörter, die mit Bedacht eingesetzt werden wollen – auch wenn die Gleichberechtigungsbewegung «Black Lives Matter» heisst. Was auch immer man diesen begrifflichen Diskussionen hält: Immerhin sind wir heutzutage schon Lichtjahre weiter als noch vor 50 Jahren. In den 60er-Jahren war sogar noch das verabscheuenswürdige «N»-Wort gang und gäbe. Die logische Folge davon war die «Black Panther Party», eine sozialistische revolutionäre Bewegung des schwarzen Nationalismus in den USA. Und hier kommt die blonde, hellhäutige französische Schauspielerin Jean Seberg ins Spiel, die 1968 wieder einmal von ihrem Hauptwohnsitz Paris nach Hollywood flog.

Jean Seberg hasste das «Nette Mädchen»-Image.

Ihr Mann Romain, mit dem sie einen Sohn hat, geht fremd.

Black-Power-Aktivist Hakim Jamal fasziniert sie auf Anhieb.

Im Flugzeug begegnet die Nouvelle-Vague-Ikone Seberg (Kristen Stewart) Hakim Jamal (Anthony Mackie). Die Schauspielerin, ohnehin genervt durch die Oberflächlichkeit Hollywoods ist auf Anhieb fasziniert vom charismatischen Black-Power-Aktivisten und posiert nach der Handlung spontan neben ihm mit der gereckten Faust. Kleine Geste, grosse Wirkung: Dadurch lenkt sie ihr Leben auf ein fatales Gleis. Das FBI observiert nämlich Jamal schon seit längerer Zeit, und nun rückt Jean in den Fokus der Ermittlungen. Die Special Agents Jack Solomon (Jack O'Connell) und Carl Kowalski (Vince Vaughn) werden auf J. Edgar Hoovers direkten Befehl darauf angesetzt, die Schauspielerin komplett zu überwachen. Als dann auch noch die Anweisung kommt, Jean Sebergs Ruf durch deren Affäre mit Jamal zu ruinieren, um die Black Panther in Aufruhr zu versetzen, bekommt Solomon Gewissensbisse. Sein Partner setzt indes genussvoll wahre und falsche Gerüchte in Umlauf. Jean droht an ihrer – durchaus berechtigten – Paranoia psychisch zu zerbrechen...

Jean beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Jamal,

was nicht nur dessen Frau Dorothy misstrauisch macht,

sondern auch das FBI um Special Agent Jack Solomon.

Bevor wir zu dem Problem des Films kommen, dürfen wir die Hauptdarstellerin nicht unerwähnt lassen. Seit Jahren spielt die 30-Jährige erfolgreich gegen ihr Teenie-Image aus «Twilight»-Zeiten an. Bunt mischt sie Mainstream und Arthouse, greift in ihrer Rollenwahl auch mal ins Klo («Charlie's Angels»), beweist aber immer wieder ihr unbestrittene Klasse. So auch als naive, zur Depression neigende Jean Seberg, die von ihrem Leben im Scheinwerferlicht überfordert ist und auf der verzweifelten Suche nach einer sinnvollen Aufgabe in die Falles des FBI tappt. Stewarts intensive One-Woman-Show wird durch die exquisit besetzten Nebenrollen ergänzt und gar noch aufgewertet.

Jean wird zunehmend paranoid, fühlt sich von allen Seiten beobachtet.

Dorothy Jamal hasst Jean und will ihren Mann zurückhaben.

Jacks Partner Kowalski ist jedes Mittel recht, um Jeans Ruf zu ruinieren.

Hauptdarstellerin Kristen Stewart und Regisseur Benedict Andrews.

Fassen wir zusammen: Starker Originalstoff, starker Cast, aktueller Bezug – ja, was fehlt denn? Es ist das Drehbuch, das schwächelt. Der ganze Film wurde als Biografie vermarktet, vielleicht sogar ursprünglich so geplant. Doch das Endresultat ist weder eine Abhandlung des Lebens von Jean Seberg noch die Reduktion auf die tragischen letzten Jahre in der ganzen Breite. Nein, es ist eigentlich ein Drama über die illegale Abhöraffäre des FBI, aber einfach falsch verpackt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Filmemacher sich zu sehr von der plötzlich wieder brandaktuelle Rassismus-Thematik im Zuge der «Black Lives Matter»-Bewegung beeinflussen liessen. Dadurch geht die Tragik von Jean Sebergs Leben fast etwas unter und verliert sich der Film zwischen Biografie, Rassendrama und Abhörthriller. Am Ende bleibt ein Gefühl, das allerdings perfekt zu Jean Sebergs kurzem Leben passt: Plötzlich war es vorbei.

Im Kino

Jean Seberg – Against All Enemies

Filmstart: 17. Oktober 2020
Land: UK/USA 2019
Länge: 102 Minuten
Besetzung: Kristen Stewart, Jack O'Connell, Anthony Mackie
Regie: Benedict Andrews