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Kinotipp: Moskau Einfach!

Big Brother Schweiz

12. Februar 2020

 

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Im Herbst 1989 ist die linke Szene in Zürich in Aufregung: Erich Honecker gibt seinen Rücktritt, die Berliner Mauer droht zu fallen, und die Schweiz stimmt über die Abschaffung der Armee ab! Entsprechend steigt auch der Puls bei Marogg (Mike Müller), dem Chef der Geheimpolizei. Die Kommunisten könnten jederzeit in die Schweiz einmarschieren, weshalb Hunderttausende in der Schweiz überwacht werden: Die Fichen füllen ganze Zimmer mit Akten. Marogg wittert den Kern der kommunistischen Verschwörung im Schauspielhaus Zürich, das gerade erst einen neuen Intendanten aus Österreich engagiert hat. Weil sich sein Mitarbeiter Viktor Schuler (Philippe Graber) besonders durch Gewissenhaftigkeit in Sachen Spitzelei hervortut, schlägt er ihm kurzerhand vor, sich mit einer verdeckten Identität unter das linke Pack der Schauspieler zu schmuggeln und die verdächtige Schauspielerin Odile Lehmann (Miriam Stein), die Tochter von Oberst Lehmann, dem Vorsteher der Geheimpolizei, zu überwachen.

Obwohl es dem steifen Bünzli Viktor schwer fällt, sich von Seitenscheitel, Schnauz und Krawatte zu trennen, bewirbt er sich mit Strubbelfrisur, Jeansjacke und Pullover als ehemaliger Matrose Walo Hubacher für die Rolle eines Statisten in der neuen Adaption von Shakespeares «Was ihr wollt». Der Plan gelingt. Trotz seines etwas verkrampften Auftretens kommt Viktor bei den Theaterleuten gut an und offenbart sogar Talent fürs Schauspielern. Gleichzeitig denunziert er fleissig den Intendanten Carl Heymann (Michael Maertens), der die attraktive Odile gnadenlos ausnutzt. Und siehe da: Der verklemmte Beamte beginnt, sich in dem ungezwungenen Haufen wohlzufühlen. Zu wohl. Denn als sich Viktor in sein Zielobjekt verliebt, muss er eine folgenschwere Entscheidung treffen: Auftrag oder Liebe?

«Moskau Einfach!» stammt aus der Feder eines Betroffenen. Micha Lewinsky rief als 14-jähriger Schüler wegen einer Auskunft in der russischen Botschaft in Bern an und wurde dafür von der Kantonspolizei Zürich postwendend fichiert. Kein Grund zum Lachen, könnte man denken. Dennoch entschloss er sich, eine Komödie daraus zu machen. «Mich hat die damalige Wahrnehmung der Welt interessiert», betont der heute 47-jährige Lewinsky. «Ich habe grosses Verständnis für die Ängste während des Kalten Kriegs. Anfangs sei das Thema Fichen für ihn im Hintergrund: «Vielmehr haben mich die Insider fasziniert, die Spitzel der Polizei im linksautonomen Millieu.» Die Vorstellung, wie sich diese Polizisten, die meist vom Land kamen, in der Zürcher Jugendszene verstellen mussten, amüsierte ihn. Lange Zeit war das Projekt auf Eis gelegt, bis vor drei Jahren mit der Idee, das Setting ins Umfeld des Theaters zu verlegen der Durchbruch gelang. Herausgekommen ist ein doppelbödiges Kammerspiel, das durch feinen Humor und starke Schauspieler besticht: eine unterhaltsame Geschichtslektion.

Im Kino

Moskau Einfach!

Filmstart: 13. Februar 2020
Land: Schweiz 2020
Länge: 99 Minuten
Besetzung: Philippe Graber, Miriam Stein, Mike Müller
Regie: Micha Lewinsky