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Kinotipp

Platzspitzbaby

13. Januar 2020

 

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Interview

«Ich verfolge keinen Karriereplan»

Eine Baslerin in Zürich: Sarah Spale hätte sich für ihre Rolle als Junkie eine «richtig rotzige Zürischnurre» gewünscht.

Aktuell ermittelt Sarah Spale (39) im Fernsehen wieder als Kriminalkommissarin Rosa Wilder, ab dem 16. Januar vernachlässigt sie im Kino als Drogenabhängige in «Platzspitzbaby» ihre Tochter. «Schön, dass ich so unterschiedliche Rollen spielen darf», sagt die Baslerin.

Menschliche Wracks mit leerem Blick und Berge von Dreck – wer die offene Drogenszene am Platzspitz oder später am Letten mit eigenen Augen erlebt hat, wird die Bilder nie mehr los. Man kann es sich nicht vorstellen, wie das durch die Augen eines Kindes gewirkt haben muss, vor allem, wenn die eigene Mutter in jenes Elend verstrickt war. Oder man liest einfach das Buch «Platzspitzbaby» der beeindruckenden Lebensgeschichte von Michelle Halbheer, das nun als gleichnamiger Film ins Kino kommt. Mit einer zwölfjährigen Protagonistin, die ein beeindruckendes Schauspieldebüt hinlegt.

Mia holt ihre Mutter mit Papa vom Platzspitz.

Nun heisst es: Ab aufs Land.

Trost findet Mia bei ihrem Hund

und einem imaginären Freund.

Allerdings muss man präzisieren, was Produzent Peter Reichenbach schon anlässlich der Dreharbeiten im Mai 2019 betonte: «Es ist keine verfilmte Biografie, sondern ein von Buch inspirierter Spielfilm.» Trotzdem ist es die Geschichte von Michelle Halbheer, weshalb oberste Priorität genoss, dass sie mit André Küttels Drehbuch einverstanden war. «Der Schritt zurück war für mich ein schwieriger Prozess, aber ein notwendiger», sagt Michelle Halbheer. Ihre Intention für den Film ist dieselbe wie für das Buch: «Er soll Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind, Hoffnung und Kraft geben. Solchen Leuten, die mit der Realität überfordert und eigentlich nicht böse sind.» Womit sie ihre Mutter anspricht.

Doch bald geht es wieder abwärts mit Sandrine.

Zwar liebt sie ihre Tochter Mia sehr,

doch die Drogensucht ist stärker.

Immerhin findet Mia Freunde mit ähnlichen Problemen.

Der Film setzt im Frühjahr 1995 ein, mit der Schliessung der offenen Drogenszene in Zürich. Drei Jahre, nachdem sich die Szene vom Platzspitz ein paar Hundert Meter abwärts der Limmat an den stillgelegten Bahnhof Letten verlegt hatte, war definitiv Schluss: Die Drogensüchtigen wurden in die Gemeinden abgeschoben. Im Fall von Sandrine (Sarah Spale) handelte sich dabei um Wald ZH. Beim Neustart soll ihr die zwölfjährige Tochter Mia (Luna Mwezi) helfen, die Sandrine nach der Trennung von Mias Vater unter Androhung von Selbstmord mit ins Zürcher Oberland genommen hat – ein weiteres Zeugnis der missglückten Drogenpolitik.

Zunächst sieht das Ganze vielversprechend aus. Sandrine ist seit 32 Tagen clean und Mia hoffnungsfroh, obwohl sie ihren Vater schrecklich vermisst. Doch dann trifft Sandrine einen alten Bekannten aus ihrer Drogenzeit, der sie umgehend in die örtliche Szene einführt. Und nun dreht die Spirale wieder abwärts. Trost für die Erniedrigungen ihrer Mutter findet Mia in einem imaginären Freund und einer Gruppe von Aussenseitern: Mitschülern, die wie sie unter einem schwierigen Elternhaus leiden. Doch Mia will ihre Mutter nicht aufgeben, sondern kämpft für ihren Traum: Eine Reise auf die Malediven. Wenn da nur nicht die harte Realität wäre...

Der Film mit einem Budget von 3,1 Millionen Franken wurde in 31 Drehtagen in den Kasten gebracht. Er sei ein Drama, das nicht deprimieren soll, sagte Michelle Halbheer letzten Frühling. Ehrlich gesagt: «Platzspitzbaby» ist harte Kost – speziell für Eltern. Was ein Kompliment nicht nur an den «Wilder»-Regisseur Pierre Monnard zu werten ist, sondern vor allem auch an die beeindruckenden Hauptdarstellerinnen Sarah Spale und Luna Mwezi. Dennoch ist der erste Film über das düstere Kapitel offene Drogenszene ein wichtiges Zeitdokument für die Schweiz. Und ein Mahnmal für die Drogen- und Familienpolitik.

Im Kino

Platzspitzbaby

Filmstart: 16. Januar 2020
Land: Schweiz 2019
Besetzung: Sarah Spale, Luna Mwezi, Emilio Marchisella
Regie: Pierre Monnard