Die zerrissene Frau | Coopzeitung
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Kinotipp: Schwesterlein

Die zerrissene Frau

03. September 2020

 

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Im Kino

Schwesterlein

Filmstart: 3. September 2020
Land: Schweiz 2020
Länge: 99 Minuten
Besetzung: Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller
Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond

Kämpfen, hoffen, bangen: Eine Krebsdiagnose ist für jede Familie eine immense emotionale Herausforderung. Als bei ihrem Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger) eine aggressive Leukämie festgestellt wird, ist für Lisa (Nina Hoss) klar, dass sie nun für ihn da ist. Die ehemals erfolgreiche Theaterautorin hat ihr Künstlerleben ohnehin hintenangestellt, um ihren Mann bei dessen Karriere zu unterstützen: Seit drei Jahren ist Martin (Jens Albinus) Direktor einer renommierten internationalen Eliteschule in Leysin. Als eine Knochenmark-Transplantation zur Debatte steht, zögert Lisa nicht. Sie kehrt dem beschaulichen Familienleben in den Schweizer Alpen den Rücken und für diesen Eingriff nach Berlin zurück. Vorübergehend. Denn für sie ist klar: Sven, der gefeierte Bühnenschauspieler, wird bald wieder als Hamlet bejubelt werden.

Doch während Lisa verzweifelt versucht, ihrem Bruder ein Ziel und somit eine Motivation für den schmerzhaften und langwierigen Kampf gegen den Krebs zu geben, wirft ihr das Umfeld immer neue Knüppel zwischen die Beine: Die Mutter (Marthe Keller) ist von der Situation komplett überfordert und macht Sven gar noch Vorwürfe wegen seiner Krankheit, und Svens Regisseur David (Thomas Ostermeier) weigert sich, auf einen todkranken Hauptdarsteller zu setzen. Zu allem Überfluss gerät auch noch Lisas Ehe in Schieflage, weil sich Martin in Leysin längerfristig verpflichten, sie aber lieber mit ihrer Familie nach Berlin zurückkehren möchte. Ist sie denn die Einzige, die an Svens Genesung glaubt?

«Schwesterlein» ist nicht einfach nur ein Krebsfilm. Nein, die beiden welschen Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond haben vor allem eine Frau ins Zentrum ihrer Geschichte gestellt, die in eine Sackgasse geraten ist. Ihren Lebenstraum, das Theater, hat Lisa für die Karriere ihres Mannes nicht gerade beerdigt, aber zumindest auf Eis gelegt und merkt durch Svens Krankheit erst, wie unzufrieden sie geworden ist. Eben noch in der scheinbar perfekten Familien-Harmonie findet sie sich unvermittelt an einem Scheideweg wieder: Was muss sie opfern, um wieder zu persönlichem Glück zu finden?

Nicht zuletzt ist der Film aber auch eine Liebeserklärung ans Theater und hat für die Protagonisten schon fast autobiografische Züge: Die brillanten Nina Hoss und Lars Eidinger kennen sich seit ihrem gemeinsamen Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, während Thomas Ostermeier im richtigen Leben tatsächlich seit Jahren Eidingers Theaterregisseur in Berlin ist. Zusammen ist ihnen ein packender Kinofilm gelungen, der einem schon fast schmerzhaft vor Augen führt, wie zerbrechlich das eigene Leben sein kann, wenn man nicht kompromisslos seinem Herzen folgt.