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Kinotipp: Sous la peau

Transgender – mein wahres Ich

17. Juni 2020

 

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LGBTQIA+. Es kommen immer mehr Buchstaben dazu, und das ist gut so. Die Natur hat die Menschheit weit vielfältiger gestaltet als nur in heterosexuelle Männlein und Weiblein. Dass dieses Bewusstsein so langsam in den Köpfen ankommt, zeigt Hollywood. Die Traumfabrik ist immer ein guter Indikator, aber auch Treiber für gesellschaftliche Themen. Hilary Swanks Oscar für ihre Rolle einer Transsexuellen in «Boys Don't Cry» ist zwar auch schon wieder 21 Jahre her, aber in den letzten Jahren suchten immer mehr Produktionsstudios Transgender-Schauspieler für Serien wie «Orange Is the New Black», «Tales of the City» oder «The L-Word».

«Le Refuge» in Genf

Das ist gut und wichtig. Aber noch viel wichtiger ist, dass auch die Realität gezeigt wird. Hier und heute in der Schweiz. Der Genfer Filmemacher Robin Harsch, selber Vater von zwei Söhnen, hat sich mit seinem Dokumentarfilm «Sous la peau» dieser Thematik mit viel Einfühlungsvermögen angenommen. Herausgekommen ist ein Werk, das den Zuschauer sofort packt. Die drei Protagonisten wurden alle im falschen Körper geboren: Logan und Söan als Mädchen und Effie Alexandra als Junge. Jahrelang fühlten sie sich unwohl, wurden gehänselt und wollten nur raus aus ihrer Haut. «Es ist wie ein Gefängnis», sagt der 17-jährige Logan, der wegen seiner Brüste seit fünf Jahren nicht mehr Schwimmen war. Beim «Ausbruch» fanden die drei grosse emotionale Unterstützung im Genfer Empfangscenter für LGBTQ-Jugendliche «Refuge».

«Es ist wie ein Gefängnis.»

Logan

Söan und seine Eltern

Doch der Entscheid, den eigenen Körper dem geistigen und emotionalen Geschlecht anzugleichen, ist erst der Beginn einer Reise, gesäumt mit Hindernissen. Als ob die körperlichen Behandlungen nicht schon genug wären, müssen sie sich auch mit den gesellschaftlichen Konventionen herumschlagen, die nicht auf sie vorbereitet sind: Namenswechsel, Verhalten der Schulkameraden, Festlegen der Garderobe beim Turnen. Ganz zu schweigen von den Eltern, die sich mit der äusserlichen Veränderung ihrer Kinder abfinden müssen. Und da sind wir auch schon beim Zuschauer: Unweigerlich stellt man sich Fragen: Wie würde ich reagieren, wenn das mein Kind, mein Freund, mein Mitschüler, mein Lehrling wäre? Sich in diese Jugendliche hinein zu versetzen, ist nicht möglich, wenn man es nicht am eigenen Leib erlebt. Und trotzdem möchte man mehr wissen über das Phänomen Transgender, das hoffentlich bald ganz normaler Teil unserer Gesellschaft sein wird. Deshalb habe ich mich an zwei der drei Protagonisten des Films gewandt.

Effie Alexandra

Musstest du lange überlegen, ob du beim Filmprojekt mitmachen willst? Musstest du dich dazu überwinden?
Effie Alexandra: Man hat immer seine Befürchtungen, weil man oft Menschen begegnet, die nicht aufrichtig oder sensationslustig gegenüber diesem Thema sind. Ich habe mir Zeit genommen, um Robin kennenzulernen. Ich wollte mich versichern, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind. Als ich mir dann sicher war, hatte ich die vollste Überzeugung, dass dieses Projekt anderen Personen helfen wird, die in der gleichen Situation sind wie ich. Überwinden musste ich mich nicht, denn Robin hat mir geholfen, mich vor der Kamera zu entspannen. Ich fühlte mich stärker und motiviert, anderen damit zu helfen.
Logan: Bis zum Start des Projekts musste man mich schon sehr dazu motivieren.

Logan

Denkst du, das Publikmachen des Themas Transgender hilft der LGBTQIA+-Bewegung?
Logan: Ja, das wird der Bewegung helfen. Aber nur, wenn es gut gemacht ist: mit den richtigen Begriffen, den richtigen Bezügen und mit der korrekten Behandlung des Themas.
Effie Alexandra: Ich weiss nicht, ob das Projekt der ganzen Gemeinschaft LGBTQIA+ helfen wird, aber ich bin überzeugt, dass dieser Film die Denkweise weiterbringt, die Leute dazu bringt, darüber zu sprechen und die Realität zeigt, die man nur sehr selten sieht. Vor allem aber kann dieser Film eine Referenz werden für Transgender-Menschen und deren Umfeld.

Um gleich bei den richtigen Begriffen zu bleiben: Du hast dein «Genre» geändert. Fühlst du dich nun immer noch als Transgender oder eher als Mann bzw. Frau?
Effie Alexandra: Ich war immer eine Frau, sogar als ich dazu gezwungen war, ein männliches Aussehen zu haben. Die Änderung meines Geschlechts oder meiner physischen Erscheinung hatte nie einen Einfluss auf mein Gefühl, aber natürlich bin ich heute 1000 Mal glücklicher mit meinem Körper. Für mich ist diese «Umwandlung» nur eine vorübergehende Phase mit Dingen die man tun muss – Hormone nehmen, den Körper ans Empfinden anpassen –, dann geht das Leben weiter. Toujours Femme!
Logan: Ich bin ein Mann. Das Wort «Trans» wurde von der Gesellschaft erfunden, um den biologischen Mann vom Mann mit einem weiblichen Geschlecht zu unterscheiden, aber schlussendlich bin ich für mich ganz einfach ein «Mann».

«Ich glaube, das wir alle zusammen das Recht haben, anders zu sein, uns zu lieben wie wir sind, gleichwertig zu sein und in Gleichheit zu leben.»

Effie Alexandra

Ist es dein Ziel, einfach als Mann/Frau wahrgenommen zu werden, oder wirst du immer ein Mitglied von LGBTQIA+ sein?
Logan: Ich denke nicht, dass man es Ziel nennen könnte. Aber wir wollen gesehen werden, wie wir sind. Einerseits fühle ich Solidarität zu meiner Gemeinschaft «Transgender», andererseits bin ich einfach ein Mann wie alle anderen. 
Effie Alexandra: Wie man wahrgenommen wird – das ist das grosse Thema! Mit den Jahren habe ich gelernt, dass die Art, wie mich die Leute sehen, nicht so wichtig ist. Es gibt Leute, die mir sagen «Du bis ein Mann, der sein Geschlecht gewechselt hat» oder «Du bist eine Frau, aber du hast eine tiefe Stimme und grosse Hände». Ich sehe und fühle mich als Frau, alles ist zu 90 Prozent stimmig. Diese Tatsache macht mich sehr glücklich. Ich bin mir des atypischen Wegs bewusst, den ich gehen musste. Ich denke, genau dieser Weg motiviert mich, im Alltag anderen Trans-Menschen zu helfen. Ich gehöre weiterhin zur Gemeinschaft LGBTQIA+, aber ich glaube, das wir alle zusammen das Recht haben, anders zu sein, uns zu lieben wie wir sind, gleichwertig zu sein und in Gleichheit zu leben. Genau für diese Werte kämpfen wir zusammen.

«Transgender betrifft die Geschlechtsidentität und hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun.»

Robin Harsch, Regisseur

Regisseur Robin Harsch hat durch diesen Film enorm viel gelernt. Ihm soll das Schlusswort gehören: «Bevor ich diese jungen Menschen kennengelernt habe, hatte ich keine Ahnung von Transgender. Nun weiss ich aus eigener Erfahrung, dass diese Leute ganz genau gleich sind wie alle anderen. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie im Missklang mit dem Geschlecht sind, in das sie geboren wurden. Das ist ein grosser Unterschied, aber keiner, der verhindert, dass man sie als normal wahrnimmt. Ebenfalls gelernt habe ich, dass es wesentlich ist, Transgender von der Homosexualität zu unterscheiden: Transgender betrifft die Geschlechtsidentität und hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Ich hoffe, dass durch diesen Film jene Leute, die das bisher ignorierten, nun aufhören, sich zu irren.»

Im Kino

Sous la peau

Filmstart: 25. Juni 2020
Land: Schweiz 2020
Länge: 85 Minuten
Regie: Robin Harsch