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Kinotipp: Woman

2000 Frauen, 1 Botschaft

08. Juni 2020

Als Familienvater und Ehemann, der versucht, seine Rolle zuhause partnerschaftlich und möglichst gleichberechtigt zu leben, hat man es zuweilen nicht ganz leicht. Geht es um patriarchalische Klischees, die «MeToo»-Bewegung oder allgemein die Anerkennung der Gleichbehandlung von Mann und Frau, wird man oft in Sippenhaft genommen. Männer sind einfach so… Aber ich kann euch sagen: Es gibt auch die anderen. Und als solcher Mann – ich hoffe, es ist die Mehrheit – wird man immer wieder mit seiner Naivität konfrontiert, wenn es um sexuelle Übergriffe oder schon nur verletzende Anzüglichkeiten im Alltag geht. Ich habe gerade kürzlich im Gespräch mit einer Arbeitskollegin festgestellt, dass ich keine Ahnung habe, wie hoch diese Dunkelziffer ist.

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Je mehr man die gleichberechtigte Rollenverteilung intus hat, desto negativer stossen einem diese Klischees auf. Frauenrechtlerinnen könnten nun sagen: «Geschieht euch recht, nun geht es euch wie uns Frauen in den letzten Jahrhunderten!» Der Kampf für die Emanzipation ist ein Kampf für Gerechtigkeit. Was das nun mit diesem Dokumentarfilm zu tun hat? Nun, wenn man diese vielen Frauen unterschiedlichster Nationalität, Hautfarbe und Religion sprechen hört, kommt wieder dieses Ungerechtigkeitsempfinden hoch. Aber nur zu Beginn.

Jede Kultur hat ihre eigenen Traditionen.

Doch ob sie nun Cowgirl oder Mutter sind:

Alle Frauen verdienen Respekt und Würde.

Denn je mehr man hört von diesen Frauen, umso mehr begreift man, auf welch hohem Niveau wir in Mitteleuropa über die noch nicht erreichte Gleichbehandlung von Mann und Frau jammern. Nicht falsch verstehen: Diesen Missstand müssen wir so bald wie möglich beheben, und jeder Übergriff ist einer zuviel. Aber was diese Frauen aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien erlebt haben, da bleibt einem die Sprache weg, da kommt man sich klein und naiv vor. Man kann sich gar nicht vorstellen, mit welcher Arroganz und Selbstverständlichkeit sich Männer in anderen Kulturen anmassen, das überlegene Geschlecht zu sein – und mit welcher Grausamkeit sie dieses kranke Weltbild durchzusetzen versuchen. Aber eben: Vielleicht ist das in unseren Breitengraden ebenso, nur läuft es versteckter ab und ich nehme es weniger wahr.

Die Regisseure: Yann Arthus-Bertrand und Anastasia Mikova.

Sie reisten in insgesamt 50 Länder

Und gaben 2000 Frauen eine Stimme.

Diese Frauen haben Schlimmes durchgemacht. Sie haben emotionale Narben davongetragen, die wohl ein Leben lang schmerzen werden. Gleichzeitig, und das macht diesen Film, der praktisch nur aus Interviews besteht, so wunderbar und eindrücklich: Diese Menschen legen einen unglaublichen Lebensmut an den Tag. Sie sind stolz, Frauen zu sein, und diesen Stolz strahlen sie aus. Sie sind stärker als der Hass und somit unantastbar für alle Peiniger und Chauvinisten dieser Welt. Nun haben sie auch eine Stimme.

Wird die Menschheit es je schaffen, dass Geschlecht, Ethnie oder Glaube auf der ganzen Welt keine Rolle mehr spielen? Ich hoffe es. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist «Woman». Diese Frauen haben etwas zu sagen, das die ganze Welt hören soll. Wir Männer, die wir uns über Klischees empören, hören gerne zu.

Im Kino

Woman

Filmstart: 6. Juni 2020
Land: Frankreich 2019
Länge: 108 Minuten
Regie: Anastasia Mikova, Yann Arthus-Bertrand