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Netflix-Tipp: Miss Americana

Die Emanzipation der Taylor Swift

30. Januar 2020

Coming-of-Age-Geschichten kennen wir vor allem aus fiktionalen Filmen und Serien: Junge Leute machen auf dem Weg in Richtung Erwachsensein den entscheidenden Schritt in der Charakterbildung – meistens durch ein Schlüsselerlebnis. Nun erzählt eine der erfolgreichsten Sängerinnen überhaupt ihre eigene, absolut nicht fiktionale Geschichte des Erwachsenwerdens: Taylor Swift. Den Country-Pop-Superstar ereilte dieses Schlüsselerlebnis im Moment des absoluten Erfolgs: Bei den MTV Music Awards 2009 hält sie die Siegerrede für das Video des Jahres, als ihr der grosse Kanye West das Mikrofon aus der Hand reisst und sagt, nicht sie hätte die Auszeichnung verdient, sondern Beyoncé.

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Für die damals 19-Jährige kam diese Respektlosigkeit dem Verlust der Unschuld gleich. Auf den sozialen Medien brach ein Shitstorm über Taylor herein, der sie komplett aus den so sorgfältig gebauten Schienen warf. Zeit ihres Lebens war sie darauf bedacht gewesen, jene Rolle zu spielen, die alle von ihr erwarteten: das strahlende, lächelnde Mädchen, das artig danke und nie etwas Ungehöriges sagt. Doch plötzlich schien sich dieses Image nun gegen sie zu wenden: Sie musste Vorwürfe hören, sie sei zu perfekt, habe Essstörungen und zu viele Männer. Kanye West machte an seinen Konzerten zusätzlich gegen sie mobil: «Fuck Taylor Swift!» Ausblenden konnte sie diese Widerwärtigkeiten nicht, denn sie hatte ihr Weltbild auf Bestätigung und öffentliches Lob aufgebaut: «Ich war besessen davon, immer das Richtige zu sagen.» Die stets fröhliche Songwriterin stand vor der Depression.

Büsi auf dem Piano: Taylor Swift zeigt sich in dieser Dokumentation ungeschminkt.

Ausgerechnet ein weiteres schlimmes Erlebnis brachte ihr dann die Kraft, sich selbst neu zu definieren. Sie gewinnt eine Klage der sexuellen Belästigung gegen den Ex-DJ David Mueller, der ihr unter den Rock gefasst hatte und beschliesst, sich fortan für die Rechte der Frauen einzusetzen. Ihr erster politische Post kommt einem Befreiungsschlag gleich – Taylor Swift, das Country-Girls aus Tennessee, wird zur Frau.

Emmy-Gewinnerin Lana Wilson hat Taylor Swift hautnah begleitet und weiss mit einem schlüssigen Mix aus privaten Archivaufnahmen, News-Beiträgen und eigenem Filmmaterial zu überzeugen. Wer sich schon immer gewünscht hat, so populär wie Taylor Swift zu sein, wird das nach diesem Film vielleicht nochmals überdenken. Der Superstar zeigt mit entwaffnender Ehrlichkeit, wie einsam und traurig ein Leben in der Öffentlichkeit machen kann.

Auf Netflix

Miss Americana

Filmstart: 31. Januar 2020
Land: USA 2020
Länge: 85 Minuten
Besetzung: Taylor Swift, Joe Alwyn, Jack Antonoff
Regie: Lana Wilson