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Oscars 2020

Showdown in Hollywood

06. Februar 2020

 

Wer hat die meisten Nominierungen? Das ist im Vorfeld der Oscar-Verleihung in den Medien jeweils die wichtigste Frage. Überschätzt, wenn ihr mich fragt. Natürlich hat jener Film mit den meisten Nominierungen rechnerisch die grössten Chancen auf die meisten Oscars. Doch in den letzten Jahren konnten wir immer wieder beobachten, dass diese vermeintlichen Hamsterer in den wichtigsten Kategorien übergangen wurden und sich mit Auszeichnungen im technischen Bereich zufrieden geben mussten. Dieses Jahr ist das Feld sehr ausgeglichen: Fünf Filme haben neun Nominierungen, drei stehen zehn Mal zur Auswahl, und einer schwingt mit elf knapp obenaus – «Joker».

Dennoch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass «Joker» zum grossen Abräumer wird. Zu düster und verstörend ist dieses intensive Psychogramm eines kaputten Menschen – was als Kompliment zu verstehen ist, denn genau das wollte Regisseur Todd Phillips, der die wohl untypischste Comicverfilmung bisher geschaffen hat. Aber mehrheitsfähig in der Academy ist er wohl nicht, er stellt sogar ziemlich genau den Gegenentwurf zum letztjährigen Siegerfilm «Green Book» dar. Aber, Freunde des bewegten Bilds, berechenbar sind die Oscar nicht. Und genau das ist doch das Schöne daran: Man kann spekulieren und erlebt am Ende dann doch wieder die eine oder andere Überraschung.

Bester Film

Die Ausgangslage: Vor einem Jahr habe ich mich schon über die Unart ausgelassen, derart viele Filme für die Hauptkategorie zu nominieren. Angesichts der erschlagenden Zahl von neun im 2020, werde ich das nun nicht wiederholen. Selbstredend sind auch dieses Jahr wieder einige Füller eingebaut worden, die kaum zum Zug kommen werden: «Parasite», «Ford v. Ferrari» oder «Jojo Rabbit» fallen für mich ebenso Vorneherein aus der Wertung wie die Literaturverfilmung «Little Women». Die beiden Netflix-Filme «The Irishman» und «Marriage Story» sind zwar beide hochklassig umgesetzt, bleiben jedoch im Schatten der drei Topfavoriten: «Joker», «1917» und «Once Upon a Time in… Hollywood».

Mein Tipp: Es ist ein Dreikampf auf hohem Niveau, alle hätten es verdient. Eine billige Phrase, ich weiss, aber in diesem Fall zutreffend. Ein Film steht für mich als Gesamtwerk aber über allen: 1917. Seit Steven Spielbergs «Saving Private Ryan» hat man das Kriegselend nicht mehr so hautnah miterlebt wie in Sam Mendes' Geniestreich. Der Golden Globe unterstreicht, dass ich mit dieser Meinung nicht allein bin.

Beste Regie

Die Ausgangslage. Martin Scorsese. Allein der Name lässt jeden in der Filmbranche unwillkürlich ehrfürchtig das Haupt senken. Wenn er einen Film am Start hat, noch dazu mit Schauspiellegenden wie Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci im Cast, dann ist seine Nominierung logisch. Ich bin ein grosser Fan seiner Mafia-Filme, aber «The Irishman» war für mich eine Enttäuschung. Robert De Niro ist zu alt, um einen Mann in den besten Jahren zu spielen und der Plot nicht packend genug, um die immense Laufzeit von fast dreieinhalb Stunden zu rechtfertigen. Deshalb, hochgeschätzter Herr Scorsese, wird es dieses Jahr nichts mit Ihrem zweiten Oscar. Wie so oft gelten auch hier die gleichen Werke als Favoriten wie beim Besten Film: «Joker», «1917» und «Once Upon a Time in… Hollywood».

Mein Tipp. Zum zweiten Mal bin ich auf dem selben Gleis wie die Jury der Golden Globes: 1917 wird das Rennen machen. Die Genialität des Films, das ihn schon in der Königsdisziplin triumphieren lässt, ist untrennbar mit dem Regisseur verknüpft. Sam Mendes realisierte die wahnwitzige Idee eines One-Shot-Movies, das den Kriegsfilm zu einem Erlebnis macht. 20 Jahre nach «American Beauty» der zweite Oscar für den Briten. Aussenseiterchancen gebe ich «Once Upon a Time in… Hollywood», denn darin feiert Quentin Tarantino die Filmbranche selbst.

Bester Hauptdarsteller

Die Ausgangslage. Selten hat es einen so klaren Favoriten auf den Gewinner der höchsten Auszeichnung für Schauspieler gegeben. Joaquin Phoenix' Wandlung vom erfolglosen Komiker mit dem zwanghaften Lachen zum gewalttätigen Joker ist so furchteinflössend, dass ich mich unweigerlich frage, wie Phoenix' Freundin Rooney Mara ruhig neben ihm schlafen kann. Dennoch sollen seine Konkurrenten nicht unerwähnt bleiben, denn die sind auch nicht von Pappe. Oscar-Stammgast Leonardo DiCaprio demonstriert in Tarantinos Hollywood-Epos als ausrangierter Westernheld seine vielen Facetten und hätte dafür ebenso ein Goldfigürchen verdient wie Adam Driver für seine herzzerreissende Rolle als verlassener Ehemann in «Marriage Story». Und auch Altmeister Jonathan Pryce glänzt im Netflix-Film «The Two Popes» als Papst Franziskus. Antonio Banderas ist mit dem spanischen Drama «Leid und Herrlichkeit» hierzulande eher unter dem Radar geflogen. 

Mein Tipp. Auch wenn es nach Mainstream klingt: Es kann nur einen geben! Joaquin Phoenix ist nicht nur überfällig für seinen ersten Oscar. Nein, seine Leistung als Joker ist schlicht und einfach überragend.

Bester Nebendarsteller

Die Ausgangslage. Tom Hanks. Anthony Hopkins. Al Pacino. Joe Pesci. Brad Pitt. Nein, hier sprechen wir nicht von der Kategorie des Besten Hauptdarstellers, sondern «nur» von jener des Besten Nebendarstellers. Hier treten ausschliesslich Oscar-Gewinner gegeneinander an. Allerdings gibt es unter den fünf Anwärtern einen «Exoten»: Brad Pitt gewann seine Goldstatue 2014 nicht für eine Rolle, sondern als einer von fünf Produzenten des Dramas «12 Years A Slave». Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Hochkaräter, aus denen ich allerdings zwei ausschliesse. Al Pacino und Joe Pesci agieren in «The Irishman» mit all ihrer Routine, aber zu wenig überraschend. In diesen Rollen hat man die zwei schon früher gesehen (und gebührend gelobt). Bleiben also noch drei Favoriten.

Mein Tipp. Eine Frage will mir nicht aus dem Kopf: Warum ist Tom Hanks für «A Beautiful Day in the Neighbourhood» nicht als Hauptdarsteller nominiert? Das ist doch keine Nebenrolle! Ähnlich verhält es sich mit der Nominierung von Anthony Hopkins der als der deutsche Papst Benedikt ähnlich viel Screentime hat wie Vincent Pryce. Aber geschenkt, ich setze mein Geld ohnehin auf Brad Pitt, der als intellektuell etwas beschränkter, aber rührend loyaler Stuntman in «Once Upon a Time in… Hollywood» eine ganz feine Leistung abliefert. Dass ich ihm einen Oscar noch dazu von Herzen gönnen würde, wird die Academy kaum in ihrem Urteil beeinflussen, aber gesagt sei es trotzdem!

Beste Hauptdarstellerin

Die Ausgangslage. Ich weiss nicht, worans liegt, aber bei den Frauenkategorien tu ich mich regelmässig schwer. Diese fünf Ladies haben allesamt Top-Leistungen abgeliefert. Cynthia Erivo als Freiheitskämpferin im Sklavendrama «Harriet» ist eine Wucht. Saoirse Ronan («Little Women») brilliert einmal mehr in einer Literaturverfilmung. Bei Scarlett Johanssons Auftritt als verletzte Ehefrau in «Marriage Story» herrscht Kleenex-Alarm. Und über die Klasse von Charlize Theron und Renée Zellweger muss ich ohnehin nichts erzählen.

Mein Tipp. Weil ich Mühe habe, eine klare Favoritin zu benennen, versuche ich, mich in die Mitglieder der Academy zu versetzen. Die Academy liebt tragische Biografien. Die Academy liebt Judy Garland. Die Academy wird Renée Zellweger für «Judy» auszeichnen.

Beste Nebendarstellerin

Die Ausgangslage. Bei der zweiten Frauen-Kategorie fällt es mir schon deutlich leichter, Farbe zu bekennen. Hier haben wir eine ausgewogene Mischung aus Grande Dame (Oscar-Gewinnerin 1991 Kathy Bates), bisher Übergangenen (Laura Dern und Scarlett Johansson), Frau der Stunde (Margot Robbie) und Newcomerin (Florence Pugh). Die Älteste und die Jüngste fallen für mich aus den Kränzen, aber die anderen drei sind alle heisse Anwärterinnen. Ein gewisses Drama-Potenzial besteht bei der wunderbaren Scarlett Johansson, die mit zwei verschiedenen Filmen in zwei verschiedenen Kategorien am Start ist und ohne Oscar nach Hause zu gehen droht. Auch das hat eine gewisse Tradition bei den Academy Awards.

Mein Tipp. Ich gebe zu: Ich mag Scheidungsfilme nicht. Da bildet «Marriage Story» keine Ausnahme. Aber das ist mein Problem, darunter soll der objektive Blick nicht leiden. Tatsache ist, dass in diesem Drama nicht nur die Hauptrollen top besetzt sind, sondern auch die Anwälte der beiden Protagonisten. Laura Dern spielt dabei als zuckersüsse und gleichzeitig eiskalte Nora ihren Kontrahenten Ray Liotta dermassen an die Wand, dass sie bei ihrer dritten Oscar-Nominierung nun endlich zum Handkuss kommt. Ansonsten könnte ich mir vorstellen, dass Margot Robbie in den Olymp der Schauspieler aufgenommen wird.

Wie immer spielt bei den Entscheidungen auch die Politik mit: Will man «Bombshell» auszeichnen und damit der «Me Too»-Bewegung noch einmal Tribut zollen? Und wie stark will man die Netflix-Filme ehren, was ein Zeichen in Richtung Streaming-Unternehmen wäre? «The Irishman» und «Marriage Story» kommen zusammen auf 19 Nominierungen. Vor einem Jahr erlitt das hochgelobte «Roma» mit nur drei Oscars bei zehn Nominierungen mittleren Schiffbruch. Ein ähnliches Debakel wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass das Kino bei den Oscars bevorzugt wird. Lasst die (einmal mehr Moderator-lose) Show beginnen!